Aachen: Uni-Ranglisten: Eher suggestiv als informativ

Aachen : Uni-Ranglisten: Eher suggestiv als informativ

Schon wiederholt hat die RWTH Aachen in diesem Jahr so etwas wie Ehrenplätze im akademischen Wettbewerb errungen: der sechste Platz hierzulande und Platz 78 unter den zweihundert besten Hochschulen rund um den Globus — so weit vorne war sie noch nie im Ranking des vielbeachteten Bildungsmagazins „The Higher Education“ (THE).

Gut schneidet die TH auch im ähnlich renommierten „Shanghai-Ranking“ ab: national auf Platz 15, wenngleich hinter den Technischen Universitäten in München und Dresden sowie der Nachbaruni Bonn, und international auf den ungefähr gleichwertigen Plätzen 201 bis 300 von insgesamt fünfhundert Hochschulen. Als ganz überragend erweist sich die Fakultät für Maschinenwesen als beste in Deutschland und Nummer 20 im weltweiten Vergleich des US-amerikanischen „QS-Ranking“.

TH-Rektor Ernst Schmachtenberg sagt dazu: „Wir freuen uns sehr darüber, gerade im THE Ranking den Sprung unter die besten hundert Universitäten der Welt geschafft zu haben. Doch bei aller Resonanz muss man stets im Blick haben, dass Hochschulrankings immer nur einen kleinen Ausschnitt des universitären Leistungsspektrums erfassen.“

Die wichtigsten Erfolgsmaßstäbe bleiben für Schmachtenberg die Forschungsergebnisse, die Zahl und Arbeitsmarktchancen der Absolventen und Unternehmensgründungen aus der Uni heraus. „Wenn es uns gelingt, diese Wirksamkeiten weiter zu steigern“, sagt der Rektor, „ wird dies schließlich auch in den verschiedenen Rankings sichtbar.“

Das hängt allerdings von den oft unterschiedlichen Rang-Kriterien ab. So richtet sich das THE-Ranking nach einem guten Dutzend Gesichtspunkten von der Zahl der wissenschaftlichen Abschlüsse und Veröffentlichungen bis zu Sponsorengeldern, die jeweils mit bestimmten Prozentsätzen in eine Gesamtrechnung eingehen.

Die Forschung ergibt dabei bereits die halbe Note. Indes stößt die Rangliste schon deshalb auf Bedenken, weil sie den Gesamteindruck einer Hochschule zu fast einem Drittel davon abhängig macht, wie oft Publikationen ihrer Mitarbeiter später in wissenschaftlichen Zeitschriften rezipiert und zitiert werden. Gerade in technischen Fächern münden wegweisende Forschungsprojekte aber oft nicht in Aufsätze, sondern etwa in Patente oder Ergebnisse, die Betriebsgeheimnisse sind.

Auch das Shanghai-Ranking mit einem etwas anderen Kriterien-Mix als beim THE legt das Schwergewicht auf veröffentlichte Forschungsbeiträge. Dabei werden unter anderem Nobelpreise ab 1911 berücksichtigt, was zwangsläufig jüngere Unis gegenüber älteren benachteiligt. Das „QS-Ranking“ richtet sich seinerseits vorwiegend nach den persönlichen Einschätzungen von Fachkollegen (peer-review), was Kritiker als zu subjektiv bezeichnen.

Während Rankings heute einzelne Personen, Institute oder ganze Hochschulen beurteilen, war ihr Ausgangspunkt vor einem halben Jahrhundert ein ganz anderer: Ursprünglich ging es um das Interesse von Bibliothekaren, welche Zeitschriften am meisten zitiert werden und deshalb in den Büchereien am wenigsten entbehrlich sind.

Dabei mag die Zitierhäufigkeit auch ein Indiz für die durchschnittliche Qualität einer Zeitschrift sein — deren Ansehen und Ranghöhe erlaubt aber, wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) warnt, keine „belastbare Aussage“ über einen einzelnen Aufsatz, den Autor oder seine Hochschule. Deshalb stellt die DFG etwa klar, dass für die Förderung in der milliardenschweren „Exzellenzinitiative“ von Bund und Ländern allein „inhaltliche Bewertungen“ und keine „quantifizierenden Kennzahlen“ ausschlaggebend sind.

Doch erscheinen Rankings nicht nur wegen der Kriterien zweifelhaft, nach denen sie Informationen verarbeiten — vielmehr sind schon die zugrundeliegenden Informationsmengen fragwürdig. Zwar werden sie für die THE-, Shanghai- oder QS-Listen in gigantischen Datenbanken gesammelt, doch sie erfassen die wissenschaftliche Publikationsflut nicht voll. Zeitschriften werden seit jeher viel häufiger berücksichtigt als Bücher — zum Nachteil der Kulturwissenschaften, in denen Monografien nach wie vor eine größere Rolle spielen als in den modernen Naturwissenschaften.

Dabei beruhen die Rankings auf konkurrierenden Datensammlungen großer privater Verlage, namentlich von Reuters Thomson und Elsevier. Wie dort Originalbeiträge informationstechnisch erschlossen werden, vor allem durch mathematische Algorithmen, wollte jüngst eine Doktorarbeit genauer herausfinden. Die Verfasserin Terje Tüür-Fröhlich (The non-trivial effects of trivial errors in scientific communication and evaluation, vwh-Verlag, Glückstadt 2016) stieß zu ihrer Enttäuschung auf eine Mauer des Schweigens — kein Wunder, es handelt sich um Geschäftsgeheimnisse der Medienunternehmen.

Trotzdem ergaben die Nachforschungen einen erstaunlichen Befund: Unterschiedliche Zitierweisen in Originalpublikationen, zum Beispiel mal mit oder ohne Vornamen der Autoren und verballhornten Titelangaben, zumal bei der Umschrift aus dem Arabischen oder etwa Chinesischen in unser Alphabet, führen in den Datenbanken häufig zu Verwirrung und falscher Zählung. Qualitätskontrolle über Hochschulrankings ist also von Grund auf eher ein Irrglaube oder ein blendender PR-Gag.