Unfallflucht von Würselen: Interview mit Polizei-Experte

„So einen Fall noch nie erlebt“ : Was ein Unfallflucht-Experte über die Todesfahrt von Würselen sagt

Hauptkommissar Günter Felkel hat täglich mit Fahrerflucht zu tun. Doch die Umstände der Todesfahrt von Würselen, bei der ein angefahrener Radfahrer sterbend zurückgelassen wurde, sind auch für ihn einzigartig.

Schon vor zwei Wochen hätte Günter Felkel aus dem Dienst ausscheiden können. Doch der Polizeihauptkommissar hat seine Dienstzeit verlängert – vorerst bis Ende 2020. Der 62-Jährige sitzt seit vielen Jahren im Verkehrskommissariat 1 des Aachener Polizeipräsidiums. Das VK 1 ist nicht mit in das neue Präsidium eingezogen, sondern bleibt in der Alsdorfer Wache angesiedelt. Felkel und Kollegen haben täglich mit Verkehrsunfällen und Fahrerfluchten zu tun. Sie führten auch die Ermittlungen nach dem Unfalltod eines 19-jährigen Radfahrers in Würselen, der am 21. September im Feld zwischen Linden-Neusen und St. Jöris nach einer Kollision mit einem Auto umgekommen war.

Bislang ist bekannt, dass der Wagen von einem alkoholisierten 34-Jährigen aus Würselen gesteuert wurde. Anstatt sich um den Schwerverletzten zu kümmern, organisierten er und ein 42-jähriger Bekannter aus Eschweiler in einem folgenden Auto lieber den Abtransport des beschädigten Citroen C5. Der Bekannte holte ein Abschleppseil. Beide Männer sitzen in Untersuchungshaft. Ihnen wird versuchter Mord durch Unterlassen beziehungsweise Beihilfe vorgeworfen. Felkel kennt nicht nur den Fall, er kennt als leidenschaftlicher Rennradfahrer auch die Endstraße, auf der sich der Unfall ereignete. Unser Redakteur Christoph Pauli hat mit ihm über seine Arbeit gesprochen.

Herr Felkel, die beiden beschuldigten Fahrer hätten eine lange Zeit am Unfallort reagieren und helfen können. Fällt so ein Verhalten aus dem üblichen Raster?

Günter Felkel: Definitiv, der ganze Unfall ist sehr ungewöhnlich. Einen Unfall baut niemand vorsätzlich, aber einen möglicherweise Schwerverletzten unbeachtet liegen zu lassen, obwohl man vor Ort ist, ist völlig unnatürlich. Jetzt geht es darum, Schuld, Vermeidbarkeit oder Nach­tatverhalten festzustellen. Ich habe in den vielen Jahren hier nie so etwas erlebt. Der Fall weicht von allen anderen Fällen ab.

Was brauchen Sie nach einem Unfall, um einen Fahrzeugtypen zweifelsfrei zu ermitteln, reichen Wagenteile oder Lacksplitter?

Hat täglich mit dem Thema Fahrerflucht zu tun: Polizeihauptkommissar Günter Felkel. Foto: ZVA/Christoph Pauli

Felkel: Wir haben zum Beispiel eine Leuchtmitteldatei. Anhand der Nummern, der Prägung oder anhand des Hersteller-Logos der Lampen kann man schnell Baureihen, Typen und oft auch Farbe erfassen. Dazu kommen andere Ermittlungsansätze. Nehmen wir den Fall Endstraße. Die Straße verbindet zwei kleine Orte, wird eher mitten in der Nacht von Anliegern genutzt. Dann sind vielleicht noch Teile des Kennzeichens bekannt. Anhand solcher Angaben spuckt der Computer die Citroen-C5-Halter im Umkreis aus.

Vor zehn Jahren erschien nach Fahrerfluchten zwei Tage später eine Meldung im Lokalteil der Zeitung. Jetzt üben Soziale Netzwerke einen hohen Fahndungsdruck aus. Sie haben auch nach dem Unfall in Würselen solche Kanäle genutzt. Hilft Ihnen das neue Medienzeitalter bei Ihrer Arbeit?

Felkel: Wir wägen immer ab, ob wir das Instrumentarium nutzen. Es ist Segen, aber manchmal zugleich auch Fluch. Konkret haben wir hier sehr früh unverifiziertes Täterwissen weitergegeben. Dann gibt es Rückmeldungen, auf die wir sehr schnell ohne weitere Überprüfungen reagieren müssen, weil der Täter weiß, dass wir ihm auf der Spur sind und sich absetzen oder Indizien beseitigen könnte. In dem Fall hat uns der hohe Fahndungsdruck geholfen. Es gibt aber auch die Kehrseite, wenn Geschädigte selbst Social Media einschalten, um zum Beispiel nach vermeintlichen Unfall verursachenden roten Fahrzeugen suchen, die vorne rechts einen Lackschaden haben müssen. Wir müssen dann allen Hinweisen nachgehen, und das sind manchmal sehr viele. Zudem werden schnell auch völlig Unbeteiligte zunächst einmal verdächtigt und müssen sich erklären.

Der Interviewtermin hat sich wegen Ihres Arbeitsvolumens verschoben. Lässt das den Rückschluss zu, dass immer mehr Fälle von Unfallfluchten auf Ihrem Schreibtisch landen?

Felkel: Subjektiv ist das der Eindruck. Objektiv sprechen die Zahlen eine andere Sprache: 2008 hatten wir im Zuständigkeitsbereich unserer Behörde etwa 19.000 Verkehrsunfälle, davon waren etwa 4000 Unfallfluchten. Jetzt gibt es 22.000 Unfälle und etwa 5000 Verkehrsunfallfluchten. Der prozentuale Anteil ist ziemlich gleich bei 21, 22 Prozent geblieben. Vermutlich entsteht dieser Eindruck auch dadurch, dass Fälle mit gravierenden Personenschäden immer sehr öffentlich diskutiert werden, während die überwiegende Mehrzahl der reinen Autoschäden nur in der Statistik vorkommt.

Hängt die große Zahl der Fahrerfluchten auch mit dem Irrglauben zusammen, dass ein Zettel am beschädigten Auto schon ausreicht, um den Unfallort zu verlassen?

Felkel: Das Phänomen ist eher die Ausnahme. Die Staatsanwaltschaft beurteilt solche Handlungen inzwischen auch anders. Sehr viel häufiger wird der Unfall überhaupt nicht bemerkt.

Man bemerkt nicht, dass man ein anderes Fahrzeug touchiert?

Felkel: In den heutigen Autos hat man mit seinem Umfeld kaum noch etwas zu tun. Es gibt Überwachungssysteme für die Umgebung, die Fenster sind dicht, die Anlagen laut. Man hört und sieht die Berührung nicht.

Trotz der Warnsysteme im Wagen?

Felkel: Das ist unsere Erfahrung, es gibt viele Fälle, in dem Gutachter den Wagenlenkern attestieren, dass sie nichts gemerkt haben. Das ist der Nachteil von großen, hermetisch abgeschlossenen Fahrzeugen.

Verkehrsunfallflucht ist ein Nachweisdelikt. Erschwert das Ihre Arbeit?

Felkel: Definitiv, es ist zudem auch ein Vorsatzdelikt. Wir können häufig belegen, dass ein Fahrzeug beteiligt war, wir brauchen aber den Nachweis, dass der Fahrzeugführer die Kollision bemerkt hat. Die Rechtsprechung geht inzwischen dazu über, grundsätzlich Schäden bis 1300 Euro zu ignorieren, da­rüber hinaus wird der Führerschein entzogen. Die Grenze ist allerdings aus meiner Sicht nicht mehr zeitgemäß, weil das Entfernen eines Kratzers an einem hochwertigen Fahrzeug schnell teurer ist. Geklärt ist übrigens ein Unfall zumindest statistisch, wenn ich das Kennzeichen ermittelt habe.

Erleben Sie keine klassischen Ausreden, wenn Sie Beschuldigte vorladen?

Felkel: „Ich habe es nicht bemerkt“, ist der Klassiker. Unsere Arbeit verläuft aber anders als zum Beispiel im Betrugskommissariat: Mein Gegenüber ist nicht der klassische Straftäter. Da sitzt ein Bürger, der nur einmal in seinem Leben in so eine Situation kommt. Auch der Verursacher eines Unfalls ist ein Opfer, weil er geschockt ist, oder weil auch sein Wagen defekt ist. Deswegen sind die meisten auch sehr kooperativ. Die Gruppe der Menschen, die bewusst eine Unfallflucht begehen, um eine andere Straftat zu vertuschen, ist klein.

Das Risiko solcher Menschen, ermittelt zu werden, ist gering. In Fällen von leichten Blechschäden wird nicht einmal zur Hälfte der Verursacher ermittelt.

Felkel: Das ist nur die halbe Wahrheit. Das Risiko, nach einem Unfall ermittelt zu werden, hängt auch mit der fehlenden Bereitschaft zusammen, für andere einzutreten. Vor 40 Jahren wurden Unbekannte in der Straße von Nachbarn sofort registriert. Heute sind immer mehr Leute auf der Straße, aber weniger sind bereit, zu helfen oder auch nur ihre Beobachtungen weiterzugeben. Lieber werden die die Erkenntnisse in Sozialen Medien verbreitet.

Fahrerflucht ist ein Vorsatzdelikt, das heißt Polizei und Staatsanwalt müssen belegen, dass der Fahrzeugführer den Schaden nicht nur verursacht, sondern ihn auch bemerkt hat. Ist das der frustrierende Part Ihrer Arbeit, wenn also am Ende von 500.000 Ermittlungsverfahren in Deutschland jährlich nur etwa 31.000 Verurteilungen stehen?

Foto: grafik

Felkel: Als junger Polizist habe ich bei der Ampelüberwachung gelernt, dass der Fall mit dem Verfassen der Anzeige für mich abgeschlossen ist. Wir werden natürlich als Zeugen zu Gerichtsverhandlungen geladen, erleben Freisprüche. Wenn man sich das zu Herzen nimmt, verzweifelt man.

Gibt es – wie bei Kapitaldelikten – Altfälle, bei denen die Hoffnung auf Aufklärung besteht, weil sich die Methodik im Laufe der Zeit verbessert hat?

Felkel: Die Aufklärungsrate insgesamt liegt seit Jahren zwischen 40 und 50 Prozent. Bei den meisten öffentlichkeitswirksamen Unfällen mit gravierenden Folgen ist die Quote sehr hoch, da wird auch viel Personal eingesetzt. Es gibt einen Fall aus dem Jahr 2015, als zwischen Baesweiler und Siersdorf eine Frau tödlich verunglückt ist, nachdem sie vorher überholt und laut Zeugen geschnitten wurde. Der Flüchtige wurde trotz Funkzellenauswertung nie ermittelt, obwohl wir Fragmente seines Kennzeichens hatten. Wir wissen auch nicht, ob er den Unfall mitbekommen hat. Insofern liegt auch keine Verkehrsunfallflucht vor. Wir greifen die Altfälle immer mal wieder auf. Ich glaube nicht mehr an eine Überführung durch einen Sachbeweis, vielleicht meldet sich mal jemand, dem er sein Herz ausgeschüttet hat.

Klopfen an Ihre Bürotüre häufig Leute an, um aus Eigeninitiative zu beichten?

Felkel: Nein, dafür hat sich das Unrechtsbewusstsein dann doch eher zurück entwickelt.

Wie wird sich Ihre Arbeit durch andere Methoden künftig verändern?

Felkel: Letzte Woche gab es eine interne Vorführung mit einem Unfallaufnahmeteam aus Köln, eine Art Pilotbehörde. Die Kollegen setzen 3-D-Scanner, Speedplay-Geräte, mit denen man in Sekundenschnelle Entfernungen exakt messen kann, Drohnen und hochauflösende Wärmebildkameras ein. Diese Unfallteams soll es flächendeckend in NRW geben, der politische Wille ist da, das Geld ist bewilligt, was fehlt, sind noch die Leute für diese personalintensive Arbeit.