Unfall mit fünf Toten in Stolberg: Prozess gegen Marvin H. noch 2019

Unfalltragödie mit fünf Toten : Prozess gegen Marvin H. noch dieses Jahr

Am Straßenrand stehen drei Holzkreuze, die an die furchtbare Nacht erinnern: Am 22. Dezember starben fünf Menschen bei dem Verkehrsunfall, der sich auf der Würselener Straße in Stolberg ereignet hat. Fast vier Monate ist das her, und immer noch steht das Gutachten aus, das den Unfallhergang detailliert rekonstruieren soll.

Am Straßenrand erinnern drei Holzkreuze mit den Namen der Opfer an eine furchtbare Nacht. Kerzen sind aufgestellt, Bilder und Briefe abgelegt. Eine kleine Insel der Erinnerung ist da an der Landstraße zwischen Stolberg und Aachen-Verlautenheide entstanden, auf der sich kurz vor Weihnachten der schlimmste Unfall in der Region seit vielen Jahren ereignete.

Fünf Menschen starben damals auf der Würselner Straße. Fast vier Monate ist das her, und immer noch steht das Gutachten aus, das den Unfallhergang detailliert rekonstruieren soll. Der Sachverständige hat gerade veranlasst, dass das Airbag-Steuerungsgerät des Unfallautos ausgebaut wird. Aus den ausgelesenen Daten will der Gutachter weitere Erkenntnisse gewinnen. Seine Expertise wird erst in einigen Wochen erwartet.

Die Polizei hält den Ablauf des Unfalls für „weitgehend geklärt“, hat sie bereits mitgeteilt. Sie geht davon aus, dass Marvin H. in dieser Nacht „deutlich schneller als zulässig“ unterwegs war. „Er machte an einer Radaranlage einen Schlenker auf die Gegenspur, um den Kontakt für die Radaranlage in der Fahrbahn zu umfahren.“ So steht es im Polizeibericht. Der 20-Jährige fuhr einen BMW, der ihm nicht gehörte. Der Wagen ist seit dem Unfall sichergestellt.

Warten auf den Gutachter

Bei dem Frontalzusammenstoß starben in einem entgegenkommenden Opel Astra eine Mutter mit ihren 16 und 17 Jahre alten Kindern. Der 17-jährige Opel-Fahrer hatte noch versucht auszuweichen, teilte die Polizei mit, aber auch der 20-Jährige Marvin H. wechselte noch einmal die Spur. Der Wagen der Familie ging sofort in Flammen auf. Für die Insassen kam jede Hilfe zu spät.

Marvin H. erlitt nur eine Beinverletzung. In dem von ihm gefahrenen Fahrzeug starb eine 21-jährige Frau aus Alsdorf. Zwei Tage nach der Katastrophe erlag ein weiterer 22-jähriger Insasse dieses Fahrzeugs seinen Verletzungen. Marvin H.s Freundin (20) überlebte schwer verletzt. Eine Blutprobe ergab, dass der Fahrer weder unter Drogen- noch unter Alkoholeinfluss stand.

Wie schnell der 20-Jährige unterwegs war, ist eine der Fragen, die gutachterlich geklärt werden muss. Die Polizei geht von deutlich mehr als 100 Stundenkilometern aus, einige Medien spekulieren sogar über 180 Stundenkilometer. Erlaubt ist an der Unfallstelle eine Höchstgeschwindigkeit von 70 Stundenkilometern, es besteht ein Überholverbot.

Ermittelt wird von der Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung, inzwischen aber auch wegen „Gefährdung des öffentlichen Straßenverkehres“, die mit einer höheren Strafe bedroht ist. Theoretisch könnte die Anklage auch auf den Paragraphen 315d des Strafgesetzbuches „Verbotene Kraftfahrzeugrennen“ ausgedehnt werden. Seit Ende 2017 können nach einer Gesetzesänderung auch sogenannte „Alleinraser“, die mit ihrem Fahrzeug eine höchstmögliche Geschwindigkeit erreichen wollen, mit Gefängnisstrafen belegt werden. „Ein abschließende juristische Bewertung werden wir vornehmen, wenn alle Erkenntnisse vorliegen“, sagt Katja Schlenkermann-Pitts, Sprecherin der Aachener Staatsanwaltschaft.

Hinweise für ein Rennen, über das die „Bild“ berichtet hatte, liegen der Staatsanwaltschaft nicht vor, sagt die Oberstaatsanwältin. Das Landgericht Berlin hatte zuletzt zwei Männer, die bei einem illegalen Rennen mit hoher Geschwindigkeit auf dem Ku’damm unterwegs waren, wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Fahrer, so steht es in dem Urteil, hätten in ihren hochmotorisierten Autos den Tod eines 69-Jährigen billigend in Kauf genommen.

Anklagen wegen Körperverletzung

Die Anklage der Aachener Staatsanwaltschaft wird entscheidend auch von den Feststellungen des Gutachters abhängig sein. Fest steht aber bereits, dass die Verhandlung vor dem Jugendschöffengericht in Aachen stattfinden wird. Dort, beim Amtsgericht, liegen bereits zwei Anklagen gegen Marvin H. wegen weiterer Straftaten vor, so dass nun alle Verfahren zu einem zusammengefasst werden sollen, sagt Schlenkermann-Pitts.

Anfang 2018 soll der angehende Mechatroniker, dessen Führerschein sofort eingezogen wurde, mit zwei Komplizen einem Mann am Lousberg in Aachen aufgelauert haben. Da dieser unverletzt fliehen konnte, steht der Vorwurf der „versuchten gefährlichen Körperverletzung“ im Raum. Um „Körperverletzung“ geht es auch in einem anderem Verfahren. Marvin H. soll am 10. November 2018 in der Aachener Diskothek Starfish einen Mann ins Gesicht geschlagen haben, der zuvor gegen sein Auto getreten haben soll.

Die Verhandlung soll noch in diesem Jahr vor dem Jugendschöffengericht stattfinden. Üblicherweise wird bei Heranwachsenden bis zum Alter von 21 Jahren das Jugendstrafrecht angewendet, das mehr auf erzieherische Effekte als das Erwachsenenstrafrecht setzt. Marvin H. selbst hat bislang keine Angaben zum Unfallhergang gemacht.