Unfall mit fünf Toten: Für Fahrer Marvin H. gilt das Jugendstrafrecht

Unfallfahrer vor Schöffengericht : Für Marvin H. gilt das Jugendstrafrecht

Mit zwei weiteren Angeklagten muss sich Marvin H. vor dem Jugendschöffengericht verantworten – das Verfahren wird unter Auflagen eingestellt. Demnächst beginnt an gleicher Stelle ein Prozess gegen den 21-Jährigen, dann geht es um die juristische Bewertung jenes Unfalls mit fünf Toten, den er kurz vor Weihnachten bei Aachen-Verlautenheide verursacht hat.

Marvin H. versteckt sich ein bisschen, er will nicht wieder fotografiert werden. Schon lange, bevor die Verhandlung beginnt, betritt er das Gerichtsgebäude, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Dann wartet er fernab des Saales auf den Beginn der Prozesses. Und auch am Ende des Verfahrens taucht er ab. Im Justizzentrum darf der 21-Jährige nicht fotografiert werden, aber Bilder von Marvin H. sind dennoch letzte Woche beim Boulevard aufgetaucht, der ihn vor dem Gebäude aufgenommen hatte.

Marvin H. ist der Verursacher des Unfalls, der sich ein paar Stunden vor Weihnachten zwischen Stolberg und Aachen-Verlautenheide ereignet hatte. Das Verfahren steht noch aus. Vermutlich wird der junge Mann bereits im nächsten Monat wegen Gefährdung des öffentlichen Straßenverkehrs oder fahrlässiger Tötung angeklagt. Die Verhandlung soll dann nach dem Willen der Staatsanwaltschaft wieder vor dem Jugendschöffengericht stattfinden.

Dort am Aachener Amtsgericht war Marvin H. mit seinen Freunden Angelo E., 23, und Haris K., 23, schon jetzt wegen anderer Delikte angeklagt. Der Vorwurf lautete Körperverletzung und auch Sachbeschädigung.

Richterin Katrin Thierau-Haase stellte das Verfahren gegen die drei Männer nach intensiver Beratung unter Auflagen ein. Haris K. muss 300, Marvin H. 250 und Angelo E. 800 Euro an gemeinnützige Jugendhilfeeinrichtungen überweisen. Zahlbar in Raten.

Haris K. war angeklagt verurteilt, weil er in einer langen bierseligen Nacht im November 2018 nach einem handfesten Krach mit Marvin H. vor der Aachener Diskothek „Starfish“ den Wagen von Angelo E. „aus Rage“ mit allerhand Tritten zerbeult hatte - Reparaturkosten: 7400 Euro.

In dem anderen Fall ging es um versuchte Körperverletzung oder vielleicht letztlich auch nur um Nötigung. Die eng befreundeten Angelo E. und Marvin H. sollen an einem späten Freitagabend im Januar 2018 am Lousberg einen ehemaligen Nebenbuhler von Angelo E. aufgelauert und bedroht haben. Für Angelo E. war es ein rein zufälliges Treffen, das spätere Opfer fühlte sich in eine Falle gelockt. Eine Ex-Freundin von Marvin H. hatte sich via Handy dort zu einem ersten Date mit ihm verabredet. Statt der jungen Frau tauchten dann drei Männer am Treffpunkt auf, sagte der 25-Jährige. Er registrierte Schlagstöcke, fühlte sich beleidigt und bedroht – und flüchtete.

Das ist die Geschichte, um die es ging. Marvin H. machte vor Gericht keine Aussagen, Angelo E. blieb bei seiner Zufalls-Version, von der sich Staatsanwältin Anna Kraft „ziemlich veräppelt“ fühlte. Der Nachweis, dass die Männer das Opfer tatsächlich verprügeln wollten, ließ sich aber schwer erbringen.

Im Zentralregister sind bei Marvin H. bislang nur eingestellte Verfahren festgehalten. Mal ging es um einen Verstoß gegen das Kunst- und Urhebergesetz, mal um Bedrohung und - zuletzt im November 2018 - um Körperverletzung.

Der Angeklagte hatte in den letzten Tagen mit seiner Mutter bei einer Psychologin der Jugendgerichtshilfe vorbeigeschaut und ein bisschen Einblick in sein Leben gegeben. Die Grundschulzeit verlief noch planmäßig, später auf der Realschule war er dann als „Störenfried“ aufgefallen. Das achte Schuljahr musste er wiederholen, das fiel in eine Phase, als er sich große Sorgen um die gesundheitlich schwer angeschlagene Mutter machte.

Vor drei Jahren begann er im elterlichen Betrieb die Ausbildung zum Mechatroniker. Die mündliche Abschlussprüfung ist absolviert, die praktische auf unabsehbare Zeit aufgeschoben.

Marvin H. geht auf Krücken, ist aufgrund seiner Beinverletzungen nach dem Unfall arbeitsunfähig geschrieben. Die Vertreterin der Jugendhilfe attestierte ihm eine „Reifeverzögerung“ und setzte sich dafür ein, dass Jugendstrafrecht anzuwenden, das eher erzieherisch wirken soll. Und es gibt keinen Hinweis darauf, dass im nun anstehenden Prozess wegen des Unfalls anders verfahren wird.

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