Unfall in Stolberg: Staatsanwalt klagt Marvin H. am Amtsgericht an

Unfall mit fünf Toten in Stolberg : Staatsanwaltschaft klagt Marvin H. am Amtsgericht an

Die Staatsanwaltschaft Aachen hat Anklage gegen Marvin H. aus Herzogenrath erhoben. Der 20-Jährige hatte am 22. Dezember einen Unfall zwischen Stolberg und Aachen-Verlautenheide verursacht, bei dem fünf Menschen ums Leben kamen.

Ursprünglich wollte die Staatsanwaltschaft mit der Erhebung der Anklage warten, bis das in Auftrag gegebene sogenannte Rekonstruktionsgutachten erstellt ist. In diesem Gutachten soll zum Beispiel festgestellt werden, wie schnell die am Unfall beteiligten Fahrzeuge bei der Kollision waren. Das könnte den Ermittlern dabei helfen einzuschätzen, welche Straftaten Marvin H. genau zur Last gelegt werden. Doch obwohl das Gutachten noch nicht da ist, hat die Staatsanwaltschaft die Anklageschrift bereits fertig gestellt. Warum die Behörde ihren ursprünglichen Zeitplan nun ändert, blieb am Montag offen.

Die Anklageschrift ist gerade erst beim Amtsgericht Aachen eingegangen, wie eine Sprecherin am Montag auf Anfrage unserer Zeitung bestätigte. Darin wird Marvin H. fahrlässige Tötung, ein schweren Eingriff in den Straßenverkehr und ein „verbotenes Kraftfahrzeugrennen“ mit Todesfolge vorgeworfen. Nachdem die Ermittler einen Mord schon früh ausgeschlossen hatten, ermittelten sie im Wesentlichen wegen fahrlässiger Tötung weiter. Dass sie nun ein „verbotenes Kraftfahrzeugrennen“ annehmen, war bislang nicht bekannt.

Der Straftatbestand „verbotenes Kraftfahrzeugrennen“ trat erst im Oktober 2017 in Kraft (Paragraf 315 d). Laut Gesetz kann von einem solchen Rennen auch dann ausgegangen werden, wenn jemand nicht gegen weitere Teilnehmer fährt, sondern allein unterwegs ist. Nämlich dann, wenn ein Raser sich „mit nicht angepasster Geschwindigkeit, grob verkehrswidrig und rücksichtslos fortbewegt, um eine höchstmögliche Geschwindigkeit zu erreichen“, wie es im Strafgesetzbuch heißt. Wegen eines „verbotenen Kraftfahrzeugrennens“ war erst vergangenen Freitag der 46 Jahre alte Andreas Z. in Aachen verurteilt worden, der am 3. Januar einen tödlichen Unfall bei Alsdorf verursacht hatte.

Ein „verbotenes Kraftfahrzeugrennen“ mit Todesfolge ist mit einer Haftstrafe zwischen einem und zehn Jahren bedroht. Da gegen Marvin H. aber nach Jugendstrafrecht verhandelt wird, liegt die theoretische Strafe zwischen sechs Monaten und fünf Jahren Jugendhaft. Dass die Staatsanwaltschaft die Anklage zum Amtsgericht Aachen erhoben hat, lässt allerdings den Schluss zu, dass die Staatsanwaltschaft in diesem Fall davon ausgeht, dass die zu erwartende Strafe für Marvin H. unter vier Jahren Haft liegt. Denn bei einer Straferwartung, die oberhalb von vier Jahren liegt, wäre das Landgericht zuständig.

Die Polizei hatte schon ein paar Tage nach dem Unfall den Ablauf als „weitgehend geklärt“ eingestuft. Laut einer Pressemeldung geht sie davon aus, dass Marvin H. in dieser Nacht „deutlich schneller als zulässig“ unterwegs war. „Er machte an einer Radaranlage einen Schlenker auf die Gegenspur, um den Kontakt für die Radaranlage in der Fahrbahn zu umfahren.“ Der 20-Jährige fuhr einen BMW, der ihm nicht gehörte und sichergestellt wurde. Bei dem frontalen Zusammenstoß starben in einem entgegenkommenden Opel Astra eine Mutter mit ihren 16 und 17 Jahre alten Kindern. Der 17-jährige Opel-Fahrer hatte noch versucht auszuweichen, so die Polizei, aber auch der 20-Jährige Marvin H. wechselte noch einmal die Spur. Der Wagen der Familie ging sofort in Flammen auf, für die Insassen kam jede Hilfe zu spät.

In dem BMW starb eine 21-jährige junge Frau aus Alsdorf. Zwei Tage nach der Katastrophe erlag ein weiterer 22-jähriger Insasse dieses Fahrzeugs seinen Verletzungen. Marvin H. erlitt nur eine Beinverletzung, seine Freundin (20) überlebte schwer verletzt. Eine Blutprobe ergab, dass er weder unter Drogen- noch unter Alkoholeinfluss stand.

Wie schnell er tatsächlich auf der Würselner Straße unterwegs war, ist eine der Fragen, die nun das Gutachten klären soll. Kurz vor dem Unfall soll Marvin H. ein anderes Fahrzeug mit 130 Stundenkilometern überholt haben. Die Höchstgeschwindigkeit liegt am Unfallort bei 70 Stundenkilometern, es gibt ein Überholverbot.

Schon vor ein paar Wochen stand Marvin H. vor dem Jugendschöffengericht. Das Verfahren gegen den angehenden Mechatroniker wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung wurde gegen Zahlung einer Geldstrafe von 250 Euro eingestellt.

Ob das Jugendschöffengericht nun die Anklage annimmt, wird in den nächsten Wochen festgelegt. Die Richterin entscheidet dann, ob sie die Öffentlichkeit zulässt. Im Herbst könnte die Verhandlung stattfinden.

Mehr von Aachener Zeitung