Unfall im Blausteinsee: Warum starb die 53-Jährige Taucherin?

Tod einer Taucherin im Blausteinsee : Der Einsatz, die Obduktion, die Fragen

Am 17. August geriet eine Taucherin im Blausteinsee in eine Notlage. Obwohl die Feuerwehr schnell zur Stelle war, starb die 53-Jährige. Allerdings blieb die Todesursache bislang ungeklärt. Wie kann das sein?

Der Notruf erreichte die Eschweiler Feuerwehr um 12.27 Uhr, und es dauerte kaum eine Minute bis 12.28 Uhr, bis die ersten Feuerwehrleute auf dem Weg zum Blausteinsee waren. Es war Samstag, der 17. August, der Anrufer hatte der Feuerwehr mitgeteilt, dass eine Taucherin vermisst wird. Um 12.35 Uhr erreichten die ersten Feuerwehrmänner den See.

Es war nicht der erste Einsatz für die Eschweiler Feuerwehr am Blausteinsee. Seit der See am 12. August 2000 sozusagen eröffnet wurde, hat es immer wieder auch Tauchunfälle gegeben. Das hat nichts mit dem Blausteinsee an sich zu tun, Tauch­unfälle passieren in jedem Gewässer, in dem getaucht wird. Die Berufsfeuerwehr der Stadt Eschweiler hat deswegen eine sogenannte Einsatzmittelkette entworfen, die in etwa so aussieht, wie sie am 17. August in Kraft trat:

Der Feuerwehrmann

Nach dem Alarm rückt ein Zug der Berufsfeuerwehr aus, zehn Mann. Im Anschluss werden die Freiwilligen Feuerwehren in Lohn, Dürwiß und Kinzweiler alarmiert. Alle drei Eschweiler Stadtteile liegen in unmittelbarer Nähe des Sees. Der Löschzug Dürwiß, 33 Mitglieder, hat ein weiteres Motorboot, der Löschzug Kinzweiler, 23 Mitglieder, hat ein Schlauchboot. Und die 17 Feuerwehrleute des Löschzugs Lohn sind alle ausgebildete Rettungsschwimmer. Wie viele Freiwillige Feuerwehrleute gerade an Wochenenden kommen, ist Glückssache. Aber Axel Johnen, Leiter der Eschweiler Berufsfeuerwehr, sagt, er könne sich darauf verlassen, dass alle drei Löschzüge immer Leute schicken können, wenn sie gebraucht werden.

So war es auch am 17. August. Johnen, der an diesem Tag die Einsatzleitung übernahm, obwohl er eigentlich dienstfrei hatte, zählte bis zu 50 Feuerwehrleute, die bis 12.40 Uhr am Blausteinsee waren. 13 Minuten, nachdem der Alarm eingegangen war. Die Sache ist nur die: Wenn die Feuerwehr zu einem Tauch­unfall gerufen wird, ist es eigentlich schon zu spät. So war es leider auch an diesem Tag.

Am 17. August Einsatzleiter am Blausteinsee: Axel Johnen, Chef der Eschweiler Feuerwehr. Foto: ZVA/Irmgard Röhseler

Um 12.36 Uhr erhielt die Leitstelle der Hauptwache Eschweiler die erste Rückmeldung vom Blausteinsee. Darin hieß es, dass die Taucherin bereits vor Eintreffen der Feuerwehr gefunden und an Land gebracht worden war. Sie hatte, sagt Einsatzleiter Johnen, im Unglück zunächst großes Glück: Da zufällig eine Ärztin vor Ort war, begann diese sofort nach der Bergung mit der Reanimation der Taucherin. Als kurz darauf die Feuerwehr eintraf, übernahmen die Feuerwehrleute die Reanimierungsversuche, als der Notarzt eintraf, übernahm der Notarzt. Die Reanimation ging noch eine zeitlang weiter. Dann wurde der Tod der Frau festgestellt. Um 14.03 Uhr war der Einsatz am Blausteinsee beendet.

Später stellte sich heraus, dass die gestorbene Taucherin eine 53 Jahre alte Frau aus Grafschaft war, die Gemeinde liegt oberhalb der Weinberge an der Ahr. Sie war an diesem Tag mit ihrem Sohn nach Eschweiler gefahren, beide waren mit einem Tauchlehrer am Blausteinsee verabredet. Der Tauchgang hatte wie verabredet begonnen: der Tauchlehrer, die 53-Jährige und ihr Sohn. Gegen Mittag, während sie getaucht war, hatte die Frau signalisiert, dass es ihr nicht gut geht. Wie in solchen Situationen üblich, halfen ihre beiden Tauchpartner der Frau dabei, langsam aufzutauchen. Etwa fünf Meter unterhalb der Wasseroberfläche kollabierte die Frau, danach wurde sie an Land gebracht. Das ist der Stand der Ermittlungen.

Da bei allen Todesfällen, bei denen unnatürliche Todesursachen nicht ausgeschlossen werden können, immer die Kriminalpolizei eingeschaltet wird, leiteten die Beamten ein entsprechendes Verfahren ein. Die Staatsanwaltschaft Aachen legte fest, dass die Frau zu obduzieren ist, um die Todesursache einwandfrei festzustellen. Die Leiche der Frau musste in die Rechtsmedizin des Kölner Universitätsklinikums gebracht werden, das für die Obduktionen im Landgerichtsbezirk Aachen zuständig ist, seit 2001 gegen heftige Widerstände besonders der Aachener Staatsanwaltschaft die Rechtsmedizin im Aachener Klinikum geschlossen wurde, aus Kostengründen.

Der Rechtsmediziner

Drei Tage nach dem Tauchunfall erklärte die Aachener Staatsanwaltschaft am 20. August, dass die Obduktion der Leiche keine Gewissheit über die Todesursache der Taucherin erbracht hatte. Ob die Frau ertrunken ist, an einem Herz-Kreislauf-Versagen oder aus ähnlich naheliegenden Gründen starb, konnten die Kölner Rechtsmediziner letztlich nicht feststellen. Ein eher ungewöhnlicher Fall, wie auch Burkhard Madea bestätigt, seit 1996 Direktor des Instituts für Rechtsmedizin des Bonner Universitätsklinikums.

Im Laufe der Jahrzehnte hat Madea Tausende Obduktionen durchgeführt. „Wenn die Leichen in gutem Zustand sind, können wir in fast 100 Prozent der Fälle die Todesursache feststellen“, sagt er. Für Außenstehende mag die Formulierung „guter Zustand“ in Zusammenhang mit einer Leiche respektlos klingen. Aber ein Leichnam beginnt früh zu verwesen. Und je weiter die Verwesung voranschreitet, desto schwerer haben es Pathologen und Rechtsmediziner, Todesursachen festzustellen.

„Wir können keinen Mordfall in 45 Minuten lösen“: Burkhard Madea, Chefarzt der Bonner Rechtsmedizin. Foto: ZVA/Uni Bonn

Das Bild, das die Öffentlichkeit von Rechtsmedizinern hat, sagt Madea, sei maßgeblich von der US-Fernsehserie „Quincy“ aus den 70er Jahren und von ähnlichen Serien oder Serienfiguren beeinflusst worden, die später an den Rechtsmediziner „Quincy“ angelehnt wurden. Seit 2002 hat auch die ARD-Krimiserie „Tatort“ einen Rechtsmediziner, der in den Fällen, die in Münster spielen, zum Einsatz kommt. Doch die von „Quincy“ und seinen Fernsehnachfolgern vermittelten Vorstellungen über die Möglichkeiten der Rechtsmedizin seien im Wesentlichen falsch. Madea sagt: „Ich kann, anders als ,Quincy‘ im Fernsehen, nicht durch eine Obduktion innerhalb von 45 Minuten einen Mordfall aufklären.“

Die Staatsanwälte

Madea kann Fälle beschreiben, in denen Krankheiten zum Tod führten, die zu Lebzeiten des Patienten gar nicht bekannt und somit nicht aktenkundig waren. Oder andere Fälle, in denen die Konstellation, die zum Tod führte, so wenig offensichtlich war, dass sie eben nicht gleich erkannt werden konnte. Madea spricht etwa von der Möglichkeit eines diabetischen Komas, das erst zur Bewusstlosigkeit und später zum Tod führt. Wisse der Rechtsmediziner bei der Obduktion der Leiche nichts von der Diabetes, sei es schwierig, die Todesursache sofort und zweifelsfrei festzustellen.

Madea möchte sich nicht konkret zum Fall der toten Taucherin im Blausteinsee äußern, aber er weist darauf hin, dass die Möglichkeiten der Rechtsmedizin mit dem Abschluss der Obduktion nicht beendet sind. Lasse sich eine Todesursache nicht auf Anhieb feststellen, „haben wir ein ziemlich umfangreiches Repertoire an Zusatzuntersuchungen, das uns hilft, die Todesursache zu klären“.

Insbesondere bestehe die Möglichkeit, etwa ein chemisch-toxikologisches Gutachten anzufertigen. Mit Hilfe chemischer und pharmazeutischer Verfahren können Körperflüssigkeiten und Gewebeproben anlaysiert werden. So ließe sich zum Beispiel feststellen, ob ein Mensch zum Zeitpunkt seines Todes Alkohol oder Drogen konsumiert, Medikamente oder Lebensmittelgifte zu sich genommen hatte. Allerdings dauere die Erstellung eines solchen Gutachtens zwischen vier und sechs Wochen, sagt Madea.

Auf Anfrage unserer Zeitung erklärte die Aachener Staatsanwaltschaft, dass die von Madea beschriebene Zusatzuntersuchung tatsächlich in der Rechtsmedizin der Uni Köln in Auftrag gegeben worden sei. Woran die Taucherin am 17. August im Blausteinsee gestorben ist, wird nach Fertigstellung des chemisch-toxikologischen Gutachtens mit großer Wahrscheinlichkeit feststehen.