Nordeifel: Und wann endlich röhrt die Hirschkuh?

Nordeifel: Und wann endlich röhrt die Hirschkuh?

Der Anblick eines röhrenden Eifelhirschs mag den Herzschlag eines Jägers beschleunigen, doch als Werbung - etwa um Besucher für den Nationalpark - ist der Hirsch eher eine Niete. Dies ist eine Erkenntnis aus einem Pilotprojekt zu „Gender Mainstreaming im Nationalpark Eifel”.

Heinz, der dank des Internets weltweit bekannte röhrende Eifelhirsch, hat trotz seiner Top-Internetquote ein echtes Image-Problem. Und das nicht nur bei Menschen, die schon durch gleichnamige Wandbehänge ihre persönliche Kitsch-Grenze überschritten sehen.

Frauen fühlen sich von einer männlich dominierten Jägerbildsprache nach dem Motto „kapitaler Hirsch bei der Brunft” oder „dicker Keiler im Unterholz” nämlich keineswegs magisch angelockt.

Für 27\.000 Euro

Das besagt jedenfalls ein im Auftrag des nordrhein-westfälischen Umweltministeriums erstelltes Gutachten mit dem Titel „Gender Mainstreaming”. Der Verein Deutsche Sprache übersetzt den Begriff nicht nur mit „Geschlechtergleichberechtigung”, sondern parallel dazu mit „Geschlechtsrollenausgleich”.

Auf einen einfachen Nenner gebracht heißt dies: Es gibt unterschiedliche Perspektiven oder Interessen bei Mann und Frau. Und wer erfolgreich einen Nationalpark führen will, tut gut daran, auch dies zu berücksichtigen. Sonst darf er sich nicht wundern, wenn bei der Urlaubsplanung einer Familie der Blick der Mutter vom Motorsägen schwingenden Waldarbeiter nicht eingefangen wird.

27\.000 Euro hat sich das Land das wissenschaftlich angelegte Pilotprojekt im Nationalpark Eifel kosten lassen, das vom Frankfurter Institut für sozial-ökologische Forschung durchgeführt würde.

Elf Monate lang nahmen drei Mitarbeiterinnen des Instituts die Strukturen im Nationalpark unter die Lupe. Henning Walter, Leiter des Nationalpark-Forstamtes, ist überzeugt, dass dieses Geld nicht zum Fenster herausgeworfen, sondern profitabel angelegt ist. Denn nicht alle Erkenntnisse lassen sich aus gesundem Menschenverstand herleiten.

Dafür sind historische Rollenverteilungen und -verständnisse in unser aller Köpfe zu eingefahren. Die Wissenschaftler führten ihm vor Augen, dass Frauen es keineswegs toll finden, wenn ihre Geschlechtsgenossinnen auf Pros- pektfotos von männlichen Rangern, und dann auch noch von oben herab, belehrt werden. Zu dumm, dass Walter selbst ein echtes Männer- (oder Frauen-) Problem hat. Die Einstellungspolitik der Landesforstverwaltung in den letzten Jahren hat dafür gesorgt, dass es sich bei den 16 Rangern im Park ausnahmlos um Männer handelt. Walter: „Wenn ich Frauen kriegen könnte, würde ich sie sofort nehmen.”

Froh ist er, zumindest im Bereich Umweltbildung auch Frauen im Team zu haben. Wobei allerdings auch die männlichen Ranger ihre Vorzüge haben, etwa dann, wenn sie in die Kindergärten und Schulen gehen, um die Pänz für die Natur zu begeistern. Dort dominieren im Personal die Frauen; ein Defizit, das die Ranger als ergänzende „männliche Vorbilder” im Hinblick auf die Jungen wettmachen können.

Der kleine Unterschied

Die Studie hat schon kräftig auf die Arbeit des Nationalpark-Forstamtes abgefärbt. Genaues Hinschauen und Umdenken macht sich etwa bei den Bildungsangeboten bemerkbar. So gibt es Kurse, die für Jungen und Mädchen gleichermaßen interessant sind. Doch manchmal sind auch die „kleinen Unterschiede” von Bedeutung. So kann durchaus etwa ein reines Mädchencamp Sinn machen. Und sei es, weil Eltern ihren Töchtern eher die Erlaubnis geben, wenn keine Jungs dabei sind.

Die Bildauswahl für Broschüren und Prospekte bildet ein weiteres Feld. Darin ist dann auch nicht mehr umständlich-korrekt von „Studentinnen und Studenten” die Rede, sondern - Gender-Checkliste und gendersensiblem Leitfaden sei Dank - ganz geschlechtsneutral von „Studierenden”. So darf man jetzt schon gespannt darauf sein, ob schon bald in einer Nationalpark-Broschüre eine Frau die Motorsäge schwingt. Oder eine Hirschkuh röhrt.

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