Umweltbewusstsein boomt: Bienenfreunde, Fridays-Schüler, Hambi-Kämpfer

Umweltbewusstsein boomt : Bienenfreunde, Fridays-Schüler, Hambi-Kämpfer

Paten für Blumenwiesen, Imkerkurse in der VHS und jeden Freitag Schülerdemos für das Klima: Im einstigen „Kohleland“ NRW boomt der Umweltschutz. Den Naturverbänden laufen Neumitglieder die Türen ein. Das könnte die Politik verändern.

Jochen Kanders vom Welleshof in Uedem am Niederrhein verdient sein Geld mit Biogas, Photovoltaik und Ackerbau: Weizen und Mais, Zuckerrüben und Kartoffeln. In diesem Frühjahr bepflanzt der Niederrheiner Teile seiner Felder aber mal ganz anders: als bunte „Bienenweiden“ mit Klee, Lupinen, Sonnen- oder auch Ringelblumen. Mitte Februar bot der Landwirt über Ebay Patenschaften über jeweils 25 Euro für das Naturschutzprojekt an. In nur zwei Monaten verpflichteten sich 75 Paten für 15.000 Quadratmeter Blumenwiese, die den Bienen Nahrung gibt. „Ich hätte nicht gedacht, welche Dynamik das Ganze entwickelt“, sagt Kanders.

Der Schutz der Umwelt wird im einstigen „Kohleland“ NRW zunehmend und in überraschender Breite zum In-Thema. Der größte Naturschutzverband des Landes, der Nabu, wuchs allein 2018 um 6600 Mitglieder. Da auch Mitglieder sterben oder wegziehen, entspreche das mehr als doppelt so viel Neueintritten, sagt der Landesvorsitzende Heinz Kowalski. Man habe um die 60 Neueintritte pro Werktag. Auch der Naturschutzverband BUND legte erheblich zu.

Medienberichte über das Insekten- und damit auch Vögelsterben, das Wiederauftauchen des Wolfes, der öffentlichkeitswirksame Kampf um den Hambacher Forst und nicht zuletzt der beängstigende Dürresommer 2018 - all das habe die Leute aufgerüttelt, glaubt Kowalski. „Seit zwei Jahren entwickelt sich das sehr intensiv“, sagt er - und: „ja, wir haben eine neue Sehnsucht nach der Natur.“

Den Blumensamen für seine Bienenweide zeigt Landwirt Jochen Kanders. Er hatte über Ebay 25 Euro-Patenschaften für das Naturschutzprojekt angeboten und in nur zwei Monaten verpflichteten sich 75 Paten für 15 .00 Quadratmeter Blumenwiese. Foto: dpa/Roland Weihrauch

Schon seit Monaten nehmen sich in NRW deshalb am Freitag viele Schüler Klima-Schulfrei: Rund 5000 waren es landesweit zuletzt, die an einem Freitag während der Unterrichtszeit mit Plakaten für den Klimaschutz durch Innenstädte zogen. Schule schwänzen ist zwar verboten, konkrete Schritte gegen die „Fridays for Future“-Schüler gab es bisher aber nicht. Viele Lehrer hegen offene Sympathie und begleiten den Protest sogar im Unterricht.

Immer mehr Menschen im Land treibt das Schicksal der Bienen um, die Pflanzen bestäuben und damit eine Schlüsselrolle für die Natur einnehmen: Schon über 11.000 Menschen betreuen - meist als Hobby-Imker - selbst Bienenstöcke. Die Zahl wächst seit Jahren, auch viele junge Leute sind jetzt dabei, berichtet Christoph Otten vom Fachzentrum für Bienen und Imkerei in Mayen (Rheinland-Pfalz). Grundkurse zum Imkern in Theorie und Praxis bieten mehrere NRW-Volkshochschulen an. Der Öko-Roman der Norwegerin Maja Lunde „Die Geschichte der Bienen“ stand lange in den Bestsellerlisten - genauso wie schon 2015 und 2016 das Buch „Das geheime Leben der Bäume“ des aus Bonn stammenden Försters Peter Wohlleben.

Im monatelangen Abwehrkampf gegen eine Rodung des Hambacher Forstes für den Braunkohleabbau riskierten Tausende Anzeigen und Konflikte mit der Polizei, bis der Wald vorerst gerettet war.

„Ich spüre, dass die aktuellen Natur- und Umweltthemen wie Klimawandel und Insektensterben oder Naturschutz an Bedeutung gewinnen“, sagt NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU): „Dies verändert bereits jetzt den politischen Alltag, denn es fällt zunehmend leichter, diese Themen zu setzen, sie werden nicht mehr so leicht von anderen Themen überholt.“ Die Ministerin empfindet „politischen „Rückenwind“. Zum Glück, denn „viel Zeit bleibt uns nicht.“

Das sehen Wissenschaftler genauso: NRW mit seinen zahlreichen Großstädten ist sommerlichen Hitzewellen wie 2018 besonders stark ausgesetzt. In Düsseldorf wären etwa 70 Prozent der Bevölkerung an solchen Tagen von „ungünstigen oder sehr ungünstigen thermischen Situationen“ betroffen, heißt es in einer Aufstellung des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv). Dass es „so gut wie sicher“ heißer wird in NRW, hatte der Wetterforscher Paul Becker vom Deutschen Wetterdienst bereits im NRW-Umweltbericht 2016 geschrieben - deutlich vor dem Hitzesommer 2018.

Becker rechnete damals mit im Schnitt 1,3 Grad mehr im Vergleich 1971 bis 2000 und 2021 bis 2050, was nach den Erwartungen der Wissenschaftler etwa Ernterückgänge wegen des beschleunigten Getreidewachstums und deutlich mehr Niederschlag im Winter und vor allem mehr Starkniederschläge mit sich bringen könnte. Herzkranke leiden besonders unter Hitzewellen - ihre Sterblichkeit wachse bei Hitze um rund 15 Prozent, heißt es in dem Bericht.

„Jetzt handeln“, forderte Wetter- und Klimaforscher Becker 2016. Das glaubt auch Landwirt Kanders heute, drei Jahre später. „Brauch ich einen SUV mit 400 PS für die Stadt? Muss ich in den Urlaub fliegen?“, fragt er. Konsequentes umweltfreundliches Handeln fange klein an - mit dem Einkauf regionaler Produkte und dem Rückbau geschotterter Vorgärten in grüne Natur.

(dpa)
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