Zwei Politikerinnen zum Thema Integration: Über Doppelpässe, Vielfalt und neue Deutsche

Zwei Politikerinnen zum Thema Integration : Über Doppelpässe, Vielfalt und neue Deutsche

Zwei Frauen, zwei Politikerinnen, zwei Kölnerinnen. Zwei, die sich dem Thema Integration verschrieben haben – auch weil ihre eigenen Biografien sie dafür sensibilisiert haben.

Serap Güler (CDU) ist Staatssekretärin für Integration, Berivan Aymaz (Grüne) ist integrationspolitische Sprecherin ihrer Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag. Das Interview führte Alev Dogan.

Unsere Gesellschaft diskutiert derzeit viel über Integration. Empfinden Sie beiden sich eigentlich auch als Gegenstand von solchen Debatten?

Serap Güler: Ja, das kommt immer mal wieder vor. Ich weiß nicht, wie das bei Berivan war, aber mein Interesse an Integrationspolitik hat viel mit meiner Biografie zu tun. Als eine Zeit lang Themen wie Zwangsehen und Ehrenmorde eine große mediale Resonanz erfuhren, fragten mich auf einmal Leute, die mich und meine Familie seit Jahren kennen, vor meinem Türkei-Urlaub, ob ich jetzt verheiratet wiederkomme. Ich habe diese Frage schon als Angriff empfunden, weil ich dachte: Leute, habt ihr sie noch alle? Ihr kennt mich, ihr kennt meine Familie, wie kommt ihr darauf, mir so eine Frage zu stellen? Erfahrungen wie diese haben mich zur Integrationspolitik gebracht. Für verschiedene Gruppen gilt man als Vorbild, für andere als ein besonders gelungenes Beispiel der Integration – wo ich dann auch immer sagen muss: Ich wurde hier geboren, und ich bin hier sozialisiert. Es gibt Tausende Biografien, die meiner ähnlich sind.

Berivan Aymaz: Ich habe ja selbst tatsächlich eine Migrationsgeschichte, ich bin nicht hier geboren. Ich bin mit sechs Jahren hergekommen und kann mich noch gut daran erinnern, ein Land zu verlassen und neu in ein Land zu kommen, dessen Sprache man nicht spricht. Was das bedeutet, nicht zu wissen, wo die Toilette in der Schule ist und danach nicht fragen zu können, weil man halt noch kein Deutsch kann. Ich glaube schon, dass mich diese eigene Migrationsgeschichte geprägt hat. Wichtiger finde ich aber vielmehr die Frage: Wie gestaltet sich eine plurale Gesellschaft? Und ich glaube, dass diese Frage im Moment auch weltweit immer mehr an Bedeutung gewinnt. Und natürlich ist meine Person auch immer wieder mal Thema: Ich habe einen fremd klingenden Namen, Berivan Aymaz hört sich jetzt nicht so an wie Bärbel Müller, mein Geburtsort ist nicht Deutschland, aber ich habe nicht den Eindruck, dass das zentral ist.

Integrationsdebatten sind auch oft Debatten um Begrifflichkeiten: Deutsche mit Migrationshintergrund, Deutsch mit diesen oder jenen Wurzeln, Deutsch-Türken, Bio-Deutsche – wie definieren Sie sich eigentlich?

Aymaz: Ich finde es sehr schwierig, mich nur auf ein Identitätsmerkmal zu reduzieren. Ich bin Frau, ich bin Grüne, ich bin Menschenrechtsaktivistin. Ich habe eine Migrationserfahrung gemacht, und mit meiner kurdischen Identität bin ich Teil einer verfolgten Volksgruppe, was mich auch sehr stark geprägt hat in meiner Politisierung. Aber sehr positiv finde ich, dass die Bezeichnung ‚Menschen mit internationaler Erfahrung‘ immer mehr Zugang findet. Denn es sind genau diese Erfahrungen, die unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit in einer Einwanderungsgesellschaft zentral sind.

Güler: Ich würde mich als vielfältige Deutsche bezeichnen. Ich habe auch nichts dagegen, wenn man über mich Deutsche mit Migrationsgeschichte sagt, aber ich definiere mich selbst vor allem als deutsch, mit einem türkischen Einschlag und muslimischen Wurzeln. Das ist diese Vielfältigkeit, von der Berivan auch gerade sprach. Ich bin in einer türkischen Familie groß geworden, kenne diese Kultur sehr gut. Aber ich bin halt in Deutschland groß geworden mit einer Nachbarin, die aus Ostdeutschland kam und die die beste Freundin meiner Mutter war. Ich bezeichne mich schon als Deutsche – das war nicht immer so.

Sie haben beide die deutsche Staatsbürgerschaft im Nachhinein angenommen. Und Sie haben Ihren alten, den türkischen Pass abgegeben. Wie würden Sie diese persönliche Erfahrung eigentlich beschreiben?

Güler: Für mich war es schwierig. Als ich 15 Jahre alt war, legte meine Mutter mir die Unterlagen zur Einbürgerung hin und sagte, ich solle mich einbürgern lassen. Wieso?, habe ich sofort gefragt. Ich sah keinen Grund dafür. Diese Unterlagen schlummerten dann jahrelang vor sich hin, ohne dass ich sie mir einmal angeguckt habe. Als ich mich dann ein paar Jahre später damit beschäftigt habe, war die Zeit vorbei, in der man seine alte Staatsbürgerschaft behalten konnte. Ich wollt e aber die türkische Staatsbürgerschaft nicht abgeben, weil mir dieser Teil meiner Identität sehr wichtig war. Und diesen Kampf habe ich ungefähr zehn Jahre geführt. Das Schlüsselerlebnis war die Landtagswahl 2010. Da war ich schon politisch aktiv und habe für meine Partei gekämpft – aber im entscheidenden Moment am Wahltag nicht mitentscheiden zu können, das war mein Schlüsselmoment. Eine Woche danach habe ich die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Das machst Du nie wieder, habe ich mir gesagt, dass so über Dich entschieden wird, Du aber trotz deines Engagements im entscheidenden Moment nicht mitwirken kannst. Ich habe also die türkische Staatsbürgerschaft abgegeben, was mir in dem Moment schwer fiel, aber ich habe auch die Erfahrung gemacht: Okay, du hast ein Stück Papier abgegeben, aber nicht deine Identität, denn dieses Türkische kann Dir weiterhin niemand wegnehmen. Ich würde mir trotzdem nach wie vor wünschen – und ich weiß, dass das in mein er Partei nicht jeder so sieht – dass das Thema Mehrstaatlichkeit von der Bundesregierung nicht nur den Jüngeren gestattet wird, sondern auch und gerade den Älteren. Also ja, das fiel mir schwer, aber ich habe es nie bereut. Und mit der Annahme der deutschen Staatsbürgerschaft ist dieses Gefühl, dass das mein Land ist, bei mir auch gewachsen.

Aymaz: Bei mir war es anders, denn ich hatte die emotionale Bindung zur türkischen Staatsangehörigkeit gar nicht. Das hatte stark mit meiner kurdischen Identität zu tun. Ich war 27 Jahre alt als ich den deutschen Pass bekam, und hatte das Gefühl, ja das passt, so ist es richtig. Sehr bedauerlich finde ich, dass meine Eltern das nicht erfahren dürfen, die hätten gern die doppelte Staatsbürgerschaft, bekommen sie aber nicht. Ich finde Mehrstaatlichkeit sehr faszinierend, weil ich finde, dass das auch genau der weltweiten Entwicklung und dem Globalisierungsprozess entspricht. Und vor allem ist das ein Bruch mit dem Gedanken von homogener Nationalstaatlichkeit – was ja in der Praxis längst so ist.

Wir haben diese homogenen Nationalstaaten nicht mehr. Und diese gesellschaftliche Entwicklung auch mit einem entsprechenden Staatsbürgerschaftsrecht zu verankern, finde ich sehr wichtig. Leider erleben wir aber in der Frage gerade eine Rückentwicklung. Wir haben ja jetzt eine Gesetzesverschärfung des Staatsbürgerrechts, mit der zusätzlich noch ein Leitkultur-Prinzip aufgenommen worden ist, was fatal ist.Güler Das sehe ich nicht als das größte Problem. Schwierig ist vielmehr, dass die ältere, also die erste Generation, die hier viel geleistet hat, kein Recht auf doppelte Staatsbürgerschaft bekommt. Ob diese Menschen am Fließband gearbeitet haben, unter Tage oder auf dem Bau – sie haben unser Land mit aufgebaut. Und das ist etwas, was wir ruhig laut aussprechen können, ohne dass wir uns da einen Zacken aus der Krone brechen. Wenn diese Menschen ihre alte Staatsbürgerschaft nicht abgeben mü ssten, wäre das eine besondere Art der Wertschätzung und Anerkennung ihrer Lebensleistung. Übrigens könnte eine solche Geste auch in Hinblick auf die jüngeren Generationen sehr vieles positiv ändern. Wir in Deutschland könnten durch die Anerkennung der älteren Generationen auch deren Kinder und Enkel sehr viel stärker erreichen. So würden wir den Kindern und Enkeln der ersten Generation zeigen: Das hier ist euer Land. Nicht Erdogan oder Putin sind euer Präsident, sondern Frank-Walter Steinmeier. Ihr seid hier zu Hause – und das können wir am besten, wenn wir eben diese Wertschätzung ihren Eltern und Großeltern gegenüber zeigen.

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