Aachen/Düsseldorf: Turboabitur: Kampf um G8/G9 ist wieder voll entbrannt

Aachen/Düsseldorf : Turboabitur: Kampf um G8/G9 ist wieder voll entbrannt

Dieter Cohnen ist ganz sicher, dass es in Nordrhein-Westfalen bald wieder G9 geben wird. „Ich bin optimistisch, dass das Votum der Eltern gehört wird“, sagt der Vorstand der Landeselternschaft NRW und Vorsitzende der Schulpflegschaft in Aachen.

Der Verband hatte lange das verkürzte Abitur (G8) unterstützt, bis es im vergangenen Jahr zu einer kleinen Revolte kam. Der alte Vorstand wurde gestürzt, Cohnen und andere kamen. Jetzt ist klar: „Wir wollen ein Zurück zu G9 und nicht die 100. Variante von G8.“ Und zwar, so steht es in den gerade formulierten Forderungen, ab dem kommenden Schuljahr.

Die Wiederentdeckung

Die Elterninitiativen „G9 jetzt“, die sich schon länger vehement und laut für eine Abkehr vom „Turboabitur“ einsetzt, und die Initiative „Gib-8“ bekommen also Unterstützung in NRW. Dort wird wie in vielen anderen westdeutschen Bundesländern erbittert darüber gestritten, ob Schüler am Gymnasium in acht oder neun Jahren das Abitur absolvieren sollen. Laut der repräsentative Umfrage der Landeselternschaft der Gymnasien NRW mit rund 50.000 Beteiligten wollen 79 Prozent der Eltern zurück zu G9. Es ist ein günstiger Zeitpunkt, denn bundesweit setzt sich zurzeit vermehrt der Elternwille durch.

Niedersachsen beispielsweise hat zum laufenden Schuljahr wieder flächendeckend G9 eingeführt. In Bayern sollen Schulen entscheiden können. Und jetzt haben auch die Parteien in NRW das „Turboabitur“ wiederentdeckt. „Dass das Thema in NRW hochkocht, ist auch der anstehenden Wahl geschuldet“, sagt Bildungsforscher Klaus Klemm.

Um etwas Ruhe in die schon wieder aufgeheizte Diskussion zu bringen, soll es am Montag auf Einladung von NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmannn (Grüne) erneut einen Runden Tisch zu G8 geben. Beim vorigen Treffen wurden Veränderungen des „Turboabiturs“ vereinbart, die Schüler entlasten sollten. Diesmal soll es aber nicht weiter oder zumindest nicht ausschließlich darum gehen, sondern „natürlich auch um die aktuelle Debatte“, wie das NRW-Schulministerium auf Anfrage unserer Zeitung mitteilte.

Doch vor der Wahl im kommenden Jahr ist eine Entscheidung in der Sache nicht zu erwarten. „Leider wird die Schulministerin das aussitzen“, sagt Cohnen. Er hätte das „Turboabitur“ gern aus dem Wahlkampf rausgehalten. Ihm missfällt, dass sich „ausgerechnet die Alternative für Deutschland und die Piraten für eine komplette G9-Rückkehr einsetzen“.

Alle anderen Parteien in NRW setzen auf weichere Lösungen. Doch das wollen sich die Elternvertreter nicht bieten lassen. Marcus Hohenstein, Sprecher von „G9 jetzt“ in NRW, sieht „viele Nebelkerzen“ in der Diskussion. Doch die Initiative setzt schon zum nächsten Angriff an: Anfang 2017 soll es ein Volksbegehren geben. Die 3000 notwendigen Unterschriften sind reine Formsache. Man sehe sich dazu gezwungen, weil der Diskurs mit der Landesregierung nicht den gewünschten Erfolg gebracht habe. Wenn G8 einfach so eingeführt werden konnte, warum dann jetzt nicht auch wieder G9? Das wüssten Hohenstein und Cohnen stellvertretend für viele Eltern gern.

Tatsächlich hatte die Einführung von G8 nie etwas mit Pädagogik zu tun. Eingeführt wurde G8 von der Politik vor allem aus ökonomischen Gründen. Man wollte angesichts des demografischen Wandels schneller Arbeitskräfte generieren, erklärt Klemm. Kinder wurden früher eingeschult und das Gymnasium verkürzt. Hinzu kam die Umstellung des Studiums auf Bachelor und Master. Die Kalkulation der Politik war, sagt Klemm, dass man im Schnitt zwei Jahre Arbeitszeit auf Kosten von zwei Jahren Bildungszeit gewinnt.

Dass viele Eltern das für falsch halten, hat sich seit Einführung des „Turboabiturs“ nicht geändert. „Die Debatte war nie erledigt“, sagt auch Dorothea Schäfer, Landes-Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Sie glaubt, dass die Verdichtung dort problematisch war, wo Gymnasien nicht zu richtigen Ganztagsschulen geworden sind. In jedem Fall wurde der Protest der Eltern lauter. „Keines der Argumente für G9 oder gegen G8 wird durch Ergebnisse der Bildungsforschung gestützt“, kritisiert Klemm.

Der Bildungsforscher ist einer von vielen Fachleuten, die eine Diskrepanz zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Befürchtungen von Eltern bemängeln. Der Tübinger Bildungsforscher Ulrich Trautwein mahnte zuletzt eine Versachlichung der G8-Debatte an. „Bei dem jetzigen Diskurs sollte man sich die Fakten angucken.“ Fakt ist zum Beispiel, dass es in NRW keinen signifikanten Unterschied der Abiturnoten der letzten G9- und der ersten G8-Kohorte gab.

Mehrere Studien belegen, dass es keinen Unterschied hinsichtlich der Studierfähigkeit gibt. Und bei der repräsentativen Jako-O-Umfrage unter rund 3000 Eltern aus dem Jahr 2014 bevorzugten zwar 79 Prozent der Eltern G9. Gleichzeitig hielten aber nur neun Prozent der Eltern ihr Kind für überfordert. Und dann gibt es ja auch noch die Gesamtschulen, deren Schüler in neun Jahren Abitur machen.

Ein Kampf ums Prinzip

„Meine Tochter bekommt das hin, aber ich würde ihr ein Jahr mehr gönnen“, sagt auch Dieter Cohnen. Es geht also eher ums Prinzip, als um Fakten. Das muss man wissen, um die sich anbahnenden Probleme in der Debatte, auch am Runden Tisch, zu verstehen.

Den Elternvertretern gefällt keiner der Vorschläge der Parteien. Die Wahlfreiheit für Gymnasien der FDP führe zu Chaos, was auch Bildungsforscher Klemm so einschätzt. „In einer Stadt wie Aachen mag das noch gehen, aber in dünner besiedelten Region mit nur einem Gymnasium haben Kinder dann keine Wahlfreiheit.“ Außerdem könnte es Probleme etwa bei Umzügen in andere Kommunen geben. Die CDU sucht derweil noch ihren Weg. Das flexible Abitur der SPD kommt zwar bei der GEW gut an. Schäfer: „Daran sollte man intensiv weiterarbeiten.“ Auch Klemm glaubt, dass die Wahl in der Oberstufe ideal ist. Doch Hohenstein nennt es nur spöttisch ein freiwilliges „Sitzenbleibjahr“.

Die Verhandlungsposition der Eltern ist knallhart: G9 für alle. Und den Eltern geht es noch um etwas anderes: Qualität. „Ja, dann muss es eben wieder Hausaufgaben geben, denn ohne Üben geht es nicht“, sagt „G9 jetzt“-Sprecher Hohenstein. „Die Schüler müssen wieder mehr Wissen vermittelt bekommen“, sagt Cohnen. Es werde zu viel auf Zeit gelernt, zu wenig fürs Leben.