Circus Roncalli: Trotz Neuerungen bleibt der alte Zauber

Circus Roncalli : Trotz Neuerungen bleibt der alte Zauber

Nur wenige Schritte, und das Grau der Stadt ist vergessen, die Besucher tauchen ein in pupurrotes Licht, funkelndes Gold und den Duft der Kindheit – Popcorn, gebrannten Mandeln, Zuckerwatte. Hübsche Mädchen lächeln in feschen Uniformen, Clowns locken, und das Zirkus-Orchester unter Georg Pommer spielt sich warm: Roncalli ist da.

Mit seinem neuen Programm gastiert der Zirkus von Bernhard Paul bis zum 5. Mai auf dem Aachener Blücherplatz. „Storyteller“ lautet der Titel einer schwungvollen Show.

Die Gruppe der Akteure ist überschaubar, aber in jeder Nummer hochkarätig. Ohne Tiere, ohne Plastik folgt man modernen Einsichten, wobei Brezeln, Bier und Cola nicht verbannt sind. Das Zirkusrund ist vollbesetzt, rund 1500 Zuschauer drängen sich auf Sitzen, bei denen Körperkontakt unausweichlich ist.

Roncalli setzt auf die Verflechtung von Tradition und Moderne. Da stampfen holographisch generierte Elefanten und Pferde durch die Manege, wird ein Industrieroboter in Szene gesetzt. Sofort übernehmen die Clowns das Regiment. Gensi, der edle Weißclown, verkörpert gravitätisch schönste Zirkusgeschichte, geheimnisvoll kommt Paolo Carillon, der Mann mit der Leidenschaft für Zahnräder und qualmende Maschinen daher, Eddy Neumann agiert mit stolperigem Charme, der kleine Russe Anatoli Akerman spielt frech mit menschlichen Schwächen.

Als Entdeckung geistert der Mexikaner Christirrin wie ein Till Eulenspiegel durch die Vorstellung. Was kann er nicht? Genialer Musiker, körperbewusster Artist, Tänzer mit Michael-Jackson-Moves, einfallsreicher Komödiant, Gesangsinterpret – ein nimmermüder Publikumsliebling.

Mit märchenhaftem Glitzer wird nicht gespart. Da wirkt die leidenschaftliche Strapaten-Nummer von Adèle Fame wie eine getanzte Fantasie, sorgt Quincy Azzario für eine neue Bedeutung des Begriffs „Handstand“. Die südamerikanischen Cedeños Brothers, von denen drei später als Flying Jalapeños mit Clown Christirrin am Trapez zusammentreffen, heben einander, lassen den Partner fliegen, rotieren oder vollführen den mehrfachen Salto – in Lackschuhen und Herrenmode. Sie reizen die Grenzen des Machbaren aus. Da ist auch mal ein Absprung nicht optimal. Das Publikum applaudiert und erkennt: Zirkus ist eben live und riskant.

Das vergisst man in romantischen Augenblicken, etwa bei den „Queens of Baroque“, wenn Bernhard Pauls älteste Tochter Vivian zusammen mit Partnerin Natalia den prunkvollen Kronleuchter in der Zirkuskuppel zu waghalsigen Figurenfolgen nutzt, die Bello Sisters in ihren lebenden Statuen zarte Erscheinung mit einer Dynamik verbinden, die man nicht erwartet. Auf schwankenden Stäbchentürmen sorgt Zhenyu Li für magische Momente, besonders beim Spagat in luftiger Höhe.

Ansteckende gute Laune

Ansteckend wirkt die gute Laune der Künstler, die den Kontakt zum Publikum suchen – ganz besonders beim Ulk. Beatboxer Robert Wicke, der bereits vor zwei Jahren in Aachen begeisterte, hat in den Clowns und dem „physical Comedian“ Kai Eikermann die richtigen Gefährten für irrwitzige Musik- und Spielszenen gefunden. Natürlich gibt es eine Zuschaueraktion. Wicke schnappt sich einen Mann, Dietmar aus Geilenkirchen – das Publikum jubelt, aber ist Dietmar wirklich so naiv? Wicke, Meister der Toncollagen, trifft in Eikermann auf einen Alleskönner, der die Muskeln rollen lässt, unglaubliche Geräusche produziert und ein toller Beakdancer ist, eine Bereicherung der Show, die vom Roncalli-Ballett „garniert“ wird.

Mit Spannung erwartet: UliK Robotic, das Spiel mit dem blauen Industrieroboter, der wie ein Fantasy-Ungeheuer das Schwert schwenkt: der Chinese Pole aus Carbon wird zum RoboPole, an dem Paul Herzfeld wie ein Traumwandler Höchstleistungen erbringt, in bis zu neun Metern Höhe posiert oder in Querlage wie eine Wetterfahne verharrt, als ob die Schwerkraft keine Rolle spielt. Er klettert, balanciert und springt, während der Roboter die Stange rundum durch die Manege kreisen lässt. Der Blick in die Zukunft gelingt, dennoch sind beim Finale alle glücklich über Luftballons und Konfetti.

Der Roncalli-Zauber bleibt zeitlos.

Mehr von Aachener Zeitung