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Trickbetrüger: Polizei warnt alte Menschen

Trickbetrüger : Im Alter geht oft das Misstrauen verloren

Der Vormittag beginnt mit einem Lobgesang: „Hier sind die treuen Sinnen, die niemand Unrecht tun, all denen Gutes gönnen, die in der Treu beruhn. Gott hält sein Wort mit Freunden, und was er spricht, geschieht; und wer Gewalt muss leiden, den schützt er im Gericht.“ Dann ist der Psalm von Paul Gerhardt vorbei, und die Gruppe geht in einen schönen Besprechungsraum des evangelischen Gemeindezentrums in Aachen-Kornelimünster.

Im weitesten Sinn geht es auch da um Unrecht und Gewalt, aber es ist kein jahrhundertealter Psalm mehr, vielmehr eine aktuelle Betrugsmasche.

Wilhelm Schäfer steht da am Beamer. Der ehemalige Berufssoldat ist „Senioren- und Sicherheitsberater bei der Polizei Aachen im Ehrenamt“. So steht es auch auf seinem Anstecker, den er trägt. Männer und Frauen wie Schäfer arbeiten unentgeltlich für das KK 44, für das Kriminalkommissariat Vorbeugung.

Schäfer selbst ist zu der Aufgabe durch eine Straftat gekommen. Im Italienurlaub in Sienna wurden ihm Dokumente entwendet. Das hatte zwei Folgen: Die Schäfers brachen den Urlaub ab, und Schäfer entschloss sich, von nun an ehrenamtlich über kriminelle Gefahren im Alltag aufzuklären. 10 bis 15 Mal referiert er nun im Jahr. „Wir wollen keine Angst machen, sondern sensibilisieren“, sagt er. An diesem Morgen hören ihm etwa zwei Dutzend zu. Einige sind vermutlich auch im Alter des 77-Jährigen.

Die Gefahr, dass ältere Menschen Opfer einer Straftat werden, ist statistisch wesentlich geringer als bei jüngeren Menschen. Die Zahlen sind seit Jahren konstant. Das ändert nichts an dem subjektiven Gefühl, in bestimmten Situationen oder zu bestimmten Tageszeiten nicht mehr sicher zu sein.

Das Kriminalkommissariat Vorbeugung schickt schon seit zehn Jahren geschulte Frauen und Männer wie Schäfer in Seniorenvereine oder soziale Einrichtungen, um zu informieren und zu sensibilisieren.

Wilhelm Schäfer ist ehrenamtlich bei der Aachener Polizei als Berater für Senioren tätig. Foto: Christoph Pauli

Vermeintliche Polizisten oder Staatsanwälte

An diesem Morgen geht es um ein Delikt, das gerade groß in Mode ist. Immer häufiger melden sich bei Senioren vermeintliche Polizisten oder Staatsanwälte mit Geschichten über aktuelle Straftaten. Zum vermeintlichen Schutz des Eigentums werden die Opfer aufgefordert, Geld oder Wertgegenstände auszuhändigen. Auch auf der Bank sei das Geld nicht mehr sicher, weil deren Mitarbeiter zu einer Bande gehören, die es gerade auf das Opfer abgesehen habe. „Die treten so glaubhaft auf, dass kein Verdacht aufkommt.“

Schäfer macht den Job schon seit vielen Jahren. Er spricht von „Ganoven“ und wählt häufig die „Wir“-Form: „Erst neulich hatten wir den Fall, dass....“ Als er seinen Vortrag beendet hat, flattert eine Polizeimeldung herein. Wieder meldeten ein Dutzend Bürgerinnen und Bürger, dass sich falsche Polizisten gemeldet hätten.

Die Betrüger melden sich meistens mit einer Rufnummer, die aus der Ortsvorwahl des Wohnsitzes des Opfers und der 110 besteht. In der Fachsprache heißt das „Call-ID-Spoofing“, sagt Wolfgang Hermanns, der Dezernatsleiter Kriminalitätsauswertung des LKA in Düsseldorf. Die Betrugsmasche nimmt seit dem 4. Quartal 2016 drastisch zu, Anrufer stellen sich als Polizisten, Staatsanwälte oder Richter vor. 2016 wurden landesweit 1257 Fälle, 2017 bereits 8022 gemeldet. Entsprechend stieg der Anteil der „Vollendungen“: Im letzten Jahr gab es davon 671, im Jahr zuvor 171.

Und die Dunkelziffer ist hoch, sagen die Experten, obwohl das Landeskriminalamt NRW den Umfang der Prävention erhöht hat. „Die Zielgruppe ist sehr groß“, sagt Hermanns. Im Internet werden beispielsweise illegal Datensätze mit potenziellen Opfern angeboten.

Die Masche

Die Spur der Ermittler führt häufig zu Call-Centern in der Türkei, Betrugshelfer in Deutschland holen dann die abgelegte Beute ab. „Aus unserer Sicht haben auffallend viele Täter einen Migrationshintergrund“, sagt Hermanns. Ihre Masche: Der vermeintliche Polizist teilt telefonisch mit, dass man einer Bande auf die Schliche gekommen sei, die einen Einbruch beim Gesprächspartner vorbereite. Das Geld auch bei der Bank sei nicht sicher, weil auch da ein Komplize zu finden sei. Es folgt der Ratschlag, dass man nun aus Sicherheitsgründen alle Wertgegenstände und Bargeld der Polizei „vorübergehend“ übergeben soll.

In Würselen hat im Juli eine 78-Jährige einen Monat lang immer wieder Geld an einem vereinbarten Ort abgelegt, dann waren 300.000 Euro verschwunden. Die Seniorin hatte noch nie von der Betrugsmasche gehört, gab sie später an. „Wir wissen, dass am Telefon ein enormer Druck aufgebaut wird“, sagt der LKA-Mann. Häufig wird die Gutgläubigkeit und die im Alter mitunter nachlassende Auffassungsgabe der Senioren ausgenutzt.

Warum ältere Menschen darauf hereinfallen? „Sie sind manchmal einsam und freuen sich über jeden Kontakt, jedes Telefonat“, sagt Sicherheitsberater Schäfer.

Der Hannoveraner Kriminologe Christian Pfeiffer, 74, bestätigt die Eindrücke. „Die Einsamkeit wächst.“ Opfer seien primär Alleinlebende. Nur selten finden sie sich in Wohngemeinschaften, Altenheimen oder Familien. Pfeiffer weist noch auf ein anderes Phänomen hin. „Mit wachsendem Alter entsteht eine Vertrauensverschiebung. Das Misstrauen sinkt, Informationen kommen manchmal nur selektiv an, die Warnlampen gehen nicht mehr so gut an.“

Der ehemalige niedersächsische Justizminister plädiert für ein Gegenmittel: „Wir brauchen andere Wohnformen für ältere Menschen.“