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Köln: Toni Schumacher: „Selbst den Rasen mähe ich mit Besessenheit“

Köln : Toni Schumacher: „Selbst den Rasen mähe ich mit Besessenheit“

Er hat ein neues Buch geschrieben, der Vize-Präsident des 1. FC Köln. Am 15. November, 19.30 Uhr, ist Toni Schumacher, der langjährige FC- und Nationaltorwart, zu Gast im Alten Rathaus in Würselen. Bernd Mathieu sprach am Freitag mit ihm.

Sie kommen auch im neuen Buch immer wieder auf Ihr erstes Buch „Anpfiff“ zurück. Das Thema beschäftigt Sie nach wie vor intensiv.

Schumacher: Ja, weil mich die Vergangenheit durch die Gegenwart einholt mit Themen wie Videobeweis, Profischiedsrichter und so weiter. Das habe ich vor 30 Jahren vorhergesagt. Das wollte zwar damals noch keiner hören, aber es ist aktueller denn je. Es ist schade, dass sich damals die Leute, die mich rausgeschmissen haben, nicht die Mühe gemacht haben, das Buch ganz zu lesen. Sie haben nur drei Seiten Text und davon die zweieinhalb Seiten über Doping gelesen, und das war‘s. In dem Buch stehen wesentlich interessantere Dinge. In einem „Spiegel“-Bericht wurde ich später sogar einmal „Nostradamus des Fußballs“ genannt.

Sie haben damals geschrieben, dass in der Bundesliga gedopt werde. Könnten Sie heute diese Passage noch so formulieren?

Schumacher: Nein, das ginge nicht. Es gab damals in der Bundesliga keine Dopingkontrollen, nur bei Welt- und Europameisterschaften. Wir haben heute eine völlig andere Situation. Wer sich heute noch dopt, muss echt dumm sein. Die Kontrollen sind streng, und so muss es auch sein.

„Ein tiefer Fall führt oft zu höhrem Glück.“ Sie zitieren im Buch sogar Shakespeare. Trifft das die Stimmung nach dem Pokalsieg des FC in Berlin?

Schumacher: Wir haben gerade das erste Mal seit August gewonnen. Nicht mehr. Aber im Rheinland gehört es eben dazu zu sagen: Uns ist ein Stein vom Herzen gefallen. Im Umkehrschluss heißt das aber auch: Wir sind nicht plötzlich die Super-Mannschaft und es ist längst nicht alles im grünen Bereich. Aber es freut mich für die Mannschaft, die endlich mal belohnt wurde. Sie hat vorher nicht so schlecht gespielt, dass wir an letzter Stelle stehen müssten. Gegen RB Leipzig waren wir auf Augenhöhe, gegen Frankfurt und in Stuttgart hatten wir Pech mit dem Videobeweis bzw. Nicht-Videobeweis. Aber das ist abgehakt, darauf reite ich nicht herum.

Die Fans waren teilweise — zuletzt gegen Bremen — trotz aller Anfeuerungen sehr bedrückt.

Schumacher: Ja, der Sieg in Berlin tut deshalb allen gut, den Fans, der Mannschaft, dem Trainerteam und den Mitarbeitern. Das Selbstbewusstsein ist gestärkt worden.

Man spielt immer nur so gut wie man trainiert, schreiben Sie. Wenn aber am Training von Peter Stöger nichts zu kritisieren ist, woran lag und liegt es dann — nur am Pech?

Schumacher: Ich habe diese Aussage auf die Einstellung der Spieler bezogen. Wer im Training schludert, ist auch im Spiel nicht verlässlich. Aber das heißt nicht umgekehrt, dass eine Mannschaft schlecht trainiert haben muss, wenn sie verliert. Pech ist im Fußball schwer zu definieren, aber glücklich ist es für uns nun wirklich nicht gelaufen. Wir haben nicht damit gerechnet, wieder um Platz fünf mitzuspielen. Aber dass wir mit der — bis auf einen einzigen Spieler — selben Mannschaft nur zwei Punkte aus neun Spielen holen, damit konnte man nicht rechnen.

Es gab Verletzungen.

Schumacher: Ja, zum Beispiel Risse und Hector, das kommt dann alles dazu. Wir wissen schon, wie die Krise zu erklären ist, brauchen das aber nicht als Entschuldigung.

Torhüter haben ein Besessenheits-Gen, sagen Sie. Hat das auch noch der Vize-Präsident des 1. FC Köln?

Schumacher: Das habe ich nicht verloren, das habe ich sofort in meiner Antrittsrede gesagt: Ich kenne nur ein Gas, und das ist Vollgas. Das gilt für alles, das ich tue. Selbst den Rasen mähe ich mit Leidenschaft, Besessenheit und Fanatismus.

Gewiss zur Freude Ihrer Frau.

Schumacher: Ja klar. Und Sie selber wissen doch: Wenn wir auf der Bühne stehen und führen wie zuletzt in Aachen ein Interview, dann mache ich das genauso — leidenschaftlich und herzlich. Wenn ich das nicht tun würde, hätte ich ein schlechtes Gewissen.

Sie stammen aus unserem Verbreitungsgebiet, aus Düren. Haben Sie noch Beziehungen zu Ihrem Heimatort?

Schumacher: Wenig, da wohnt aus meiner Jugendzeit außer einem Cousin niemand mehr. Zu ihm fahren wir immer an Allerheiligen und gehen dann zum Friedhof.

Ihre Mutter Helga hat Sie früh davon überzeugt, dass Sie sich ins Tor stellen sollen. Sie wollte, dass Sie sich einen ruhigen Posten suchen, den im Tor. Sie hat dann schnell Ihr erstes Torwarttrikot genäht. Ihre Mutter war ausschlaggebend für die Torwart-Karriere, keine Frage!

Schumacher: Meine Mutter hat ohnehin mein Leben sehr stark geprägt und bestimmt, weil mein Vater morgens aus dem Haus ging, arbeitete und erst abends spät wieder zurückkam. Den ganzen Tag waren wir mit der Mama zusammen. Ich spielte auch damals schon immer volle Pulle. Wenn ich vom Training nach Hause kam, war ich fix und fertig, und da hat meine Mutter gesagt: Kannst du das nicht ein bisschen gemütlicher machen, wie wäre es denn mit dem Tor?

Ihre Mutter hat Sie sehr geprägt, nicht nur im Fußball.

Schumacher: Das stimmt. Von meiner Mutter habe ich auch eine traurige Seite.

Sie schreiben sogar, dass Sie „nahe am Wasser gebaut“ haben. Das ist kaum zu glauben..

Schumacher: Ja, ja. Das ist eine Seite, die kannte man von Toni Schumacher nicht. Die Leute haben von mir das Bild vom leuchtenden Hero, der mit gebrochener Nase, mit gebrochenen Fingern, mit Fleischwunden spielt. Aber auch Super-Heroes haben mal Probleme. Es ist manchmal einfacher, mit einem gebrochenen Finger zu spielen als mit seelischen Problemen.

Diese Traurigkeit ist auch ein bisschen kölsche Mentalität.

Schumacher: Genau!

Gemütlich war der Torwart-Job nicht, wenn man Ihre Verletzungsliste mit kaputten Knien, Rippenbrüchen, Gehirnerschütterungen, gebrochenen Fingern und gebrochener Nase liest. Das hatte sich Ihre Mutter wohl anders vorgestellt.

Schumacher: Gemütlich war es tatsächlich nicht. Aber nicht zu spielen, nur weil ich einen Finger gebrochen habe, das kommt in meiner Genetik nicht vor, das geht nicht. Ich habe ja dann noch neun gesunde Finger.

Nach dem Rausschmiss beim FC haben Sie wenige Tage später den Antrag auf offizielle Vereinsmitgliedschaft gestellt. Der wurde abgelehnt. Heute sind Sie Vize-Präsident. Was für eine Karriere!

Schumacher: Ich habe 30 Jahre darauf gewartet, dass mich mal jemand fragt, ob ich helfen kann. Es hat aber nie einer gefragt — bis es dann Werner Spinner tat, der jetzige Präsident. Da war für mich klar, dass ich nicht die beleidigte Leberwurst spielen und sagen würde: „Ätschi, bätschi, jetzt komme ich nicht.“ Nachdem Werner hier bei mir aus der Tür raus war, meinte meine Frau Jasmin: Du brauchst nichts zu sagen, ich weiß sowieso schon, was du machst.“

Haben Sie das Versprechen ihr gegenüber gehalten, nicht ihr ganzes Leben an den FC zu hängen?

Schumacher: Das ist nicht immer ganz einfach. Ich habe ihr versprochen, dass der FC nicht unser Privatleben beeinflusst, aber das tut es trotzdem.

Ihr Buch ist auch ein Stück Selbstreflexion. Sind Sie heute, nach 30 Jahren, versöhnlicher und vielleicht einfach auch netter?

Schumacher: Nett war ich immer.

Geschenkt!

Schumacher: Versöhnlich war dagegen nicht so meine Stärke. Wenn ich die kurzen Hosen anhatte, war ich manchmal unausstehlich. Das kann sein...

Torhüter haben es besonders schwer, Sie schreiben: „Du kannst zwar der Held sein, aber machst du einen Fehler, bist du der letzte Depp.“ Gilt das auch für Fußball-Manager? Ist Jörg Schmadtke jetzt tatsächlich der Sündenbock, wie Fans, Medien und Öffentlichkeit diese Woche mutmaßten?

Schumacher: Das sieht so aus, aber bei uns intern war das nie so.

Jörg Schmadtke selber sagt, er könne mit jedem von Ihnen im Vorstand nach wie vor ein Bier trinken. Sehen Sie das auch so?

Schumacher: Das unterstreiche ich, das unterstreiche ich sogar mit Rot. Es ist niemals von irgendeiner Seite, weder von Jörg Schmadtke, noch von uns angedacht worden, uns zwischen ihm und dem Trainer zu entscheiden. Auch dass er den Trainer rauswerfen wollte, ist nie ein Thema gewesen, nie!

In Ihrem Buch äußern Sie sich sehr positiv über Peter Stöger. Ein Satz lautet: Rasch kristallisierten sich Stögers Vorzüge heraus: seine Weigerung, eine problematische Situation noch zu verkomplizieren; seine Widerstandsfähigkeit in Drucksituationen.“ Das ist fast eine Vorhersage für die aktuelle Lage.

Schumacher: Ich sage Ihnen doch: Nostradamus ist mein zweiter Name (er lacht herzlich!).

Ja dann: Sie würden sich freuen, so wörtlich, „wenn Peter Stöger hier der kölsche Arsène Wenger wird“. Der ist seit 20 Jahren Trainer bei Arsenal London. Glauben Sie, dass das trotz der Krise noch klappen kann?

Schumacher: Peter Stöger ist schon jetzt länger hier als jeder andere Trainer in der Vereinsgeschichte, insofern hat sich der Wunsch schon erfüllt. Sie haben die Reaktion der Mannschaft in Berlin gesehen: Da stimmt alles.

Ihre Nostradamus-Fähigkeit beweisen Sie auch an anderer Stelle, wenn Sie daraufhin weisen, dass Vereine wie Hertha BSC, Mainz 05, Augsburg oder Freiburg ihren überraschenden Ausflug nach Europa teuer bezahlt haben — immer mit einem Abrutschen in der Tabelle oder teilweise sogar mit dem Abstieg. Denken Sie manchmal an die Zweite Liga?

Schumacher: Wir steigen nicht ab! Der FC ist ein starker Verein, das haben auch die letzten fünf Jahre gezeigt. Wir haben inzwischen über 100 000 Mitglieder und damit die Mitgliederzahl mehr als verdoppelt. Das ist schon ein spürbar anderer Club geworden.

Ein weiteres Zitat aus Ihrem Buch lautet: „Es ist liegt nicht in meiner Natur Angst zu haben.“ Wo steht der FC am Saisonende?

Schumacher: In unserer Situation sollten wir nicht über das Saisonende nachdenken, sondern wirklich nur von Spiel zu Spiel. Wir müssen Punkte sammeln und Schritt für Schritt das rettende Ufer erreichen. Es wird ein harter, langer Weg. Aber Angst habe ich tatsächlich nicht und ich bin sicher, dass wir am Ende viele, viele Sorgen vergessen und uns auf eine neue Saison in der Bundesliga vorbereiten können.