Tödlicher Darmverschluss: Mutter des kleinen Nico zu Haft verurteilt

Tödlicher Darmverschluss : Mutter des kleinen Nico zu mehrjähriger Haftstrafe verurteilt

Als der kleine Nico starb, war er zehn Tage lang nicht zur Toilette gegangen. Seine Schmerzen müssen unerträglich gewesen sein, kurz bevor er im November 2017 an einem Darmverschluss starb. Ein verschriebenes Medikament gegen Verstopfung half nicht, am Todestag blähte sich der Bauch auf, wurde grün und Nico reagierte bei der kleinsten Berührung höchst schmerzempfindlich.

Spätestens dann hätte die Mutter mit dem Kind zum Arzt gehen müssen, sagte der Vorsitzende Richter Roland Klösgen am Mittwoch am Landgericht Aachen. Er verurteilte die 34-Jährige zu einer Haftstrafe von viereinhalb Jahren. Die Angeklagte habe sich der Körperverletzung mit Todesfolge schuldig gemacht, stellte die Strafkammer in ihrem Urteil fest.

Der Vater (35) wurde freigesprochen. Das Verfahren habe nicht klären können, inwieweit er über den akuten Zustand seines Sohns informiert gewesen sei. Klösgen sprach von einem „Freispruch zweiter Klasse, wenn nicht dritter Klasse“.

Nico hatte im Sommer 2017 immer wieder aufkeimende Darmbeschwerden. Allgemein war seine körperliche Verfassung schlecht: „Die Mutter war mit der Pflege und Sorge ihrer Kinder überfordert“, hatte Staatsanwalt Björn Petersdorf in seinem Plädoyer festgestellt: „Nico zeigte Zeichen der Unterernährung, alle Zähne waren bis zur Zahnwurzel mit Karies befallen, die Nägel waren krallenartig.“ Vier Wochen vor seinem Tod war er dann immer hinfälliger geworden. Das Kind habe des Öfteren über starke Schmerzen geklagt, erklärte Richter Klösgen. Der Zustand des kranken Jungen habe sich am Todestag, dem 7. November 2017, bereits seit dem frühen Nachmittag, etwa ab 14 Uhr, dramatisch verschlechtert.

„Das Kind bildete einen schmerzhaften Blähbauch aus“, sagte Klösgen. „Bis zum frühen Abend wäre der Junge noch jederzeit zu retten gewesen.“ Doch Nico starb um 22.30 Uhr. Die Mutter habe den Abend mit dem sterbenden Kind vor dem Fernseher auf der Couch verbracht. Nach Einschätzung des Gerichts könnte sie geschlafen haben, als Nico starb.

Steinharter Kotverschluss

Bei der Obduktion fand man in seinem Enddarm einen steinharten Kotverschluss, der unbedingt durch eine Operation hätte beseitigt werden müssen, wie es der Rechtsmediziner in seinem Gutachten beschrieb. Statt sich der zugespitzten Situation zu stellen habe die Mutter zugewartet. Sicher, sagte der Richter, sie habe am nächsten Morgen zum Kinderarzt gehen wollen, der das Kind seit längerem auch wegen seiner Darmbeschwerden behandelte. Doch das Zuwarten sei eine fahrlässige Fehleinschätzung gewesen, die zum Tod des Kindes führte.

„Statt die gebotenen Maßnahmen einzuleiten, verabreichte sie das Schmerzmittel Tramal, das sie vermutlich vom Nachbarn bekommen hatte“, sagte Klösgen. Die Gabe des zu den Opioiden gehörenden Schmerzmittels spielte eine wichtige Rolle in der Beweisaufnahme, denn weder Mutter noch Vater wollten dem Kind das Mittel, das erst bei der Obduktion im Blut des Jungen gefunden wurde, verabreicht haben.

Die Angeklagte, die im Prozess schwieg, hatte das in ihren Aussagen bei der Polizei nachdrücklich bestritten. Sie habe dem Kind nur Paracetamol verabreicht. Doch das Gericht war sich im Urteil sicher, so Klösgen: „Die Angeklagte hat an diesem Nachmittag die starken Schmerzen erkannt und ihm das Schmerzmittel gegeben.“ Sogar eine zweite Verabreichung des Mittels gegen 21 Uhr am Abend schloss der Richter nicht aus. Damit sei klar: Die Mutter habe ein außergewöhnliches Schmerzbild bei ihrem Jungen beobachtet und trotzdem eine grundlegende Hilfestellung durch einen Arzt oder eben durch das Herbeirufen eines Notarztes unterlassen.

Der Rechtsmediziner hatte die Leiden des Jungen in seinen letzten Lebensstunden beschrieben: Der Junge habe sich gekrümmt, sei kurzatmig gewesen, jede Berührung des Bauches habe Schmerzen hervorrufen müssen. Die Gabe des starken Schmerzmittels habe die Mutter oberflächlich beruhigt, nicht wissend, dass gerade dieses Mittel die Auswirkungen eines trägen Darms noch verstärkte. Woher das Schmerzmittel letztlich kam, war im Verfahren nicht zu klären.

Der Vater war an jenem Abend von der Arbeit gekommen und hatte sich frühzeitig ohne große Kommunikation ins Schlafzimmer zurückgezogen, weil er am nächsten Tag zur Frühschicht musste. Im Prozess schwieg er – wie auch seine Frau – bis zum Ende zu den Vorwürfen. Beide zeigten kaum Reaktionen. Der Vater, ein schmächtiger Mann, der Aufputschmittel nahm, lebte seit Jahren neben seiner Familie her. Neben Nico wohnte eine ältere Schwester mit ihnen in Eschweiler. Das Paar lebt inzwischen in Scheidung. Der Vorsitzende Richter hatte mehrfach im Prozess Dokumente verlesen, aus denen hervorging, dass sich das Jugendamt die Verhältnisse seit 2012 wiederholt angeschaut hatte, aber offenbar keinen Grund zur Intervention sah.

Verteidiger Hans-Joachim Poick (Eschweiler) hatte für seine Mandantin Freispruch gefordert. Sie habe das akute Krankheitsbild wegen der langen und ähnlichen Vorgeschichte nicht richtig erkannt, sein Tod sei ein trauriges Drama. Oberstaatsanwalt Björn Petersdorf dagegen hatte vier Jahre und neun Monate Haft für die Mutter beantragt.

Die 34-Jährige verließ abgeschirmt von Familienmitgliedern wortlos den Saal des Landgerichts. Das Gericht ließ Revision zu.

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