Aachen: Tisch decken! Bischof Dieser kommt. Und er will reden.

Aachen : Tisch decken! Bischof Dieser kommt. Und er will reden.

Im Bistum ist was los. Der Bischof kommt zu dem nach Hause und an den Küchentisch, der ihn einlädt. Helmut Dieser selbst bittet zum Gespräch an ungewöhnlichen Orten und wird in Kürze etliche Arbeitskreise einsetzen, die über Perspektiven für das kirchliche Leben im Bistum diskutieren sollen.

Als er jetzt zum Auftakt das Programm im Aachener Pius-Gymnasium vorstellt, ist die Resonanz positiv. Aber ihm wird auch ohne Umschweife die Machtfrage gestellt; er wird schon lange mit vielen Sorgen und Befürchtungen über die Zukunft der Pfarrgemeinden konfrontiert.

Das Essen

Dieser will in den kommenden Monaten mit möglichst vielen Menschen über seine Kirche und die Botschaft Jesu sprechen — vor allem auch mit jenen, die die Kirche bislang nicht erreicht, die ihr fernstehen. Eingeladen ist im Prinzip jeder — ob Christ oder Atheist. Die Termine stehen fest: 20. März im Energeticon in Alsdorf, 24. April in der Blumenhalle im Jülicher Brückenkopfpark, 6. Juni im alten Straßenbahndepot in Aachen, 13. Juni auf der Zeche Sophia in Hückelhoven und am 19. Juni auf einem Schiff auf dem Rursee — jeweils von 18 bis 22 Uhr. Der Bischof will Menschen treffen und mit ihnen essen: „Welcher Rahmen könnte dafür besser sein, als zwanglos miteinander am Tisch zu sitzen und zu reden?“

Dieser möchte aber auch gerne woanders zu Gast sein. Wer will, kann ihn zu sich nach Hause zum Essen einladen — und dazu eigene Familienmitglieder, Freunde, Nachbarn oder Kollegen in beliebiger Zahl. Wer und wie viele auch immer, bestimme allein der Gastgeber, sagt Dieser. „Der Küchentisch ist der richtige Ort dafür; da wird über den Alltag geredet, über das, was uns wichtig ist.“ Wer den Bischof zu Gast haben möchte, muss sich wahrscheinlich beeilen; die ersten Termine, an denen er zur Verfügung steht, sind Dienstag, 27. Februar, 19—21 Uhr, und Sonntag, 4. März, 13—15 Uhr. Einladen kann man aber auch die Weihbischöfe und den Generalvikar.

Ob er nun Gastgeber oder Gast ist, es gebe für diese Treffen keine Bedingungen, sagt Dieser. „Die einzige Voraussetzung ist Interesse am Austausch — sonst nichts.“ Er verspricht: „Wir müssen uns in der Kirche anstrengen zu lernen, wie andere denken und wie wir anders verkünden können.“ Manche finden die bischöfliche Aktion „einfach toll“ oder mutig, andere befürchten, dass diese Begegnungen letztlich ohne Belang und nur eine PR-Masche seien. Dieser weiß um die Skepsis und versucht, sie zu zerstreuen: „Die Gespräche werden nicht folgenlos bleiben.“ Er wünsche sich „rebellische Fragen“. Er wolle zuhören. „Ich weiß ja nicht, was mich erwartet. Vielleicht gehe ich hinterher auf dem Zahnfleisch aus dem Haus — vielleicht auch beglückt.“

Bei den rund 400 Teilnehmern an langen Tischen in der Schulaula stoßen Diesers Worte also auf eine gemischte Stimmung. Alle wissen, dass sich viel verändern muss und wird, weil die Zahlen der Kirchenmitglieder, Gottesdienstbesucher und Priester kontinuierlich zurückgehen. Alle wissen, dass die Kirche nur so wie bisher nicht weitermachen kann, dass sie immer weniger Menschen erreichen wird, wenn es ihr nicht gelingt, auf neue Art Kontakte zu knüpfen.

Die Handlungsfelder

Dieser nennt sein Vorhaben einen Gesprächs- und Veränderungsprozess. Das Angebot zum Gespräch wird allseits gelobt; dass der Bischof seine Initiative gestartet hat, ohne die diözesanen Räte — Priesterrat, Katholikenrat und andere — vorher damit zu befassen, stößt weiterhin auf Kritik. Vor allem aber ist die Frage, wie sich Struktur und Gemeindeleben künftig verändern werden, mit großen Befürchtungen verbunden.

Evangelisierung ist das Leitwort der bischöflichen Initiative. Das heißt: Die Kirche muss und will den Menschen das Evangelium — die Botschaft Jesu Christi — neu erschließen. Wie das geschehen kann, darüber soll in vier sogenannten Handlungsfeldern diskutiert werden. Deren Themen sind: 1. neue Formen des Dialogs und der Begegnung sowie Glaubensvermittlung, 2. Diakonie (Nothilfe und soziale Dienste) in den einzelnen Pfarreien, der Caritas und anderen Bereichen, 3. Kindergärten, Schulen und Bildungseinrichtungen als Orte der Evangelisierung, 4. die künftige Struktur der Kirche im Bistum und in den Pfarrgemeinden sowie deren Leitung. Zu jedem dieser vier Handlungsfelder sind drei bis vier Gesprächskreise geplant, die Ideen entwickeln sollen. Dafür kann sich ab Ostern jede(r) Interessierte anmelden.

An den Themen des vierten Handlungsfeldes sind die meisten engagierten Katholiken im Bistum besonders interessiert. Aber ausgerechnet dafür kann man sich Anfang April noch nicht anmelden. Dieser will ausdrücklich, dass zuerst über Inhalte und danach über Strukturen gesprochen wird. Deshalb wird der Gesprächsprozess von anhaltenden Befürchtungen begleitet, dass die vielfältige Seelsorge gerade in den kleinen Pfarrgemeinden, dass bewährte kulturelle und gesellschaftliche Aktivitäten dort künftig kaum noch Chancen haben, wenn das heutige Gefüge der Pfarreien in einer zentralisierten Struktur aufgehen sollte.

Dass die Konzepte dafür längst in der bischöflichen Schublade liegen, wird vermutet und von Dieser ausdrücklich bestritten. „Ich weiß noch nicht, wie die Modernisierung sein wird. Es ist längst nicht alles in trockenen Tüchern. Wir müssen uns vergewissern, was das Wichtigste ist.“

Der Bischof kennt die Vorwürfe, er habe längst fertige Pläne. „Ich wehre mich dagegen. Das stimmt nicht.“ Gleichzeitig bleibt er bei seiner Linie: „Was wir bisher Pfarrei nennen, ist für viele — trotz guter Gegenbeispiele — nicht mehr attraktiv und interessant. Die alten Pfarrgemeinden verändern sich. Wir müssen uns fragen: Was ist noch lebendig? Was ist noch zu stemmen? Da wird es Abschiedsschmerz geben — vor allem für ältere Gläubige.“

Welche Ideen werden aufgenommen? Wie viel Einfluss haben die diözesanen Räte auf die Konsequenzen, die aus den zahlreichen Gesprächen und Beratungen gezogen werden? Wie viel Mitbestimmung lässt der Bischof zu? Diese Fragen bewegen viele Besucher im Pius-Gymnasium und zahlreiche Katholiken überall im Bistum. Dieser umschreibt das Problem: „Mehrheitsbildung allein bringt keine Lösung, sondern ein geistlicher Prozess, der zur Vergewisserung über einen gemeinsamen Weg führt.“ Da wird Transparenz vermisst. Wer entscheidet über die Teilnehmer der Gesprächskreise? „Der Eindruck, dass wir bestimmte Leute raushalten wollen, wäre schlimm“, sagt Dieser.

Die Machtfrage

Die Machtfrage stellt Barbara Krause; die Politikwissenschaftlerin und Historikerin ist seit vielen Jahren in verschiedenen Gremien auf allen Ebenen des Bistums engagiert. „Wir haben innerkirchlich schlechte Erfahrungen mit Macht. Wie gehen wir mit Macht um? Wie vereinbaren wir sie mit unserem Glauben?“, fragt sie den Bischof und würdigt die Räte, die sich von Dieser übergangen fühlen. „Wer trifft die Entscheidungen?“

„Ich bin nicht übermächtig“, antwortet der Bischof, „ich will das Amt, das ich habe, ausüben. Und die Macht muss Thema in unseren Gesprächen sein.“ Die Räte würden gehört. Aber Dieser lässt auch an diesem Tag keinen Zweifel daran, dass letztlich er entscheiden wird.