Timo Jakob macht eine Ausbildung zum Bergbautechnologen

Zu Besuch bei einem Nostalgiker : „Ich lebe im vergangenen Hier und Jetzt“

Timo Jakob sitzt auf dem Boden. Er hört nur noch sein Herz schlagen. Nicht weit entfernt arbeiten seine Kumpels, aber 600 Meter oder tiefer unter der Erde schluckt der Stein den Schall. Timo knipst seine Stirnlampe aus und jetzt herrscht um ihn herum völlige Dunkelheit.

„Also wirkliche Dunkelheit, es gibt einfach kein Restlicht“, erzählt er und versucht, sein Gefühl unter Tage zu beschreiben. „Eigentlich ist es eine Welt des Unvorstellbaren.“ Bei seiner Arbeit in der Zeche ist er mit 22 Jahren einer der Jüngsten. Der Wahldortmunder macht eine Ausbildung zum Bergbautechnologen, oder einfacher gesprochen: Er wird Bergmann. Vor zwei Jahren machten laut Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung noch 219 junge Menschen eine solche Ausbildung. Mitte der Neunziger waren es noch rund doppelt so viele. In Zeiten des Kohleausstiegs wirkt sein Entschluss unverständlich, vielleicht sogar absurd. Das ist es aber nicht.

Denn nicht nur bei der Berufswahl scheint es so, als sei Timo aus der Zeit gefallen. „Ich habe keine einzige Jeans in meinem Kleiderschrank“, sagt er, grinst und richtet das Jackett seines grauen Anzugs. Sein Hut im Stil der 1920er Jahre liegt vor ihm auf dem Tisch. Er sitzt in seinem Stammlokal „Wirtschaft Kumpel Erich“ in Dortmund zwischen einer orange-grauen Karotapete und dunklen Holzmöbeln. Auf der Speisekarte stehen Gerichte wie „Schnitzel Grubengold“, „Erichs Frikadelle“ oder „Hausgemachter Kartoffelsalat“: traditionell und deftig.

Seine Leidenschaft für den Lebensstil des vergangenen Jahrhunderts entdeckte Timo mit 17, als Gast auf einer Hochzeit, die ganz im Stil der 50er Jahre gehalten war. Das faszinierte ihn so, dass er begann, in die verstrichene Zeit einzutauchen. „Ich habe angefangen, mich im maritimen Stil der 60er zu kleiden. Das heißt: dunkle Hose, Schiffermütze und Pullover“, sagt Timo. Auch die klassische Pfeife kam hinzu. Das habe das Ganze authentischer gemacht und „ich hatte beide Hände frei.“ Sein erstes Paar Hosenträger bekam er von seinem Vater geschenkt. Irgendwann löste der Hut die Schiffermütze ab und die Anzughose seine Jeans. Timo war in den 1920ern angekommen.

„Wirtschaft Kumpel Erich“

Auf der Bank neben Timo steht jetzt eine junge Kellnerin, die damit beschäftigt ist, die Gerichte des Monats an eine große Schiefertafel zu schreiben. „Ich habe noch nie ein so kleines Pütthemd gesehen“, sagt er staunend zu ihr. Sie trägt ein dunkelblaues Hemd mit weißen Streifen, das eigentlich in der Zeche getragen wird. In der „Wirtschaft Kumpel Erich“ tragen es auch die Kellner als Arbeitskleidung. Timo kommt zwei Mal im Monat hierher, man kennt sich. Es herrscht eine freundschaftlich-vertraute Stimmung. „Die Hemden sind eigentlich super lang, damit es die Kumpel nicht an den Nieren bekommen“, sagt Timo. „Falls dir mal ein Knopf abfällt, dann kannst du einfach einen von der Bettwäsche dran nähen, sind die gleichen,“ schiebt er als Empfehlung an die Kellnerin hinterher.

Nach seinem Realschulabschluss arbeitete Timo ehrenamtlich bei der Museumseisenbahn Hamm, wo er einfach nur aus Freude in alten Zechenklamotten arbeitete. Bis der entscheidende Anruf eines Freundes kam, der ihm sagte: „Ey, du wirst Bergmann!“ „Ich dachte, der spinnt. Der Kohlebergbau stirbt doch aus“, sagt Timo. Aber es dauerte nicht lange und er erkannte: Der Job hat eine Zukunft.

Denn neben Kohle werden auch Salz, Erz und Schiefer abgebaut und das Unternehmen, für das er jetzt arbeitet, kümmert sich hauptsächlich um den Schachtausbau. Also darum, dass das Labyrinth unter der Erde größer wird. „Es war schon etwas schwierig, das Leuten zu erklären. Meine Eltern waren anfangs auch sehr skeptisch.“ Mittlerweile haben die Eltern seine Berufswahl akzeptiert, unter Tage wollten sie ihn aber bisher noch nicht begleiten. Für Timo stand jedoch mit seinem ersten Besuch dort unten in der stillgelegten Zeche Konrad fest: der Job oder keiner.

Im Einsatz: Timo Jakob (l.) in seiner Arbeitskleidung im Bergweg „Schlägel und Eisen“ in Recklinghausen. Foto: Timo Jakob

Anders, als es vielleicht auf den ersten Blick erscheint, gibt es durchaus Perspektiven – sei es als Ausbildung oder als Studium. Um das den jungen Menschen aufzuzeigen, reichen teilweise schon einfache Maßnahmen. Als es für das Studienfach „Bergbau“ an der RWTH Aachen nur noch sieben neue Studenten gab, entschied man sich, den Namen zum Wintersemester 2008/2009 in „Rohstoffingenieurswesen“ zu ändern. Ein Erfolg, wie Sabine Backus von der Fachgruppe für Rohstoffe und Entsorgungstechnik sagt. „Im nächsten Semester starteten wir mit 140 Erstsemestern“.

Aber auch dieser Name lockte nach ein paar Jahren nicht mehr genügend junge Leute an: Im Wintersemester 2017/2018 schrieben sich nur noch 14 Studenten ein. Also durchlief das Studienfach einen erneuten Namenswechsel. Der aktuelle Bachelorstudiengang heißt nun „Nachhaltige Rohstoff- und Energiegewinnung“ und bietet Vertiefungen im Bereich Bergbau, Energie und Recycling an. „Es hört sich trivial an, aber alleine das Wort ,nachhaltig‘ im Namen des Studienfachs hat eine große Wirkung“, sagt Backus.

Mit dem vergangenen Wintersemester traten 146 Erstsemester ihr Studium in diesem Fach an. Davon waren 30 Prozent Frauen und 70 Prozent Männer. „Den Begriff Bergbau verbinden viele immer nur mit Stein- und Kohleabbau, aber das ist natürlich Blödsinn. Wir brauchen dringend guten Nachwuchs, denn die Experten, die in diesen Bereichen arbeiten, kommen bald alle ins Rentenalter“, sagt Backus. Die Jobchancen für Jobanfänger stünden sehr gut, betont sie.

Erste Bergbau-Professorin

Auch das „Institut für Bergbau“ und das „Institut für Rohstoffgewinnung über Tage und Bohrtechnik“ bekamen in den vergangenen Jahren einen neuen Anstrich und wurden im „Institute of Mineral Resources Engineering“ zusammengefasst. Mit der 36-jährigen Elisabeth Clausen gibt es seit rund einem Jahr nun auch die erste Bergbau-Professorin an der RWTH – auch bundesweit. Solche Veränderungen und Fortschritte, könnten die Zukunft des Bergbaus auf Studienebene beflügeln, denn auch in Zukunft müssen Kies und Sand, seltene Erden, Kali- und Steinsalze, Erze und vieles mehr nach oben geholt werden.

Als Timo das erste Mal unter Tage arbeitete, musste er etwa vier Wochen nur feilen. Eine körperliche Arbeit, die gerade am Anfang nicht einfach wegzustecken war. Mit der Zeit gewöhnte er sich aber daran. „Du musst immer die nötige Portion Respekt vor dem Berg mitbringen, aber Angst hatte ich unten noch nie.“ Unten arbeiten heißt auch, nur unter Männern zu arbeiten. Eine einzige Frau habe er auf dem Gelände bisher gesehen, die wahrscheinlich ihre Ausbildung begonnen habe. Aber da unten müsse man wohl als Frau auch „seinen Mann stehen“, um durchzukommen. Im Ruhrgebiet gibt es mittlerweile keine offene Zeche mehr, deswegen bleibt das Reisen nicht aus. Timo arbeitete zum Beispiel im Salzbergwerk Heilbronn oder Thüringen.

In der „Wirtschaft Kumpel Erich“ läuft gerade „Sing, sing, sing“ von Benny Goodman. „Ein guter Song“, merkt Timo an. Ihm haben es vor allem alte deutsche Schlager angetan, aber auch die Anfänge des Rock’n’Roll, der Jazz und Swing der 1920er. Zwei Mal im Jahr geht er deswegen zur „Bohème Sauvage“, einer Partyreihe, die sich ausschließlich diesem Jahrzehnt widmet.

Seine Leidenschaft für das Alte möchte er mit möglichst vielen Menschen teilen und greift dafür auch zu modernen Mitteln. Neben seinem Hut liegt sein Smartphone auf dem Tisch, auf dem er kurz noch seine Instagram-Story aktualisieren muss. Er pflegt gleich vier Accounts. Für jede seiner Leidenschaften einen: als Seemann, als Bergmann, als Herr im Anzug und einen gemischten. „Alle leben im Hier und Jetzt, ich lebe im vergangenen Hier und Jetzt und möchte mit den Instagram-Accounts etwas zeigen, das damals gang und gäbe war.“ Sein altes, schwarzes Wählscheibentelefon W48 in seiner Wohnung sei ihm aber immer noch lieber, als sein Smartphone. „Da sehe ich nie, wer anruft, das ist viel spannender.“

Statist bei „Babylon Berlin“

Für die restliche Zeit in Dortmund erinnern ihn neben dem Wählscheibentelefon zum Beispiel alte Grubenlampen in seiner Wohnung an die Arbeit unter Tage. In den 38 Quadratmetern gibt es auch alte Schilder, Tafeln und eine Leica ii Kamera. Und das ist noch nicht alles: Da Timo alles an Musik und Filmen aus dem vergangenen Jahrhundert inhaliert, ist er auch Fan der Serie „Babylon Berlin“.

Bei einem Statisten-Casting zu Beginn des Jahres konnte er eine kleine Rolle in dem verfilmten Roman ergattern. „Mehr darf ich aber noch nicht verraten“, sagt er und zwinkert. In der Dokumentation „Die Steinkohle“ ist er bereits als Statist im Hintergrund zu sehen. „Mir ist es sehr wichtig, den Leuten meinen Beruf näherzubringen.“

In der „Wirtschaft Kumpel Erich“ gibt es mittlerweile einen Schichtwechsel und die Tische um Timo herum füllen sich. Es wird Zeit zu gehen. Zum Abschied setzt er seinen Hut auf und zieht sich seinen beigen Trenchcoat über. 1920 passt für ihn doch besser zu 2019, als es auf den ersten Blick erscheint.

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