Geplantes Zwischenlager sorgt für Ärger: Tihange will kein Quasi-Endlager für Atommüll werden

Geplantes Zwischenlager sorgt für Ärger : Tihange will kein Quasi-Endlager für Atommüll werden

Der Bürgermeister von Huy möchte nicht auf ewig Atommüll in der Kommune lagern. Der belgische AKW-Betreiber Engie-Electrabel plant derzeit aber ein neues Gebäude dafür. Das Zwischenlager ist nicht nur umstritten, weil es auf 80 Jahre angelegt ist.

Christophe Collignon denkt gar nicht mehr über die Frage nach, ob er denn nun für oder gegen Kernkraft ist. Der Bürgermeister von Huy hat sich damit abgefunden, dass seine Kommune das umstrittene Atomkraftwerk Tihange beherbergt. Er beschäftigt sich stattdessen jetzt schon mit der Zeit, wenn Belgien den Atomausstieg vollzogen hat und damit, was dann aus dem 21.000-Einwohner-Städtchen wird. Wenn die drei Meiler in Tihange vom Netz gehen und die Türme, die das Panorama seit den 70er Jahren prägen, nicht mehr qualmen, hat das Konsequenzen für Huy.

Was passiert, wenn die mehr als 1000 Arbeitsplätze wegfallen? Und wie kann die Unternehmenssteuer, die AKW-Betreiber Engie-Electrabel zahlt, kompensiert werden? Das sind Fragen, die Collignon sich stellt. Es sind Fragen, die sich in Deutschland Politiker in Braunkohle-Gegenden stellen. Collignon, der auch Präsident des wallonischen Parlaments geht, befasst sich also vor allem mit dem Strukturwandel, nicht mit Grundsatzfragen der Kernenergie.

Der Sozialist, möchte künftig beispielsweise den Tourismus in Huy, das aus den Gemeinden Ben-Ahin, Huy, Tihange und Neuville-sous-Huy besteht, ankurbeln. Nicht nur deshalb will er unbedingt vermeiden, dass Tihange eine Art Endlager für Atommüll wird. Das geplante Zwischenlager soll auch tatsächlich ein Zwischenlager bleiben, fordert Collignon. Grundsätzlich hat er aber nichts gegen das Lager, denn „der Atommüll ist ja ohnehin da. Dann doch lieber in einem neuen, sicheren Gebäude“.

Bürgermeister Christophe Collignon denkt an die Zeit, wenn Tihange abgeschaltet ist. Foto: imago images / Belga/BENOIT DOPPAGNE;via www.imago-images.de

Engie-Electrabel lagert derzeit schon Atommüll in Tihange, in Wasserbecken. Die Kapazitäten sind laut Betreiber aber bald erschöpft. Der Bau des neuen Lagers sei deshalb zwingend notwendig. Der Neubau soll überirdisch sein, ein sogenanntes Trockenlager, das aus drei Einheiten bestehen wird. Wenn es nach Engie geht, beginnen die Bauarbeiten im kommenden Jahr, 2023 könnte das Zwischenlager stehen. Ob es so kommt, darüber entscheidet die belgische Atomaufsichtsbehörde Fanc und auch die Wallonie. Die Fanc beurteilt die nukleare Sicherheit, die wallonische Verwaltung (SPW) beurteilt lediglich die baurechtlichen Aspekte. Noch ist nichts entschieden.

Derzeit läuft das Genehmigungsverfahren für den von Engie-Electrabel im Februar beantragten Bau. Betroffene Kommunen, also jene, die sich in einem Umkreis von fünf Kilometern befinden, wurden einbezogen, die Menschen in den neun Kommunen informiert. Einwände haben aber keine Auswirkung auf das Verfahren. Anfang der Woche äußerte die niederländische Regierung Bedenken. Staatssekretärin Stientje van Veldhoven schilderte der belgischen Regierung laut Medienberichten die großen Sorgen in der Region Limburg. Collignon kann das nicht nachvollziehen. In Doel gebe es genau solch ein Lager schließlich schon länger. Auch die Einwände aus einigen Kommunen sieht er kritisch. „Die Kommunen haben doch gar nicht die nötige Expertise in ihren Reihen, um das Vorhaben von Engie bewerten zu können“, sagt er.

Die betroffenen Kommunen sind gespalten. Während Collignon den Bau des Lagers befürwortet, sieht unter anderem der Bürgermeister von Nandrin erhebliche Risiken. Die Nähe des Flughafens Lüttich-Bierset und die Gefahr eines abstürzenden Flugzeugs sei zu groß, kritisierte Michel Lemmens gegenüber dem Staatsrundfunk RTBF. Das monieren auch die belgischen Grünen. Das nicht verbunkerte Gebäude stelle im Falle eines Flugzeugabsturzes eine Gefahr dar, teilte Écolo mit. Laut Engie hält das Zwischenlager Erdbeben, Tornados, Explosionen und Feuern stand. Im Falle eines Flugzeugabsturzes seien die „radioaktiven Auswirkungen auf die Umwelt sehr schwach“.

Atommüll bis 2100 in Tihange?

Tihange 2 soll bis 2023, Tihange 1 und 3 bis 2025 am Netz sein. Der Rückbau der Reaktoren werde, so rechnen es die Grünen vor, höchstens 25 Jahre dauern. „Engie legt das Zwischenlager aber auf 80 Jahre an“, kritisiert der Écolo-Abgeordnete Samuel Cogolati. Er glaubt, dass Engie auf einen Ausstieg vom Atomausstieg spekuliert. Auch die Masse an Atommüll, der in Tihange gelagert werden soll, deute darauf hin. „Der Atommüll könnte das Gelände das ganze Jahrhundert, bis 2100, belasten, ohne dass die Bevölkerung dafür eine Entschädigung erhält.“

An diesem Punkt setzen auch Collignons Befürchtungen ein. Er möchte kein verkapptes Endlager in seiner Kommune. Er fordert von Engie deshalb weitere Informationen, was die Dauer der Lagerung angeht. Mit einem Quasi-Atommüllendlager stehen Collignons Chancen nicht gerade gut, seine Kommune für Touristen interessanter zu machen. Belgien müsse sich endlich über ein Endlager Gedanken machen. „Für uns ist es an der Zeit an die Zukunft zu denken. Wir steigen 2025 aus der Kernenergie aus, und wir haben schon 2019.“

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