Würselen: Tihange: Wie Schulen im Ernstfall reagieren sollten

Würselen: Tihange: Wie Schulen im Ernstfall reagieren sollten

Die Befürchtungen, dass es bei den belgischen Pannenreaktoren Tihange und Doel der Firma Electrabel zu einer Katastrophe kommt, sind bekannt. Doch wie würden die Schulen reagieren, falls es während der Unterrichtszeit zu einem Super-GAU kommt?

Um Eltern und Lehrer damit zu konfrontieren, dass es auf diese Frage noch keine Antwort gibt, und keine konkreten Pläne für den Ernstfall vorliegen, haben die Schulpflegschaftsvorsitzenden aller elf Würselener Schulen zu einem Vortrag in die Aula des Städtischen Gymnasiums eingeladen.

Odette Klepper und Dr. Wilfried Duisberg vom Verein „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs — Ärzte in sozialer Verantwortung“ erklärten den rund 250 Zuschauern, darunter auch Bürgermeister Arno Nelles, worauf es im Falle einer Kernschmelze ankommt.

„Für Schulen ist das Handeln in diesem Fall eine ganz besondere Herausforderung, da Kinder strahlensensibler sind als Erwachsene“, erläuterte Klepper.

Mit dem Alter sinke das Risiko für Folgeschäden, wie Leukämien, Krebsarten und Erbkrankheiten. „Je nach Wetterlage hat man wahrscheinlich 13 bis 31 Stunden Zeit, ehe die Wolke in unserer Region eintrifft — im schlimmsten Fall ist sie jedoch bereits nach vier Stunden hier“, ergänzte Duisberg. Oberste Grundregel in dem Fall sei, Panik zu vermeiden.

Dazu müsse man im Vorfeld mit den Kindern über den Ernstfall offen sprechen. Er zeigte auch konkrete Maßnahmen auf, wie man sich zu verhalten hat. Das Wichtigste sei, selbst aufgeklärt zu sein. „Am selben Tag passiert erst mal nicht viel. Sie werden nicht tot umfallen. Die langfristigen Schäden gilt es zu minimieren“, erläuterte der Arzt sachlich. Ein wichtiger Faktor dazu sei die Jodprophylaxe. Um diese zu gewährleisten, müssten sich die Eltern dafür einsetzen, dass das Jod auf die Klassen verteilt werde.

Darüber hinaus sei es nötig, die Aufnahme von radioaktiver Strahlung durch das Einatmen zu verhindern. Das wird in erster Linie dadurch erreicht, dass man sich in geschlossenen Räumen aufhält und die Fenster und Türen verschließt. Aber auch Atemschutzmasken für den Heimweg der Schüler seien von Bedeutung. „Leider gibt es bis dato keine Masken für Kinder. Die Stadt Aachen und die Städteregion setzen sich aber dafür ein, dass diese zeitnah produziert und an Schulen ausgeliefert werden“, betonte Duisberg. Denn wenn die Isotope der Wolke erst einmal in den Körper gelangt sind, kann man den Schaden nicht mehr begrenzen.

Das Publikum reagierte auf den Vortrag mit einer Mischung aus Entschlossenheit zur Handlung und Verunsicherung. Eine Frau, deren Sohn in die sechste Klasse geht, schilderte ihr Bedenken bezüglich der rechtzeitigen Warnung durch die Behörden: „Bei der Nuklearkatastrophe in Tschernobyl hat man die Bevölkerung erst Tage nach dem Bekanntwerden der Katastrophe informiert. Wieso sollte es hier anders sein?“, fragte sie angespannt.

Duisberg gab zu Bedenken, dass man Vertrauen in die Regierung haben müsse. Einen tatkräftigen Vorschlag brachte ein Mann unter den Zuschauern an: „Wir sollten die Ausgaben für die Dinge, die man aus Selbstschutz anschafft, an die Firma Electrabel schicken und eine Erstattung fordern“, meinte er.

Eine andere Frau wollte wissen, wie es am Tag danach weitergehe. „Hier geht es nur darum, wie sie Ihre Kinder sicher nach Hause bekommen. Was danach passiert, weiß ich auch nicht“, gibt Duisberg zu. Deshalb sei es wichtig, sich politisch zu engagieren und Druck auf die Bundesregierung auszuüben.

Daten gesammelt

Damit diese sich endlich des Themas annimmt, und es gar nicht erst zu einer Katastrophe kommen kann. Lars Vollpracht vom Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie sammelte im Anschluss Daten der Eltern, die sich bereit zeigten, in einer Arbeitsgruppe konkrete Pläne für den Ernstfall zu entwickeln.

Mit den Worten „Panik entsteht nur, wenn wir nicht vorbereitet sind. Deswegen ist unser Engagement für unsere Kinder so wichtig“, beendete der Familienvater den Abend.

(nt)
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