Tihange: Engie-Chef denkt laut über Laufzeitverlängerungen nach

Tihange : Engie-Chef denkt laut über Laufzeitverlängerungen nach

Der Betreiber der belgischen Akw Tihange und Doel kann sich eine Laufzeitverlängerung einiger Meiler vorstellen. Jean-Pierre Clamadieu, Vorstand (CEO) bei Engie, sagte der Tageszeitung „L’Avenir“, eine längere Laufzeit für Tihange 3 und Doel 4, also die jüngsten Reaktoren, sei sehr gut möglich.

Im Fall der besonders umstrittenen Meiler Tihange 2 und Doel 3, in deren Reaktordruckbehältern sich Tausende Mikrorisse befinden, „scheint eine Verlängerung schwierig“.

Der Leiter des Akw Tihange, Jean-Philippe Bainier, hatte im Juni 2017 im Interview mit unserer Zeitung schon gesagt, dass er die neueren Meiler gern länger am Netz lassen würde. „Nirgendwo steht geschrieben, dass Akw nur 40 Jahre funktionieren. Akw laufen üblicherweise 60 Jahre problemlos“, sagte Bainier damals.

Trotz des für 2025 beschlossenen Atomausstiegs sind Laufzeitverlängerungen also nicht ausgeschlossen. Clamadieu forderte die Politik auf, sich rasch nach einer Regierungsbildung Gedanken über die Zukunft der Energiepolitik in Belgien zu machen. Belgien hatte parallel zur EU-Wahl gewählt. Noch ist unklar, wie sich eine neue Regierung zusammensetzt.

Die radikale flämische Partei N-VA, die stark zugelegt hat, forderte in der Vergangenheit immer wieder, zumindest zwei Meiler am Netz zu halten. Die N-VA hatte damit Bedenken aus der Wirtschaft aufgegriffen; ohne Atomstrom drohe Belgien der Blackout, so die Sorge. Tatsächlich gibt es Studien, wonach Belgien 2025 nicht ohne Atomstrom die Versorgung gewährleisten kann. Das führt immer wieder zu Diskussionen. Man stehe bereit, werden Vertreter von Engie nicht müde zu betonen.

Allerdings knüpft Engie-Electrabel mögliche Laufzeitverlängerungen an Bedingungen. Die vor vier Jahren genehmigte Laufzeitverlängerung der Meiler Doel 1 und 2 verursacht nämlich derzeit vor allem Kosten für den Betreiber der belgischen Akw. Das teilte das Unternehmen diese Woche anlässlich der Veröffentlichung seiner Jahres-Bilanz mit; angedeutet hatte sich dies schon bei der Bilanz-Pressekonferenz des französischen Mutterkonzerns Engie Anfang Mai. Electrabel hat 2018 aufgrund des langen und unvorhergesehenen Ausfalls mehrerer Meiler rote Zahlen geschrieben. Die sieben belgischen Meiler seien nur zu 52 Prozent verfügbar gewesen. Wegen etlicher Reparaturarbeiten, welche die belgische Atomaufsichtsbehörde Fanc von Engie-Electrabel verlangt hatte, waren quasi alle Meiler zeitweise heruntergefahren. Man habe keinen Strom produziert, die Fixkosten aber zahlen müssen. Das schlage sich dramatisch auf die Bilanz nieder, heißt es.

Das Geschäftsjahr endet mit einem Verlust von 417 Millionen Euro. Das führt Engie-Electrabel neben den Ausfällen aufgrund akuter Reparaturarbeiten vor allem auf den Wertverlust von Doel 1 und 2 zurück. Die Reaktoren sind seit 1975 am Netz und hätten 2015 stillgelegt werden sollen. Weil es in Belgien zu dem Zeitpunkt noch keine energiepolitischen Überlegungen darüber gegeben hatte, wie das Land ohne Kernenergie mit ausreichend Strom versorgt werden könnte, wurde die Laufzeitverlängerung um zehn Jahre per Gesetz beschlossen. Man habe festgestellt, dass die Höhe der Kosten für die Modernisierung und Instandsetzung der Meiler, ohne die eine Verlängerung nicht gestattet worden wäre, die Einkünfte übersteige, heißt es in der Bilanz – zumal die Besteuerung zu hoch sei.Auch 2019 und 2020 werden noch planmäßig Arbeiten an den beiden Meiler stattfinden, sodass sie erneut streckenweise nicht zur Verfügung stehen werden.

Belgien hat den Atomausstieg für 2025 beschlossen. Bis dahin sollen Doel 1 und Doel 2 laufen. Patrick Gausset, Geschäftsführer (CFO) bei Engie, geht davon aus, dass die beiden Meiler den Konzern bis dahin 200 Millionen Euro Kosten werden. Auch die Laufzeit von Tihange 1 war verlängert worden, hier mache Engie-Electrabel aber keine Verluste, sagte Gausset der belgischen Zeitschrift „L’Echo“. Das liege an einer variablen Besteuerung, die es für Doel 1 und 2 nicht gebe. Unter diesen Voraussetzungen werde der Konzern keiner weiteren Laufzeitverlängerung zustimmen. Gausset könne sich das höchstens unter bestimmten Konditionen vorstellen, etwa, wenn man „uns einen Minimum-Festpreis für den Strom zusagt wie bei der Windenergie“. Es dürfe Engie nicht mehr kosten, die Laufzeiten zu verlängern, als es dem Unternehmen einbringt.

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