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Belgische AKW: Der erste „Riss-Meiler“ geht vom Netz

Belgische AKW : Der erste „Riss-Meiler“ geht vom Netz

Der belgische Atommeiler Doel 3 wird am 23. September abgeschaltet. NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer glaubt, dass das Land dadurch sicherer wird.

Neun Mal schlafen noch, dann ist der umstrittene belgische Atommeiler Doel 3 Geschichte. Der Meiler, in dessen Reaktordruckbehälter sich Tausende Mikrorisse befinden, wird bereits am 23. September abgeschaltet, wie Anne-Sophie Hugé, Sprecherin des AKW-Betreibers Engie, auf Anfrage unserer Zeitung mitteilte. Die offizielle Betriebsgenehmigung erlischt hingegen erst am 1. Oktober dieses Jahres.

Obwohl in Belgien derzeit noch die Verhandlungen über die Laufzeitverlängerung der beiden jüngsten Atommeiler laufen, ist das Ende für die in dieser Region heftig kritisierten „Riss-Meiler“ Doel 3 bei Antwerpen und Tihange 2 bei Lüttich nach Angaben von Engie besiegelt. Tihange 2, der Luftlinie nur rund 50 Kilometer von der Aachener Stadtgrenze entfernt liegt, wird im kommenden Jahr abgeschaltet, spätestens am 1. Februar 2023.

„Wenn die beiden Meiler vom Netz gehen, wird das NRW sicherer machen“, sagt NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne), der sich als Dürener und ehemals Aachener Bundestagsabgeordneter seit Jahren für die Abschaltung der „Riss-Meiler“ einsetzt. „Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass nicht nur fünf sondern alle sieben Meiler in Belgien bis 2025 vom Netz gehen, aber ich muss akzeptieren, dass die Belgier angesichts der Energiekrise und des Ukraine-Krieges den Weiterbetrieb der beiden jüngsten Meiler beschlossen haben“, sagte Krischer im Gespräch mit unserer Zeitung. In dieser Lage könne niemand den moralischen Zeigefinger heben. Belgien habe den gleichen Fehler gemacht wie Deutschland – die erneuerbaren Energien zu wenig ausgebaut.

Krischer hofft schlichtweg, dass sich die Versorgungslage bald bessert und das Nachbarland den Weg komplett raus aus der Kernenergie gehen werde. „Wir brauchen keine Atomkraft für die Zukunft“, betont Krischer vor dem Hintergrund der AKW-Debatte in Deutschland.

In Belgien wird diese noch unerbittlicher geführt. Teile der Politik forderten in diesem Sommer und fordern jetzt immer noch, dass die Meiler Tihange 2 und Doel 3 trotz der Wasserstoffeinschlüsse in den Reaktorhüllen („Risse“) länger am Netz bleiben. Engie sieht dafür keine Chance. „Wir mussten vor einigen Jahren etliche Sicherheitsanalysen durchführen, damit die Meiler am Netz bleiben dürfen, und nun sollen wir innerhalb von zehn Tagen vor Ende der Betriebsgenehmigung mal eben die Laufzeit verlängern?“, fragt Engie-Sprecherin Hugé irritiert. Das sei ziemlich absurd und technisch und aus Sicherheitsgründen nicht machbar. Für Doel 3 nicht, aber auch nicht für Tihange 2. „Es gibt keine Untersuchungen dazu, wie es sich auswirken würde, wenn die Meiler noch länger am Netz blieben.“

 90 Kilometer, Zehntausende Hand in Hand: Der Höhepunkt der Anti-AKW-Bewegung der Region war die Menschenkette gegen Tihange und Doel im Jahr 2017.
90 Kilometer, Zehntausende Hand in Hand: Der Höhepunkt der Anti-AKW-Bewegung der Region war die Menschenkette gegen Tihange und Doel im Jahr 2017. Foto: Heike Lachmann/HEIKE LACHMANN

Zuversichtlich ist Hugé hingegen, dass sich Engie mit der Regierung bis zum Jahresende über die Modalitäten der Laufzeitverlängerung für Tihange 3 und Doel 4 einigen kann. Die beiden jüngsten belgischen Meiler sollen nach Willen der belgischen Regierung bis 2035 am Netz bleiben.

Die Laufzeitverlängerung ärgert viele langjährige Kämpferinnen und Kämpfer aus der Anti-Atom-Bewegung. Walter Schumacher vom Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie aber sieht in „dieser Zeit voller schlechter Nachrichten“ die gute Nachricht: Die „Riss-Meiler“, gegen die er und Hunderte Menschen aus der Region protestiert haben, sind bald nicht mehr am Netz. Die „Tihange abschalten“-Plakate in den Fenstern der Menschen in der Region können im Februar in den Müll oder in die Erinnerungskisten wandern.

„Das ist doch sensationell“, sagt Schumacher. Er wird am 1. Oktober, dem offiziellen Laufzeitende, um 12 Uhr mit Mitstreitern auf dem Groenplaats in Antwerpen gemeinsam mit belgischen Anti-AKW-Gruppen feiern und lädt auch Menschen aus der Region ein, mitzukommen. „Die Menschenkette 2017 war nicht umsonst“, betont der Aktivist. Er bedauert, dass viele Menschen in Aachen und der ganzen Region scheinbar glaubten, das Engagement habe sich nicht ausgezahlt. „Ja, es wäre natürlich schöner, Belgien würde die beiden jüngeren Meiler auch bald vom Netz nehmen. Aber das Ende von Tihange 2 und Doel 3 war immer unser Hauptanliegen.“ Für Aachen sei es ein enormer Gewinn an Sicherheit. Grund genug jedenfalls für Schumacher, „eine Flasche Champagner zu köpfen“.