Blackout in Belgien droht: Energieministerin wütend

Blackout in Belgien droht: Marghems Zorn oder Angst vorm Blackout

Weil in Tihange und Doel nur zwei von sieben Meilern in Betrieb sind, fürchtet Belgien eine Stromknappheit im Winter. Dienstag kommen die Beteiligten zu einem Krisengespräch zusammen. Ein Notfallplan steht.

Die belgische Energieministerin ist richtig wütend auf den belgischen Stromkonzern Engie-Electrabel. Der Betreiber der umstrittenen Meiler Tihange und Doel sei „allein verantwortlich“, sollte es zu einem Stromengpass im Winter kommen, teilte Marie-Christine Marghem in dieser Woche mit. Regelmäßig fürchtet Belgien den Blackout im Winter, diesmal aber ist die Lage wohl besonders ernst. „Es ist schlimmer als im Winter 2014“, erklärte die Energieministerin im Parlament, wie mehrere belgische Medien berichteten. Vor vier Jahren musste Belgien auf mehr als die Hälfte seines Atomstroms verzichten, weil Meiler abgeschaltet waren. Die Industrie drosselte den Stromverbrauch, mehrere Städte verzichteten auf die übliche Installation einer weihnachtlichen Kunsteisbahn. Der Tag X kam nicht, aber die Befürchtungen keimen wieder auf. Denn im Moment sind so wenige der sieben Meiler in Betrieb wie noch nie.

Kontrollierte Stromabschaltungen

In Belgien werden deshalb schon Notfallpläne geschmiedet. Am Dienstag wurden die Provinzen des Landes über die Einzelheiten einer kontrollierten Stromabschaltung informiert. Der Entlastungsplan wird nur umgesetzt, wenn an kalten Wintertagen tatsächlich ein Blackout droht. Laut „Grenzecho“ stehen auch sechs Kommunen der Deutschsprachigen Gemeinschaft auf der Liste, darunter Eupen, St. Vith und Kelmis. Für einige Stunden werden die Stromkabinen dann abgeschaltet, meist in den Abendstunden.

Hintergrund ist, dass derzeit nur Tihange 1 und Doel 3 Strom produzieren. In Tihange 2 und 3 und Doel 4 gibt es Probleme mit marodem Beton in Nebengebäuden. Sie werden analysiert und repariert. Der Reaktor Tihange 1 wird vom 20. Oktober bis zum 28. November wegen Wartungsarbeiten heruntergefahren. „Das können wir auch nicht verschieben“, sagte Anne-Sophie Hugé, Sprecherin des Betreibers, unserer Zeitung am Donnerstag. Dann wird nur ein Meiler Strom produzieren. „Ja, die Situation ist sehr besonders.“ Doel 1 soll am 10. Dezember wieder ans Netz gehen, der Meiler Doel 2 zum Jahresende. Sie werden derzeit gewartet. Doel 1 war abgeschaltet worden, als im April ein Leck im Nuklearbereich entdeckt worden war. Weil der Betreiber ein ähnliches Problem in Doel 2 fürchtete, hatte man auch dort Wartungsarbeiten angesetzt. Hugé rechtfertigt sich: Das sind große Baustellen in komplexen Gebäuden, das lässt sich nicht beschleunigen.“

Dieser Zustand gefällt Ministerin Marghem überhaupt nicht. „Das Verhalten von Engie-Electrabel schockiert mich“, teilte die föderale Energieministerin mit. Es gebe eine Differenz von 3000 Megawatt im Vergleich zu dem, was vereinbart sei. Electrabel habe die Wartungsarbeiten nicht intelligent geplant, so der Vorwurf. Der Konzern kontert: „Unsere Aufgabe ist es für Sicherheit zu sorgen, und diese Wartaungsarbeiten müssen vorgenommen werden“, sagte Hugé. Engie-Electrabel sei ein Privatunternehmen, es sei nicht die Aufgabe der Firma für eine Ausgewogenheit im Stromnetz zu sorgen. „Uns tut das auch finanziell weh, wenn unsere Meiler nicht in Betrieb sind und wir Strom zukaufen müssen.“

Wirtschaftlich steht Engie derzeit unter Druck. Nachdem Electrabel bereits Mitte Juni und Ende August die Revisionspläne für die belgischen AKW angepasst hatte, erfolgte jetzt die dritte Anpassung in diesem Jahr. Engie hat laut Medienberichten den Ergebnisausblick für das laufende Geschäftsjahr modifiziert. Der Konzern sehe das bereinigte Nettoergebnis nun am unteren Ende der bisherigen Spanne von 2,45 bis 2,65 Milliarden Euro. Experten sagen weiter, dass das Risiko für eine Gewinnwarnung steigt. Am Montagabend stieg der Strompreis in Belgien nach Medienberichten bereits um zehn Prozent.

Krisengespräch am Dienstag

Kommenden Dienstag gibt es jedenfalls ein Krisengespräch im Parlament. Engie-Electrabel, Netzbetreiber Elia und andere Akteure im Energiesektor besprechen sich. Man wolle gemeinsam Lösungen finden, um den Blackout zu vermeiden.

Schon vor Wochen hatte auch Belgiens Innenminister Jan Jambon Engie-Electrabel wegen der sich häufenden Probleme in den Meilern harsch kritisiert. Die Kommunikation bezüglich der Pannen und die Transparenz ließen zu wünschen übrig, monierte der Minister in Richtung Engie-Electrabel. Dort erklärt man, dass das Unternehmen äußerst transparent sei. Jede Abschaltung, jede Indisponibilität werde alsbald gemeldet, sagte Hugé.

Fest steht schon jetzt, dass das Land erstmals keine strategische Stromreserve in diesem Winter vorhalten wird, wie Energieministerin Marghem kürzlich bekanntgab. Natürlich alles die Schuld von Electrabel.

Die Oppositionsparteien sind verärgert. Marghem mache es sich zu leicht und schiebe mal wieder die Schuld auf andere, in diesem Fall Engie – so der Tenor. Der Grünen-Fraktionschef Jean-Marc Nollet sagte unserer Zeitung: „Marghem hat die Situation verschlimmert.“ Sie habe in ihrer vier Jahre dauernden Amtszeit nichts bewirkt energiepolitisch, im Gegenteil. „Ich bin verärgert, weil wir uns nun in dieser Lage befinden, weil Marghem sich voll auf Electrabel und Atomstrom insgesamt konzentriert hat.“

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