Tihange/Aachen: Tihange und Doel oder: Etwas ist immer

Tihange/Aachen: Tihange und Doel oder: Etwas ist immer

Die Anti-Atom-Bewegung fordert schon lange, dass die belgischen Atomkraftwerke Tihange und Doel abgeschaltet werden sollen. Derzeit dürften die Tihange-Gegner ganz zufrieden sein, weil von den sieben Meilern gerade einmal drei in Betrieb sind. Etwas ist immer — so könnte man es zusammenfassen. Nun also maroder Beton in Doel 3 und Tihange 3.

Die Probleme mit dem Beton gibt es bei beiden Meilern nicht in den Reaktoren, sondern in Nebengebäuden, erklärte Anne-Sophie Hugé, Sprecherin des Betreibers Engie-Electrabel. In dem Gebäude findet sich das nachgeschaltete Sicherheitssystems. Bei einem Vorfall im Reaktor wird dieses Sicherheitssystem benötigt. Sollte es etwa zu einem Erdbeben, einem Flugzeugabsturz oder einem Terroranschlag kommen, könnte es laut Atomaufsichtsbehörde Fanc Probleme geben, wenn das nachgeschaltete Sicherheitssystem defekt ist.

Fanc entscheidet über Anfahren

Der marode Beton muss dringend repariert werden. „Erst wenn wir es absegnen, dürfen die Meiler wieder ans Netz gehen“, sagte Erik Hulsbosch, Sprecher der belgischen Sicherheitsbehörde. Die Fanc habe das letzte Wort.

Die Nebengebäude mit dem maroden Beton werden untersucht und repariert. „Bei einer automatischen Abschaltung der Reaktoren muss der restliche Dampf noch entweichen. Er entweicht dann durch das Nebengebäude“, sagte Hugé. Diese Gebäude und der Beton darin sind deshalb großen Temperaturschwankungen und hoher Feuchtigkeit ausgesetzt. Das ist laut Fanc der Grund für die Zersetzung des Betons. Bei einer geplanten Untersuchung von Doel 3 wurde der Verschleiß des Betons im Oktober 2017 entdeckt. Seitdem ist der Meiler abgeschaltet.

Stahlverstärkung wohl schon beim Bau verschoben

In Tihange 3 wurden im April ebenfalls Probleme im Beton entdeckt. „Wir haben uns hier entschieden, noch tiefer zu gehen und haben entdeckt, das die Stahlteile im Beton nicht an den vorhergesehenen Stellen platziert sind“, sagte Hugé. Die Stahlverstärkungen sollen sich schon beim Bau des Meilers — 1978 bis 1985 — verschoben haben. Ob das tatsächlich so ist und was das bedeutet, wird derzeit untersucht. Doel 3 soll im August, Tihange 3 Ende September wieder ans Netz gehen.

Im August sollen der Pannenmeiler Tihange 2 und Doel 4 ebenfalls untersucht werden. Die Fanc glaubt, dass der Beton in den Meilern ebenfalls verschlissen sein könnte, weil es sich um denselben Bautypen handelt. Bei den alten Meiler Doel 1, 2 und Tihange 1 bestehe die Gefahr hingehen nicht, sagte Hulsbosch.

Doel 1 ist aber weiterhin nicht am Netz, weil Ende April im Primärkreislauf des Reaktors ein Leck aufgetreten ist und potenziell radioaktives Kühlwasser ausgelaufen ist. Es gebe noch keine neuen Erkenntnisse, sagte Hugé. Die Turbine werde jetzt erneuert. Auch in Doel 2 und Tihange 1 laufen die Inspektionen weiterhin.

Die Ausfälle belasten natürlich die Bilanz des Konzerns Engie-Electrabel, der zum französischen Energiekonzern Engie gehört. Der Betreiber rechnet damit, dass die Abschaltungen der Reaktoren 250 Millionen Euro kösten könnten. Engie erklärte Ende Juni in einer Mitteilung, dass die anstehenden Untersuchungen von Tihange 2 und Doel 4 und die Reparatur von Tihange 3 einen Ausfall von sieben Monaten bedeuteten.

Der Konzern sah sich deshalb gezwungen, eine Gewinnwarnung an die Aktionäre auszugeben. In der entsprechenden Pressemitteilung heißt es, dass „die Gruppe sofort beschlossen hat, einen spezifischen Aktionsplan umzusetzen, um die Auswirkungen dieser neuen Agenda auf die finanzielle Performance im Jahr 2018 zu reduzieren“.

Der Fraktionschef der belgischen Grünen wirft Engie seit langem vor, mit Überweisungen ans Mutterhaus die Insolvenz der belgischen Tochtergesellschaft voranzutreiben. Bislang steht er mit dieser Befürchtung allerdings allein da. Zu dem Störfall in Tihange 3 sagte Nollet empört: „Es handelt sich hier nicht um eine Fabrik für Wäscheklammern, sondern um einen nuklearen Reaktor.“

Dass die Sorge der Region nicht nur den umstrittenen „Riss-Reaktoren“ Tihange 2 und Doel 3 gilt, hatte der Aachener Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) schon angesichts der im Februar bekanntgewordenen potenziell gefährlichen Zwischenfälle (Precursor) in Tihange 1 gesagt: „Wenn wir sagen: ,Tihange abschalten’, meinen wir immer das ganze Kraftwerk, nicht nur den Riss-Reaktor“