Aachen: Tihange-Forum: Eine emotionale Debatte mit Strahlkraft

Aachen: Tihange-Forum: Eine emotionale Debatte mit Strahlkraft

Ein dickes Paket voller Informationen haben die Besucher unseres Tihange-Forums am Mittwochabend aus dem Aachener Ludwig-Forum mit nach Hause genommen. Die frühzeitige Auseinandersetzung und der sachliche Umgang mit einem so emotionalen Thema wie den belgischen Pannenreaktoren unweit der deutschen Grenze — das ist das Lob an die Akteure in unserer Region, das am Abend mehrfach zu hören war.

Doch bei aller Sachlichkeit: Die wissenschaftliche Runde zur Sicherheit der Reaktoren hat die Zuhörer eher beunruhigt zurückgelassen. Offensichtlich fehlen selbst den Experten mangels Transparenz auf belgischer Seite die Informationen, um eine sichere Einschätzung über den Zustand der Reaktoren Tihange 2 und Doel 3 vornehmen zu können, die von tausenden Rissen durchzogen sind.

Engagierte Debatte: (v.l.) Jörg Schellenberg vom Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie, NRW-Umweltminister Johannes Remmel, Wolfgang Cloosters vom Bundesumweltministerium, unser Redakteur Christian Rein und Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp. Foto: Marc Heckert

Es gibt keine Beweise

Unser Redakteur Amien Idries sammelte Stimmen aus dem Publikum ein. Die 500 Plätze in der Mulde des Ludwig Forums waren schon lange im voraus ausgebucht. Foto: Marc Heckert

Dieter Majer, früherer Leiter der deutschen Atomaufsicht, schilderte, wie die Reaktorsicherheitskommission zu einem anderen Ergebnis als die belgische Atomaufsicht Fanc gekommen ist. Es gebe schlicht keine Beweise dafür, dass die Risse im Reaktordruckbehälter aus der Bauzeit stammen.

Katharina Menne, Volontärin beim Zeitungsverlag Aachen, trug Reaktionen zum Thema Tihange aus den Sozialen Netzwerken zusammen. Foto: Marc Heckert

Es gebe keine Beweise und keine Berechnungen dafür, ob die Risse in einem Notfall dem Druck standhalten würden. „Das ist in Belgien nicht gemacht worden.“ Und: Es gebe keine Beweise, dass die Risse nur von oben nach unten und nicht auch von außen nach innen verliefen — was deutlich gefährlicher wäre. Selbst Majer klang bei der Schilderung dieser Sachverhalte alles andere als ruhig.

Forum Tihange Foto: Andreas Steindl

Dabei fehlten wichtige Akteure aus Belgien, die an zentraler Stelle für die Vorgänge rund um die belgischen AKW verantwortlich sind. Sie wollten an diesem Abend nicht Stellung beziehen: Der Direktor der belgischen Atomaufsichtsbehörde Jan Bens hatte im Vorfeld schriftlich erklärt, warum er unserer Einladung zum Forum nicht gefolgt ist: Die Fanc sei eine Aufsichtsbehörde, die sich weder in politische noch ideologische Diskussion einmischen wolle.

Die Geschäftsführung von Electrabel schlug ohne weitere Angabe von Gründen unsere Einladung aus. Belgiens Energieministerin Marie-Christine Marghem und Innenminister Jan Jambon nannten terminliche Gründe für ihre Absage, sahen sich aber auch außerstande, einen Vertreter zu entsenden.

In Belgien liege sicher seit langem vieles im Argen bei der Sicherheit der Atomreaktoren, sagte Rudi Schroeder, Chefredakteur des Belgischen Rundfunks, auf die Fragen der Moderatoren Réne Benden und Christian Rein, Redakteure unserer Zeitung. Die kürzlich bekanntgewordene Reaktion der Fanc auf den mangelnden Brandschutz in Tihange sei überfällig gewesen. Die gelassene Haltung der Belgier zu den Pannenreaktoren sei ein „Mysterium“ für ihn, sagte Schroeder. Doch in den letzten Wochen sei etwas passiert. „Da formiert sich Widerstand. Da wendet sich was.“

NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) zeigte sich zuversichtlich, dass die Lücke eines Abkommens zur Reaktorsicherheit zwischen Deutschland und den Belgiern geschlossen wird. „Aber wenn man unter Freunden nicht weiterkommt, muss die Chefin ran“, sagte er — und meinte Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Das Thema berührt die Menschen. In der emotional aufgeladenen Fragerunde zum Schluss sagte eine aufgewühlte Zuhörerin: „Ich zittere jetzt noch.“ Auch in den Sozialen Medien drückten Nutzer während des Forums ihre Bedenken gegen die belgischen Atomkraftwerke aus. Unter dem Hashtag #tihange kommentiert zum Beispiel Franca Quecke auf Twitter ironisch die Empfehlungen von Professor Alfred Böcking mit „Jodtabletten, dichte Fenster und Türen, Masken und zwei Wochen Essensvorrat gegen den Super-GAU? Na dann!“

Eine besondere Verabredung hat die Schülerin Sarah Esser seit Mittwoch mit Martin Schulz. Sie meldete sich für das trinationale Bündnis „Schüler gegen Tihange“ zu Wort, das seit langem vergeblich versucht, einen Termin mit dem EU-Parlamentspräsidenten zu bekommen. Martin Schulz sagte ihr nun zu, sie zu unterstützen und das Bündnis nach Brüssel einzuladen. Sie solle einfach nach dem Forum warten. Er werde sofort einen Termin mit ihr ausmachen.

Mehr von Aachener Zeitung