Brüssel: Terrorgefahr in Belgien: Die Angst ist wieder da

Brüssel : Terrorgefahr in Belgien: Die Angst ist wieder da

Brüssel scheint am Wochenende nur knapp einem erneuten Terror-Anschlag entgangen zu sein. Die Aktion hätte die Stadt bis ins Mark getroffen. Fußball-Fans sollten das Ziel sein, die viel besuchten Public-Viewing-Plätze rund um den Place Rogier in der Innenstadt, wo sich in den umliegenden Shopping-Meilen am Samstag ohnehin Tausende dicht drängen, waren das Ziel.

„Es gab eine unmittelbare Bedrohung“ bekräftigte Belgiens Premierminister Charles Michel am Samstag. „Ein unmittelbares Einschreiten war nötig“, betonte Innenminister Jan Jambon. „Es ist noch nicht vorbei, wir bleiben bei der Terrorwarnstufe 3“. Es ist die zweithöchste des Landes, die nicht weniger besagen soll, als dass ein Anschlag „unmittelbar bevorsteht“.

Begonnen hatten die Polizeiaktionen am Freitagabend. Bei Durchsuchungen in Brüssel verhafteten Anti-Terror-Einheiten den 30-jährigen Youssef E. A.. Er soll am 22. März auf den Anschlag auf den Flughafen beteiligt gewesen sein. Nach Informationen belgischer Medien war Youssef auf dem Airport für eine Catering-Firma tätig und hatte sogar die Berechtigung, die Cockpits abgestellter Flugzeuge zu betreten.

Am späten Freitagabend zogen dann Spezialeinheiten in 16 Städten Belgiens auf, darunter auch in den Hauptstadt-Gemeinden Forest, Molenbeek und Schaerbeek, sowie in Lüttich im französischsprachigen Landesteil nahe der Grenze zu Deutschland. 152 Garagen und Dutzende Häuser wurden durchgekämmt. 40 Personen nahmen die Beamten zum Verhör mit, zwölf setzen die Sicherheitsbeamten erst einmal fest, am Samstagabend erließ ein Richter gegen drei Männer im Alter zwischen 27,29 und 40 Jahren Haftbefehl wegen des Verdachts auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Vorbereitung von Anschlägen. Die übrigen durften gehen.

Im Laufe der Nacht zum Samstag verdichteten sich gleichzeitig die Indizien für einen unmittelbar bevorstehenden Terrorakt so sehr, dass Premierminister Michel und seine Familie sowie weitere Regierungsmitglieder unter verstärkte Bewachung gestellt wurden. Schwer bewaffnete Soldaten und gepanzerte Fahrzeuge bezogen in der Innenstadt Position.

Als die Fußball-Fans am Mittag zu den Plätzen strömten, an denen das Länderspiel der „Roten Teufel“, wie die belgische Nationalmannschaft genannt wird, gegen Irland aus Bordeaux übertragen werden sollte, mussten sie Rucksäcke abgeben oder zurücklassen und gleich mehrere Kontrollen über sich ergehen lassen. Der 3 : 0-Sieg der „Diables rouge“ ging fast unter in der martialisch aufgerüsteten Brüsseler City. Dennoch wollte die Regierung die höchste Terrorwarnstufe vier nicht ausrufen. Dann hätte der gesamte öffentliche Nachverkehr gestoppt werden müssen.

„Wir bewerten die Lage von Stunde zu Stunde neu“, bemühte sich der Regierungschef am Samstagnachmittag, Sicherheit und Beruhigung auszustrahlen. Doch vielen Menschen saß der Schock noch in den Gliedern, den eine erste Warnung schon Tage zuvor ausgelöst hatte: Da berichteten belgische Medien unter Berufung auf Sicherheitskreise, es seien mehrere Kommandos von Kämpfern der Dschihadisten-Miliz „Islamischer Staat“ (IS) aufgebrochen, um in Belgien und Frankreich während der Fußball-EM Anschläge zu verüben.

„Ich vermeide es, derzeit in die Innenstadt zu gehen“, erzählte die 34-jährige Bankerin Gabrielle. „Ich bin schon damals nur knapp dem Anschlag in der Metro entkommen.“ Und der 55-jährige Michel, ein Angestellter der EU-Kommission, meinte am Samstagabend: „Meine Familie und ich haben wieder Angst.“

Aufkommende Nervosität

Brüssel kommt nicht zur Ruhe. Dass die Anti-Terror-Einheiten bei den Razzien weder Waffen noch Sprengstoff fanden, reicht nicht, um die aufkommende Nervosität zu stoppen. „Über Jahre hat sich in Belgien eine militant-islamistische Szene entwickelt“, begründet der Terrorexperte Rolf Tophoven die nach wie vor herrschende Bedrohung.

Es gebe eine große Nähe zwischen den terroristischen „Nestern“ in Frankreich und eine Art „Terrorschiene“ zwischen beiden Staaten. „Die kennen einander zum Teil, sind sich zum Beispiel in Ausbildungslagern begegnet.“

Der belgische Fernsehsender RTBF meldete am Wochenende, die jetzt verhafteten Männer entstammten dem Umfeld der Brüder El Bakraoui und Mohamed (rpt. Mohamed) Abrini. Alle drei gelten als die Drahtzieher der Anschläge vom 22. März in Brüssel, bei denen 32 Menschen starben und 340 verletzt wurden.