Einsatz über Funk: Telenotarzt bald auch in Heinsberg und Düren

Einsatz über Funk : Telenotarzt bald auch in Heinsberg und Düren

Die Blicke des Arztes wandern hochkonzentriert über die drei vor ihm aufgereihten Computer-Bildschirme. Eifrig studiert er die Vitalwerte des Patienten, die ihm über eine mobile Internetverbindung aus dem Rettungswagen (RTW) übermittelt werden: Puls, Blutdruck, Sauerstoffsättigung, EKG-Kurve.

Jetzt zählt jede Minute. Er streift sich den Funk-Kopfhörer über und schaltet sich live zu den Kollegen am Einsatzort. Der Patient klagt über starke Brustschmerzen. Die fest installierte Videokamera im Fahrzeug liefert Bilder in Echtzeit. Dr. Max Skorning zoomt heran, kontrolliert Pupillengröße und Gesichtsfarbe des Patienten. Dann teilt er den Rettungsassistenten über Sprechfunk seine erste Ferndiagnose mit: Herzinfarkt.

Skorning ist Telenotarzt und unterstützt seine Kollegen vor Ort mit Hilfe neuester mobiler Kommunikationstechnik von einer Telenotarzt-Zentrale aus. „Der Telenotarzt soll als Einrichtung zwischen Rettungswagen und Klinik etabliert werden. Der steigende Ärztemangel, und damit auch die Verfügbarkeit von Notärzten, ist ein Riesenproblem. Die feste Installation dieses weltweit einmaligen Systems wäre ein Meilenstein in der Notfallrettung”, erklärt Skorning.

Zwei Jahre lang wurde an der technischen Umsetzung des Telenotarzt-Systems gearbeitet, ein weiteres Jahr wurde es in der Praxis erprobt. Die Ergebnisse des interdisziplinären Forschungs- und Entwicklungsprojekts Med-on-@ix (Medizin online in Aix-la-Chapelle), das jetzt offiziell seine Laufzeit beendet hat, liegen vor.

Rund 500 Patienten sind in der einjährigen Testphase mit Hilfe eines Telenotarztes erfolgreich versorgt worden. Eine technische Übertragungseinheit im Fahrzeug, die auch im Rucksack transportiert werden kann, gewährleistet die sprachliche Kommunikation zwischen Telenotarzt und Rettungsassistenten, und sorgt für die reibungslose Übermittlung von Messwerten und Bildern. Zudem hat der Telenotarzt Zugriff auf Arzneimittelverzeichnisse und Checklisten für verschiedene Krankheitsbilder.

Per Internet kann über GPS der Standort des RTW verfolgt, und über die aktuelle Verkehrssituation informiert werden. Die Vitalwerte des Patienten werden automatisch an das Krankenhaus gesendet, wo bereits Vorbereitungen für eine Notoperation getroffen werden können. „Die unbefangene Sichtweise des Telenotarztes aus der Ferne hat enorme Vorteile. Er hat durch den räumlichen Abstand einen kühleren Kopf und steht nicht so unter Adrenalin. Damit gewährleisten wir Qualitätssicherung in hohem Maße”, erklärt Jörg Christian Brokmann, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst Aachen.

Ziel des gemeinsamen Projekts des Universitätsklinikums Aachen, der RWTH Aachen, des Telekommunikationsdienstleisters P3 communications und Philips Medizin Systeme, ist die Optimierung der Versorgungsqualität und Einsatzeffizienz von Rettungsdiensten. „Wir ermöglichen mit dem System eine notärztliche Versorgung noch vor Eintreffen des Arztes und die Unterstützung der Rettungsdienstmitarbeiter, falls kein Notarzt angefordert wurde”, sagt Projektleiter Michael Tobias von P3 communications.

Rund 10.000 Euro kostet die Ausstattung eines RTW mit dem Med-on-@ix-System. Finanziert wurde das 3,5 Millionen Euro teure Forschungsprojekt durch ein Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie.

Mit Temras (Telemedizinisches Rettungsassistenzsystem) steht bereits ein Folgeprojekt in den Startlöchern, das auf den Ergebnissen von Med-on-@ix aufbaut. Zwei Telenotärzte sollen bald in Aachen in einer Zentrale arbeiten. Die Zahl der entsprechend ausgestatteten Rettungswagen wird von einem auf sechs erhöht. Dadurch wird das Einsatzgebiet auf weitere vier Standorte in NRW ausgedehnt: Düren, Heinsberg, Köln und Euskirchen. Der Schwerpunkt bleibt Aachen mit zwei Rettungswagen.

Die technische Übertragungseinheit ist künftig zudem mobiler und leichter. Herz- und Atemgeräusche sollen über ein elektronisches Stethoskop vom Telenotarzt mithörbar sein. Im August 2012 wird die einjährige Testphase im Rahmen einer Folgeförderung durch das Landesministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung beginnen.

Über zwei Millionen Notarzteinsätze gibt es jährlich in Deutschland. 7800 Notarzteinsatzfahrten sind pro Jahr allein im Stadtgebiet Aachen erforderlich. Täglich rückt somit im Durchschnitt 22 Mal ein Notarzt in Aachen aus. 60 ausgebildete Notärzte gibt es in Aachen, drei Notärzte sind täglich im Einsatz. Zehn Notärzte wurden bereits zum Telenotarzt ausgebildet.

Neben Notarzteinsätzen werden zusätzlich jedes Jahr 24.000 Einsätze im Stadtgebiet Aachen mit dem Rettungswagen gefahren.

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