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Überwindet auch dicke Mauern: Telemedizin-Test in NRW-Gefängnissen

Überwindet auch dicke Mauern : Telemedizin-Test in NRW-Gefängnissen

Ob auf dem Land oder in Corona-Zeiten: Dort, wo Ärzte nicht sofort physisch nah beim Patienten sein können, ist Telemedizin eine Lösung. Warum also nicht auch in Gefängnissen. In NRW liegen große Hoffnungen auf einem Pilotprojekt.

Es ruckelt nichts. Beim Praxistest für die Telemedizin hinter Gittern vor den Augen des NRW-Justizministers steht die Leitung stabil genug für ein Gespräch mit den weit entfernt sitzenden Fachärzten. Keine Selbstverständlichkeit, wie der Leiter der Justizvollzugsanstalt in Attendorn Ulf Borrmann einräumt. Schließlich ist man hier nicht nur hinter dicken Gefängnismauern, sondern auch tief im Sauerland, wo die Versorgung mit schnellem Breitband-Internet zu wünschen übrig lässt. Aber das einzige Manko, dass die Praktiker nach rund drei Wochen Pilotbetrieb der telemedizinischen Versorgung sehen.

Dort wurden wie auch in Aachen, Bielefeld-Senne und Herford in den vergangenen Wochen erste Patienten via Videosprechstunde versorgt oder psychiatrisch betreut. „Wir sind im 21. Jahrhundert angekommen. Draußen wie drinnen“, sagt der Anstaltsarzt Martin Thöne. Mit Hilfe der Telemedizin stehe nun auch innerhalb der Gefängnismauern schnell fachärztliches Knowhow zur Verfügung. Insbesondere die schnelle Verfügbarkeit rund um die Uhr lässt den Justizminister Peter Biesenbach (CDU) beim Vor-Ort-Termin am Mittwoch von einer „neuen Ära der medizinischen Versorgung im Strafvollzug“ sprechen.

Im Mai war das Pilotprojekt vorgestellt worden, inzwischen haben vier von sieben teilnehmenden Anstalten erste Patienten telemedizinisch behandelt. Bis 2021 steht für das Modellvorhaben gut eine Million Euro zur Verfügung. Er handele „in der Hoffnung, die digitale Technik auch in allen anderen Anstalten nutzen zu können“, sagt der Justizminister.

Warum ihm das Vorhaben am Herzen liegt, zeigt sich in einer Reihe von Problemen, die er beschreibt: Nicht nur seien Ärzte für den Justizvollzug immer schwerer zu finden. Auch sei die Klage unter Gefangenen groß, dass sie oft wochenlang auf einen Termin beim Facharzt warten müssen. Insbesondere leide die Justiz zunehmend unter Gefangenen, die psychisch auffällig oder erkrankt seien. „Da braucht dann auch das Justizpersonal schnell Hilfestellung, wie damit umzugehen ist.“ Sie zu fixieren oder in den besonders gesicherten Haftraum zu stecken, könne ja nicht die Lösung sein.

In Attendorn wird in solchen Fällen nun die „Videoclinic“ konsultiert. Der Hamburger Kooperationspartner verfügt über ein Fachärztenetz aus 60 Medizinern aller Richtungen - und über Erfahrung mit der besonderen Klientel hinter Gittern. Die Ärzte sind auch in ein ähnliches Projekt der baden-württembergischen Justiz eingebunden. In Krisensituationen - etwa bei aggressiven Inhaftierten oder solchen mit Suizidgedanken - können sie entscheiden: Reichen ein Gespräch, Medikamente oder muss der Strafgefangene doch in eine gesicherte Zelle oder ins Justizkrankenhaus?

Ein Videoclinic-Psychiater, der aufgrund seiner gelegentlich gefährlichen Patientenschaft nicht namentlich genannt werden will, berichtet: „Die erstaunliche Erfahrung ist, dass 90 Prozent der Patienten wieder kommen. Ich habe - wie in jeder normalen Praxis - einen festen Patientenstamm.“ Meist ließen sich die Patienten sehr schnell auf das Medium ein. Ausnahmen bestätigen die Regel: „Einmal ist es mir passiert, dass ein Patient versucht hat, auf die Kamera loszugehen und sie zerstören wollte.“ Und nicht alle Patienten willigen ein, die Videosprechstunde zu besuchen.

„Die Telemedizin soll den Anstaltsarzt nicht ersetzen, sondern ergänzen“, betont folglich auch der Minister. Doch nicht jeder mit Beratungsbedarf müsse gleich ins Justizkrankenhaus. Und auch der Anstaltsarzt habe Dienstzeiten. Außerdem soll die Telemedizin Personalressourcen schonen: Jeder Gefangene, der zum Arzt gebracht werden muss, bindet Mitarbeiter, erläutert der Attendorner Anstaltsleiter Borrmann. Und mit jeder „Ausführung“, wie es im Justizjargon heißt, steige das „Entweichungsrisiko“. Heißt: Bei einer Videosprechstunde in der JVA kann man nicht türmen.

Die Telebehandlung muss auch nicht auf das Gespräch beschränkt bleiben: Es gibt Blutdruckmessgeräte, die die Werte dem außerhalb sitzenden Mediziner direkt übertragen und hochauflösende Kameras, die den genauen diagnostischen Blick ermöglichen, schildert Borrmann. Auch Dolmetscher könnten per Videokonferenz hinzugeschaltet werden. Je mehr Daten und Videos hinzukommen, desto eher stoße die Übertragungsleistung „hier auf dem Land“ aber an ihre Grenzen. „Wir arbeiten daran“, versichert der Minister.

(dpa)