Forum des Bistums Aachen: Teilnehmer des „Heute bei dir“-Prozesses ziehen vorläufige Bilanz ihrer Arbeit

Forum des Bistums Aachen : Teilnehmer des „Heute bei dir“-Prozesses ziehen vorläufige Bilanz ihrer Arbeit

„Die Kirche braucht die Kultur des Wimmelbildes statt der Struktur einer Reihenhaussiedlung“, sagt Sabine Kock. Sie gehört zur Lenkungsgruppe, die den Gesprächs- und Veränderungsprozess „Heute bei dir“ im Bistum Aachen inhaltlich gestaltet.

Mit ihrem ungewöhnlichen Vergleich begrüßt sie mehr als 150 Frauen und Männer im Aachener Pius-Gymnasium, die dort am Wochenende sieben Stunden lang bei großer Hitze in mehreren Gesprächs- und Diskussionsforen darüber debattiert haben, was heute „Den Glauben leben“ bedeutet.

Kock fasst mit dem „Wimmelbild“ am Anfang geradezu prophetisch zusammen, was sich als Fazit dieses diözesanen Themenforums ergibt: Die Vielfalt im Bistum Aachen ist noch viel größer, als es sich manche überzeugte Vertreter und skeptische Gegner dieser Vielfalt bislang vorgestellt haben: die Vielfalt an Gottesdiensten und Gebetsarten, an Kirchenmusik und Willkommenskultur, an Katechese und Dialogformen, an Familienpastoral und Talenten derer, die sich engagieren.
Dass diese Vielfalt zum Vorschein kommt, liegt nicht zuletzt an der Struktur des Veränderungsprozesses. In 13 sogenannten Teilprozessgruppen beschäftigen sich weit mehr als hundert Menschen seit November 2018 mit diesen und einer Fülle von anderen Fragen des kirchlichen Lebens, sprechen mit Gläubigen und Fernstehenden, Theologen und Experten der Pastoral, verschicken Fragebögen und werten sie aus, analysieren die Lage. Einzelne Vertreter dieser Kleingruppen sind ins Pius-Gymnasium gekommen, stellen ihre bisherige Arbeit vor und wollen sich dort für ihre Abschlussberichte noch Anregungen von außen geben lassen.

Was hat sich aus der monatelangen Arbeit ergeben, was haben die Gruppen festgestellt? Diskrepanzen zwischen offizieller Position der Kirche und der Praxis in den Gemeinden, die Erkenntnis, dass Vernetzung an der Basis wichtiger sei als Zentralisierung und „die Kirche dem Volk Gottes dienen muss – und nicht umgekehrt“. Madeleine Wörner, deren Gruppe sich vor allem mit Gottesdiensten, Gebet und Kirchenmusik befasst, beschreibt die Situation als einen „Spagat zwischen Aushalten und Zulassen“.

Die Gestaltung der Gottesdienste ist nach Aussage des Bistums mit Abstand das größte Einzelthema im bisherigen Prozess. Der dringende Wunsch nach festem Ritus und festen Formen trifft auf die Frage, welche kreativen Regelverstöße nötig sind, damit Gottesdienste attraktiv werden. Wortgottesdienste – mit oder ohne Kommunionempfang – seien „ein sehr emotionales Thema“, sagt Maren Frank, die in Wörners Gruppe mitmacht. Da prallen die Meinungen auch in den Diskussionen am Wochenende aufeinander.
Klage über Predigten

Für Andrea Nell ist die Sonntagsliturgie „Quelle und Höhepunkt all dessen, was die Kirche ausmacht“. Darauf dürfe auf keinen Fall verzichtet werden, Wortgottesfeiern seien „kein adäquater Ersatz“. Christoph Tenberken, Simon Evertz und Michael Kleine widersprechen, weil kleine engagierte Gemeinden Wert legen auf ihren Gottesdienst vor Ort, zumal die Kommunionausteilung auch bei Wortgottesdiensten gut und würdig gestaltet werden könne.

Auf der einen Seite diejenigen, die die Messe am Sonntag wegen der Bedeutung der Eucharistie für unerlässlich halten, auf der anderen Seite jene, denen die Nähe an ihrem Ort und mit den Menschen dort in ihrer Gemeinde wichtiger ist. Bischof Helmut Dieser weiß noch nicht, ob und wie man solche Positionen zusammenbringt. Das zu überlegen, sei Aufgabe der zweiten Phase des „Heute bei dir“-Prozesses, in der Konsequenzen und Konzepte der umfangreichen Analysen entwickelt werden sollen. Er habe auf jeden Fall bei allen Freude festgestellt, „sich miteinander auszutauschen“. Nötig seien Konzepte, „von denen wir alle überzeugt sind“.

Heftig gestritten wird auch darüber, ob man vor allem bei Hochzeiten auf bestimmte Musikwünsche außerhalb des kirchlichen Liederzyklus eingehen soll – darf – oder nicht. Frank berichtet von vielen Klagen über Predigten, die unverständlich oder banal seien. Angelika Reitz-Tophoven sieht in einer guten, überzeugenden Predigt eine große Chance, diejenigen intellektuell und emotional zu erreichen, die nur zu bestimmten Anlässen (Hochzeit, Exequien, Heiligabend) in die Kirche kommen. Sie warnt davor, jene vor den Kopf zu stoßen, die nur Weihnachten da sind: „Wenn ich beschimpft werde, weil ich nur so selten komme, komme ich gar nicht mehr.“

Patrick Wirges, Pastoralreferent in Kornelimünster-Roetgen, zieht sein Fazit: „Wir haben ein breites Spektrum, das nicht zusammenzubringen ist. Wir suchen immer nach Regeln. Ich glaube eher, dass Weite die Lösung ist.“ Wirges erzählt von seinen Erfahrungen im Schweizer Bistum Basel-Solothurn: „Die fragen nie: Was dürfen wir? Die fragen: Was können wir?“

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