Den Haag/Barcelona: Tatverdächtiger im Mordfall Nicky Verstappen in Spanien verhaftet

Den Haag/Barcelona : Tatverdächtiger im Mordfall Nicky Verstappen in Spanien verhaftet

„Wir haben ihn“, schreibt Peter R. de Vries am Montagmorgen bei Twitter, die Familie sei „sehr erleichtert“. „Es wird Gerechtigkeit geben“, fügt der Sprecher der Familie von Nicky Verstappen noch hinzu. Es sind nur wenige Sätze — und doch lassen sie erahnen, wie groß die Last gewesen sein muss, die jetzt von den Angehörigen des getöteten Elfjährigen gefallen sein muss.

Es ist die Nachricht, auf die die Familie seit 20 Jahren gewartet hat. Sie erreicht die Angehörigen am Sonntagabend — und sie kommt aus Spanien: Jos B. ist festgenommen. Minuten zuvor wird der 55-Jährige von einem Sondereinsatzkommando der Polizei in Nordspanien in einem Waldgebiet rund 50 Kilometer von Barcelona entfernt überwältigt und in Handschellen abgeführt. Jos B. steht im Verdacht, den damals elfjährigen Nicky Verstappen 1998 in einem Zeltlager nahe der deutsch-niederländischen Grenze missbraucht und anschließend ermordet zu haben.

20 Jahre nach dem Mord an dem elfjährigen Nicky Verstappen aus den Niederlanden ist am Sonntag ein Verdächtiger gefasst worden. Foto: Ralf Roeger/dpa

Bis auf den Mount Everest

20 Jahre nach dem Mord an dem elfjährigen Nicky Verstappen aus den Niederlanden ist am Sonntag ein Verdächtiger gefasst worden. Foto: dpa

Die Polizei hatte den Mann schon seit Monaten unter Verdacht. Doch erst vergangene Woche gewinnen die holländischen Ermittler die weitgehende Gewissheit, dass sich der mutmaßliche Täter im europäischen Ausland aufhalten könnte und schreiben ihn zur Fahndung aus. Die Fahndungsbilder, die auch in spanischen Medien veröffentlicht werden, bringen den entscheidenden Hinweis: Ein Holländer erkennt den Gesuchten, als er ihm per Zufall in einem Wald begegnet, und alarmierte die Polizei.

Diese rückt am Sonntagnachmittag mit einem Spezialkommando an und nimmt B. fest. Wie die spanische Polizei mitteilt, wird der Gesuchte in der Nähe des Bergdorfes Castellterçol aufgespürt, wo er offenbar in einem abgelegenen Haus untergekommen war. Die Beamten nehmen ihn fest, als er das Haus zum Holzhacken verlassen will.

Noch am gleichen Tag wird der Festgenommene zu einem Gericht in Granollers bei Barcelona gebracht, wie aus spanischen Justizkreisen verlautet. Dort wird er per Videoschaltung von Richtern des zuständigen nationalen Gerichts in Madrid angehört, die über die Modalitäten der Auslieferung des Verdächtigen in die Niederlande entscheiden.

Die spanische Polizei bezeichnet den Mann als „Überlebensexperten“, der darin geübt gewesen sei, wochenlang in Höhlen, Zelten und anderen Zufluchtsorten in der Natur zurechtzukommen. Er sei ein erfahrener Bergsteiger gewesen, der Trekking-Touren durch Nepal, Indien und Pakistan gemacht und sogar den Mount Everest bestiegen habe.

Den spanischen Angaben zufolge war Jos B. bereits seit Monaten auf der Flucht und sei dabei durch Europa gereist. Unter anderem habe man seine Spuren in Frankreich gefunden. Dabei sei er offenbar vorzugsweise in abgelegenen Landhäusern abgestiegen, in denen er zuweilen auch — als Gegenleistung für Essen und ein Bett — gearbeitet habe.

B. soll Nicky Verstappen im August 1998 aus einem Sommercamp im Naturschutzgebiet Brunssummerheide an der deutschen Grenze entführt haben. Tags darauf wurde seine Leiche gefunden. Mit Hilfe von Spuren an der Leiche und modernen Technologien konnte erst 2008 ein DNA-Profil des Täters erstellt werden. Zunächst kam die Polizei aber auch dadurch nicht weiter. Im Februar dieses Jahres gaben 15000 Männer, die in der Gegend um den Tatort lebten, freiwillig eine DNA-Probe ab — aber auch das führte die Ermittler nicht zu einem Verdächtigen. B. war nicht unter den Freiwilligen, hatte aber 1998 als Zeuge in dem Mordfall ausgesagt. Die Polizei schöpfte Verdacht.

Zudem war Jos B. bereits 1985 zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden, weil er einen Zehn- und einen Elfjährigen während einer Tour in Wijnandsrade unsittlich angefasst hatte. Schon ein Jahr vorher soll es einen ähnlichen Vorfall mit einem Zwölfjährigen in Wijlre gegeben haben. Jos B. machte damals eine Therapie. Als er 2001 in einer Wiederaufnahme der Ermittlungen im Fall Nicky verhört wurde, gab er zu, damals in das Sexualdelikt verwickelt gewesen zu sein. Trotzdem wurde er nicht zum Tatverdächtigen.

Der mutmaßliche Mörder ist seit Jahrzehnten Pfadfinder, betreute Kinder in Zeltlagern — bis er 2002 die Pfadfinder in Heerlen verlassen musste. Ein Polizist und Mitglied der Pfadfinder fand heraus, dass B. 2001 in dem Verhör zugegeben hatte, auf minderjährige Jungen zu stehen. Der Polizist sprach privat mit B. und sagte danach: „Jos B. ist jemand, den man nicht bei den Pfadfindern haben will“, er sei eine Gefahr für Kinder. B. ging nach Polen — und arbeitete dort wieder als Pfadfinder mit Kindern.

Die Hütte in den Vogesen

Der Durchbruch gelang dann im April, als B. von seiner Familie als vermisst gemeldet wurde. Er war nicht wieder aufgetaucht, nachdem er nach eigener Aussage zu einem Spaziergang in den Vogesen, wo er eine Hütte besitzt, aufgebrochen war. In der Hütte sicherte die Polizei DNA-Spuren des Mannes. Ein Abgleich mit dem DNA-Profil des mutmaßlichen Täters ergab einen Treffer. Am 12. Juni wurde B. europaweit zur Fahndung ausgeschrieben.

Nickys Mutter Berthie Verstappen sagte am Sonntagabend im Fernsehen, sie habe nicht so kurz nach dem Fahndungsaufruf mit der Festnahme gerechnet. „Wir haben befürchtet, dass er sich so gut versteckt, dass er über Monate nicht gefunden wird“, sagte sie. „Wir möchten gerne Antworten auf unsere Fragen haben, obwohl wir uns davor fürchten zu hören, was geschehen ist.“