Herzogenrath: Tag der Nachbarn: „Man darf nichts gegeneinander aufrechnen“

Herzogenrath : Tag der Nachbarn: „Man darf nichts gegeneinander aufrechnen“

„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.“ Wusste schon Friedrich Schiller. Damit es nicht soweit kommt, gibt es den „Tag der Nachbarn“, der von der Stiftung nebenan.de initiiert und am Freitag von Nachbarschaften in ganz Deutschland mit Festen und anderen Aktivitäten begangen wird.

Menschen zusammenbringen, das möchten auch Ursula Kreutz-Kullmann und ihre Mitstreiter vom Nachbarschaftsprojekt „Mitten in Merkstein — Gemeinsam für eine gute Versorgung im Alter“ in Herzogenrath. Sie wollen zeigen und beraten, wie gute Nachbarschaft funktionieren kann. Mit Ursula Kreutz-Kullmann sprach unser Redakteur Hermann-Josef Delonge.

Frau Kreutz-Kullmann, was macht eine gute Nachbarschaft aus?

Ursula Kreutz-Kullmann: Dass in meinem Umfeld Menschen leben, denen ich gerne begegne. Das können auch ganz unverbindliche Begegnungen im Treppenhaus oder auf der Straße sein. Das ist die Basis. Daraus können sich tiefere Beziehungen ergeben, die dazu führen, dass man aufeinander achtet, dass man sich aufeinander verlassen kann, dass man sich hilft, wenn Not am Mann bzw. an der Frau ist. Und das in einer ganz selbstverständlichen Art und Weise, die nichts gegeneinander aufrechnet.

Dazu gehören aber immer zwei. Was kann man für eine gute Nachbarschaft tun?

Kreutz-Kullmann: Absolut, denn zu einer guten Nachbarschaft gehört immer eine Initiative. Im Idealfall ist mein Handeln als Nachbarschaft davon unabhängig, wie sich der andere verhält. Denn wenn man beginnt, alles gegeneinander aufzurechnen, entstehen schnell Konflikte und Verärgerung. Und das führt dann zu einer schlechten Nachbarschaft.

Muss man gute Nachbarschaft heute organisieren? Anders gefragt: War früher alles besser?

Kreutz-Kullmann: Es ist in der Rückschau immer schwierig zu sagen, ob früher alles besser war. Ich bin da skeptisch. Auf jeden Fall aber hatten die Menschen, vor allem die Frauen, früher mehr Ressourcen und mehr Zeit. Das lag nicht zuletzt an der traditionellen Rollenverteilung. Die Frauen waren zu Hause, kümmerten sich um Küche und Kinder — und eben auch um die Kontakte zur Nachbarschaft. Heute ist das anders; viele Frauen arbeiten und haben weniger Zeit, diese ganz alltäglichen Kontakte zu pflegen. Und zu Ihrer Frage, ob man gute Nachbarschaft organisieren muss: Ja, konkrete Angebote begünstigen eine gute Nachbarschaft, und ich darf dann auch nicht aufgeben, wenn es nicht sofort funktioniert. Wie gesagt: Einer muss immer die Initiative ergreifen. Das ganz alltägliche Leben in der Nachbarschaft, das gute Miteinander im direkten Umfeld und in der oft zufälligen Begegnung, das kann man allerdings nicht organisieren. Da hängt es von jedem einzelnen ab, ob und wie das funktioniert.

Der Fokus Ihrer Arbeit in Herzogenrath liegt stark auf älteren Menschen. Was haben jüngere Menschen von einer guten Nachbarschaft?

Kreutz-Kullmann: Ich bin davon überzeugt: Von einem generationenübergreifenden Kontakt profitieren letztlich alle. Das ist wichtig für unsere Gesellschaft, aber auch im Kleinen. Jede Generation hat unterschiedliche Ressourcen und Stärken. Junge Familien profitieren sehr davon, wenn in der Nachbarschaft jemand lebt, der man kurzfristig als Babysitter oder in der Kinderbetreuung einspringen kann. Und dann liest erst die ältere Nachbarin dem Kleinkind vor, und später dann, wenn die Augen schwächer werden, liest das Kind dann dem älteren Menschen vor. Das ist doch eine ideale Win-win-Situation. Berufstätige Menschen profitieren auch ganz oft davon, dass Ruheständler ihre Post annehmen.

Was aber tun, wenn es in der Nachbarschaft einen gibt, der alle Angebote zu einem guten Miteinander hartnäckig ausschlägt? Wie geht man am besten mit solchen „Stinkstiefeln“ um?

Kreutz-Kullmann: Es erfordert sehr viel Mut, immer wieder auf solche Menschen zuzugehen. Es ist aber ganz wichtig, offen zu bleiben und sich nicht von diesem einen Nachbarn alles verderben zu lassen. Egal, wie oft derjenige alle Angebote ignoriert oder abgelehnt hat: Laden Sie ihn immer wieder mit ein, wenn Sie die ganze Nachbarschaft einladen. Wenn sich dann irgendwann etwas daraus ergibt, ist es gut. Und wenn nicht, dann glaube ich daran, dass die Offenheit im Verborgenen etwas Positives bewirkt.

Was machen Sie selbst am „Tag der Nachbarn“?

Kreutz-Kullmann: Meine Nachbarn im Nebenhaus haben zuletzt zweimal miteinander gegrillt. Ich habe ihnen vom „Tag der Nachbarn“ erzählt und gemeint, wir könnten ja auch mal alle zusammen grillen. Vor drei Tagen haben sie mich dann angerufen und gefragt, ob sie am „Tag der Nachbarn“ mit mir rechnen können . . .