Aachen: Studiengang „Schienentechnik“: Bitte einsteigen!

Aachen: Studiengang „Schienentechnik“: Bitte einsteigen!

Nächster Halt: Aachen Hauptbahnhof. Natürlich kommt Raphael Pfaff per Bahn aus dem Ruhrgebiet in die Stadt. Am Hauptbahnhof schwingt er sich dann auf den Sattel seinen Fahrrads und tritt in die Pedale — bis zur Goethe-straße ist es nicht weit. Der Mann ist Pendler. Er setzt dabei auf die Schiene. Logisch. Denn Schienen sind seine Welt.

Seit etwa zehn Wochen ist Raphael Pfaff Professor an der Fachhochschule Aachen, er lehrt am Fachbereich 8, also Maschinenbau und Mechatronik, sein Lehrgebiet ist die Schienenfahrzeugtechnik. Langsam aber sicher ist er angekommen.

Eigentlich ist Raphael Pfarr Regelungstechniker. Noch eigentlicher ist er Tischler. Aber nach der Lehre hat er in Bochum und in Coventry studiert — Regelungstechnik. Er war Systemtechniker bei Siemens, bei Faiveley Transport fand er den Weg zur Schienenfahrzeugtechnik. Er wurde mit dem Siemens Vectron betraut, hat in der Angebotsphase den ICx betreut. Er verantwortet die Kupplungen am SBB Dosto, die bei Tempo 36 greifen muss, ohne dass sich der ganze Zug verformt und die Bahnfahrer den Aufprall zu spüren bekommen.

Früher haben neue Züge, 30, 40 Jahre gehalten. Nun wird mehr gefordert, als eine Lok, ein paar Waggons mit Sitzen und ein paar Tischen. Mehr Komfort, Internet, Strom, Ruhebereiche, es ist viel Bewegung in die Branche gekommen. „Der Mobilitätsbedarf der Gesellschaft lässt sich heute nicht mehr ohne Schienen denken“, erklärt Pfaff. Ganz platt gesagt: Deutschland braucht Bahnen. Und deswegen Schienentechniker oder Bahntechniker.

Das Problem seiner Disziplin ist die buchstäbliche Bodenständigkeit. Luft- und Raumfahrttechnik klingen gewiss spannender, wenn es darum geht, ein Studienfach auszuwählen. Und dann hat der Schienenverkehr in diesem Land einen schwierigen Ruf. Wenn die Bahn Presie erhöht, zu spät kommt oder mit ihren Lokführern hadert, dann leidet das Bild von allem, was auf Schienen unterwegs ist, in der Öffentlichkeit. All das schlägt sich in den Anmeldezahlen nieder.

Während die Luft- und Raumfahrttechnik mit mehreren Hundert Neuen aus den sprichwörtlichen Nähten platzt, gibt es für die Schienenfahrzeugtechnik nur wenige neue Studenten in jedem Jahr. Kaum ein Dutzend sind es. Dabei erwartet die Industrie genau diesen Nachwuchs mit offenen Armen — die ersten Angebote erreichen die Studenten, da brauchen sie noch ein Fernglas, um den eigenen Abschluss zu sehen.

„Mobilität und Urbanisation“ sind eben die großen Themen der Gesellschaft, und bis wir uns mit Flugzeugen oder Raketen in einer Stadt bewegen, werden wohl noch ein paar Jährchen vergehen. Schienenverkehr dagegen ist das Konzept der Zukunft — es braucht keinen Treibstoff, der in einen Tank fließen muss. Umweltfreundlichkeit ist das Gebot der Stunde. Nur in Aachen, da ist die Campusbahn auf der Strecke geblieben und wurde von den Bürgern in einem Entscheid mehrheitlich abgelehnt.

Während seine Studenten immer auf dem Sprung in die Industrie sind, hat Raphael Pfaff den entgegen gesetzten Weg genommen. Er war in der Industrie und hat sich bewusst für die Stelle an der Fachhochschule Aachen entschieden.

Immer in Hörweite

Die Bahn war für ihn immer in Hörweite. Als Kind konnte er sie in der Ferne hören. Wenn er nun Zuhause das Schlafzimmerfenster öffnet, dann kann er sie vernehmen und auch von seinem Büro an der FH in der Goethestraße kann er die Züge fahren hören. Er hat dies so nicht gesucht. Er wollte einen Arbeitsplatz, in dem er sein Wissen weitergeben kann, in dem er verfolgen kann, wie sich andere Karrieren entwickeln, wie er sie fördern kann.

Schon in der Industrie hat er die Personalentwicklung an seinen Aufgaben besonders geschätzt. Er hatte mal einen Mitarbeiter, der so seine Probleme mit dem Englischen hatte. Sie sprachen darüber, sie arbeiteten daran. Dann stand der Mann vor ihm und trug einen kompletten Brandschutzbericht vor — auf Englisch.

Pfaff war begeistert. Er freut sich auf ähnliche Geschichten an der FH Aachen. Zunächst einmal gibt es zwei Vorlesungen zum Qualitätsmanagement. Ein spannendes Feld für alle Schienenfahrzeugtechniker. Denn bislang fahren neue Züge stundenlang auf Teststrecken wie der in Wildenrath im Kreis, um ihre Funktionen zu kontrollieren. In anderen Branchen ist so etwas undenkbar. An Autos wird bis zum Exzess simuliert, bevor gebaut wird. Pfaff sieht hier für die Bahnbranche riesige Entwicklungssprünge. Sie müssen aber auch kommen: Ab 2016 greifen neue europäische Richtlinien beispielsweise zur Wartung. Das strenge Regime des Eisenbahnbundesamtes gerät ins Wanken.

Mit Modellbahnen haben andere Kinder gespielt. Raphael Pfaff wollte auch nie Lokführer werden; lieber Feuerwehrmann Es gibt einen Simulator oben unter dem Dach des FH-Gebäudes. Da sitzen die anderen. Der 37-jährige Pfaff, Vater einer zweijährigen Tochter und eines sechsjährigen Sohnes, ist viel lieber Passagier. Egal, wo er bisher war. Ob in Bochum, Coventry oder sonstwo auf der Welt. Immer ist er Bahn oder Metro gefahren.

Er schätzt es, auf dem Weg nach Hause noch ein wenig zu arbeiten. Verspätungen? „Da kann ich noch einen angefangenen Gedanken beenden“, sagt Pfaff und lacht. Aber im Ernst: Eine Verspätung der Bahn mag ärgerlich sein. Die wenigsten Wartenden hören gleichzeitig Verkehrsfunk und bekommen mit, wie viel Stau sie währenddessen zwischen Köln und Dortmund erwartet.

Es ist schon merkwürdig. Die Bahn hat ob ihrer Verspätungen einen schlechten Ruf. Der Lokführer-Streik sorgt für weiteren Ärger. Wer auf seinen Zug angewiesen ist, bringt erfahrungsgemäß wenig Verständnis für einen Konflikt zwischen Gewerkschaften und Bahn auf. Er will ans Ziel kommen. Und das kann die Bahn in diesen Tagen nicht bieten.

Autos dagegen, obwohl Staus auf den Autobahnen des Ruhrgebiets und anderswo zum Alltag gehören, faszinieren. Junge Menschen wollen zu BMW oder Daimler, wenn sie schon nicht an Raketen tüfteln können. Am ICE oder der Straßenbahn der nächsten Generation wirken, erscheint nicht so erstrebenswert.

Einen guten Klang

Dabei haben deutsche Firmen mit ihrer Expertise auf dem weltweiten Markt einen guten Klang, wenn es um Schienen und Lokomotiven geht. Wenn in China die großen Metropolen eine neue Untergrundbahn bekommen sollen, dann sind es europäische, meist deutsche Konzerne, die die Metrosysteme einrichten. Die Märkte, auf denen sich Bahnanbieter bewegen, werden immer internationaler, die Konkurrenz sitzt nicht mehr nur in München oder Stuttgart. Pfaff hat bei einem französischen Bremsenhersteller gearbeitet, doch die Deutsche Bahn kaufte fast immer deutsche Bremsen aus München. Im neuen ICx der Deutschen Bahn werden nun erstmals die französischen Bremsen eingebaut. Und auch die asiatische Konkurrenz drängt auf den europäischen Markt. Epische Entwicklungs- und Zulassungszeiten wie für die Baureihe 407 des ICE wird es in Zukunft kaum mehr geben. Simulation wird sie verkürzen. Und dann die ersten Versuche mit selbstfahrenden Güterwagen? Pfaff hat viel davon in der Industrie erlebt. Seine Studenten werden es in absehbarer Zeit erleben.

Er dagegen ist nun FH-Professor.

Auf dem Fahrrad geht es für ihn am Ende des Tages wieder zum Bahnhof. Er denkt über seine Ziele nach: Einerseits will er ein neues Labor in Aachen aufbauen, andererseits mehr junge Menschen für die Disziplin begeistern — dafür war er schon auf der Messe Innotrans, dafür hat die FH eine Lokomotive mit Werbung versehen. Die glänzenden Jobaussichten sind immer noch nicht bekannt genug. Vielleicht sollte er Lautsprecher nutzen, wie sie am Bahnhof ertönen.

„Bitte Vorsicht an der Bahnsteigkante.“

Der Regionalexpress 4 fährt ein. Pendler Pfaff steigt zu. Morgen kommt er wieder.