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Aachen: Studie: Hilfe für Männer, die geschlagen werden

Aachen : Studie: Hilfe für Männer, die geschlagen werden

Gewalterfahrungen prägen. Dabei werden Männer überwiegend als Täter und seltener als Opfer angesehen. Dennoch sind von häuslicher körperlicher oder psychischer Gewalt durch Partner vier beziehungsweise zwölf Prozent der Befragten betroffen.

„Wenn Männer zu Hause misshandelt werden, herrscht mangelnde Akzeptanz in der Gesellschaft. Opfer schweigen aus Scham, es gibt kaum Studien und keine spezialisierten Versorgungsangebote“, sagt Professor Ute Habel, Leitende Psychologin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Uniklinik Aachen, die sich in einem vorausgegangenen Projekt bereits mit der Gewalterfahrung von Frauen und Männern beschäftigt hat. Es gibt einen deutlichen Zusammenhang zwischen Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen im Erwachsenenalter, wenn Männer als Kinder Gewalt erfahren haben. Weitere Erkenntnisse soll dazu das neue, von Ute Habel geleitete Projekt „Gewaltbetroffene Männer — Gesundheit und Risikoverhalten“ kurz „G.M.G.R“, bringen.

Thomas H. (links) ist zum Interview für die Männer-Studie mit Professor Ute Habel (Mitte), Leitende Psychologin der Uniklinik Aachen, und Mitarbeiterin Ramona Kirchhart bereit. Foto: Ralf Roeger

Bis Mai 2019 werden in Kliniken der Stadt Aachen und der Städteregion sowie im Ennepe-Ruhr-Kreis rund 5000 Männer zu persönlichen Gewalterfahrungen, Gewaltausübung sowie psychischen und physischen Folgen von Gewalt und Verhaltensauffälligkeiten befragt. Gemeinsam mit der Bewährungshilfe und Täterprogrammen in Aachen werden Interviews mit rund 100 Straftätern geführt, die aufgrund von Gewaltverbrechen verurteilt wurden. Ausgestattet ist die Untersuchung mit rund eineinhalb Million Euro aus Mitteln der Europäischen Union und des Landes NRW.

„Uns geht es um die Etablierung eines Präventions- und Unterstützungsprogramms auch für männliche Opfer von Gewalt, für Frauen gibt es da schon wesentlich mehr“, betont Ute Habel. Eine Erkenntnis besteht bereits in der Tatsache, dass unter Straftätern viele Männer sind, die als Kinder oder Jugendliche Gewalt erfahren haben.

Bei den Erhebungen staunen die Projektbeteiligten über einen unerwartet hohen Prozentsatz von Männern mit Gewalterfahrung — zum Teil bereits in früher Kindheit. In ersten Ergebnissen zeigt sich, das 44 Prozent der Befragten bereits eine Form von Gewalt erlebt haben. 58 Prozent dieser Gruppe bekennen sich gleichzeitig zur Gewaltausübung. Bei männlichen Gewaltopfern sind körperliche und psychische Gewalt (33 Prozent/32 Prozent) gleichermaßen vertreten. Von erlebter sexueller Gewalt berichten rund fünf Prozent. Die Gruppe derjenigen, die im beruflichen Umfeld psychische Gewalt erfahren haben, ist mit 43 Prozent sehr groß.

Die Forschungen sind eine Herausforderung. „Gewalterfahrung ist etwas, über das niemand gern, spricht“, sagt Ute Habel. „Wurde die erste Gewalterfahrung im Alter unter elf Jahren gemacht, hat das oft deutlichere Folgen, als wenn es später im Leben stattfindet.“ Prügeleien unter Jugendlichen werden oft nicht ernst genommen, von emotionaler Vernachlässigung wollen viele nichts hören.

„Dabei hinterlassen Schläge, die jemand als Kind bekommen hat, Spuren, Narben im emotionalen Bereich“, betont die Wissenschaftlerin. Ein fataler Mechanismus setze ein: Das Kind lernt, dass man sich mit Gewalt durchsetzen kann und ahmt dies später nach.

Dabei wird nicht jeder, der geschlagen wurde, zwingend zum Schläger. „Wer lernt, mit Emotionen umzugehen und seinen Stress zu regulieren, wird anders reagieren“, meint Ute Habel. Dennoch kann sich die Spirale der Gewalt weiterdrehen — wenn etwa Faktoren wie Sucht und Abhängigkeit hinzukommen.

Der Weg zur Gewaltausübung kann hierdurch beeinflusst werden. Davon berichtete Thomas im Gespräch mit unserer Zeitung, der in der JVA Aachen eine Haftstrafe über 33 Monate absaß und sich für ein Interview innerhalb der Studie bereiterklärt hat. Der heute 30-Jährige, dem dreifache schwere Körperverletzung vorgeworfen wurde, sagt: „Bei mir war es die Sucht, Alkohol, Drogen, da kam ein Moment, in dem ich nur noch zuschlagen wollte.“

Beratungsangebot entwickeln

Als Kind kann er sich an wiederholte Prügel nicht erinnern, trotzdem ging es bei ihm emotional bergab. „Ich glaube, das steckt in jedem Menschen“, meint er nach Antiaggressivitätstraining und zahlreichen Gesprächen.

Was ihn heute noch belastet sind Schuldgefühle. Die Reizüberflutung nach dem Gefängnisaufenthalt hat ihn erschreckt und ihm die Rückfallgefahr aufgezeigt. „Ich würde am liebsten eine Zeitung machen für Leute wie ich einer war, mit all den Hilfsangeboten und guten Tipps“, meint er nachdenklich. „Dann könnten andere die Erfahrungen aus meinem verkorksten Leben nutzen.“ Jetzt sucht er nach Organisations- und Finanzierungshilfen.

Wie bei Thomas liegt auf Basis erster Daten des Projektes bei 46 Prozent der befragten Straftäter eine Drogen-, bei 26 Prozent eine Alkoholabhängigkeit vor. Von den Straftätern, die mindestens eine Substanzabhängigkeit aufweisen, sind 82 Prozent Wiederholungstäter.

Ziel der Studie ist es nun, solche Zusammenhänge bis 2019 bundesweit zu vermitteln und ein breiteres und gut erreichbares Beratungsangebot zu entwickeln, das auch online erreichbar ist. Das beinhaltet auch eine Sensibilisierung im medizinischen Bereich, etwa wenn Patienten unter chronischen Schmerzen leiden und die Ursachen nicht klar sind.

Fest steht jetzt bereits: Erfahrene Gewalt kann vielfach gesundheitliche Folgen wie Depressionen, Schlafstörungen, Suizidgedanken oder selbstverletzendes Verhalten haben. Auch hier will das Team um Ute Habel für neue Einsichten sorgen.