Aachen: Studie der Katholischen Hochschule: Tagesmütter arbeiten auch krank weiter

Aachen : Studie der Katholischen Hochschule: Tagesmütter arbeiten auch krank weiter

Krank werden? Urlaub nehmen? Tagesmütter oder -väter winken ab. Geht gar nicht. Vertretungsregelungen sind schwierig, OP-Termine werden verschoben, fallen Vergütungen weg, brechen die Einnahmen ein.

Trotz einer Arbeitszeit von bis zu 50 Stunden in der Woche, bewegt man sich meist im Niedriglohnsektor. Davon leben kann kaum jemand. Fortbildungen finden an Wochenenden oder Abenden statt.

Auf der anderen Seite wird bundesweit ein Trend beobachtet, der die Kindertagespflege als zweite wichtige Säule der frühkindlichen Betreuung neben der institutionellen Versorgung sieht. Im Rahmen einer ersten großen Studie hat Silvia Hamacher, Professorin für soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule NRW in Aachen, nachgefragt, wie es konkret um die Tagespflege bestellt ist, welche Probleme es gibt.

14.000 Aktive in NRW

1123 Frauen und Männer haben geantwortet, 40 Prozent davon aus Nordrhein-Westfalen, wo rund 14.000 Tagespflegepersonen gibt. Das Ergebnis ist alarmierend, ob die Aussagen nun den Arbeitsalltag betreffen oder die pädagogische Qualifikation der Tagespflegekräfte. „Nachbarschaftshilfe“, „Hobby“ — Begriffe, die offensichtlich noch nachwirken, wo sich längst ein ernstzunehmender Beruf etabliert hat, wie Barbara Lieske, Vorsitzende des Berufsverbandes für Kindertagespflegepersonen NRW, bestätigt.

2013 hat die Bundesregierung den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ab dem ersten Lebensjahr eingeführt und dabei Eltern das Wunsch- und Wahlrecht zwischen einer institutionellen Einrichtung und einer Kindertagespflegeperson gelassen (§ 24 Sozialgesetzbuch VIII). Bundesweit benötigen 46 Prozent aller Eltern einen Betreuungsplatz für ihr Kind im Alter unter drei Jahre. Aber ob Vergütung, Sozialleistungen oder Fortbildung — nichts ist grundsätzlich geregelt.

Selbst die Zahl der Ausbildungszeit, die man zur Ausübung einer Tagespflege braucht, schwankt zwischen 80 (zehn Prozent) und 160 Stunden, soll aber jetzt auf 300 Stunden erhöht werden, werden, um einen ersten Schritt hin zum Qualitätsstandard zu schaffen. Von Bundesland zu Bundesland gibt es unterschiedliche Vorgehensweisen, manchmal sogar von Kommune zu Kommune.

„In der Tagespflege ist man zwar selbstständig, zugleich aber abhängig von Trägern und Kommunen sowie von den Eltern“, weiß Barbara Lieske vom Berufsverband, der 2014 gegründet wurde und bereits 340 Mitglieder hat. Die Fortzahlung bei Ausfallzeiten der Tagespflegeperson beziehungsweise des Kindes wird sehr unterschiedlich gehandhabt. Bei Eingewöhnungszeiten eines Kindes wird sogar bei der Hälfte der Befragten das Honorar in vollem Umfang gezahlt.

Versorgungslücken sind keine Seltenheit

Versorgungslücken bei der Altersversorgung und bei Ertragsausfallversicherungen sind keine Seltenheit. Pro Kind pro Tag ist mit Einnahmen von 30 Euro zu rechnen, maximal fünf Kinder können gleichzeitig betreut werden. In der „Großtagespflege“, bei der zwei bis drei Tagesmütter gemeinsam arbeiten, dürfen bis zu neun Verträge geschlossen werden. Hier will man nun verstärkt Lobbyarbeit betreiben — nicht zuletzt aufgrund der Ergebnisse dieser Studie. „Sie macht greifbar, wo Probleme liegen“, sagt Silvia Hamacher.

Allein zum Thema Ausbildung gibt es neue Fragen. Kann es zu einer Aberkenntnis der Pflegeerlaubnis kommen, wenn Stunden nicht nachgeholt werden? Und wie sieht es mit den Praktika aus? Professionalität darf nicht unterschätzt werden. „Schließlich beinhalten rund 45 Stunden in der Woche mit einem Kind einen hohen Anteil an Erziehung, und wir müssen oft mit Kinder umgehen, die schwierig sind“, betont Sozialpädagogin Edith Biedenbach, Projektmitarbeiterin an der Katholischen Hochschule NRW.

„Was häufig unterschätzt wird, ist die Elternarbeit“, ergänzt Barbara Lieske. „Das kann gleichfalls kompliziert werden.“ Ein Beispiel: Eltern fordern, dass ihr Kind am Nachmittag nur 30 Minuten schläft, weil sie glauben, dass sie es sonst abends nicht ins Bett findet... „Da müssen wir Überzeugungsarbeit leisten, warum Kinder diesen Schlaf brauchen, dazu muss aber jemand qualifiziert sein“, sagt Barbara Liske.

Die Bilanz

Nicht zuletzt die finanziellen Gegebenheiten bieten Konfliktpotenzial. So erhalten laut Studie Kommunen für Kinder im Alter bis drei Jahre, die in einer Kita versorgt werden, zehnmal mehr Förderung als für Tagespflegeplätze. Wer Hilfe im Dschungel der Bestimmungen und Anforderungen sucht, geht zur Fachberatung — und die liegt meist in Händen der Jugendämter. „Dort kennt man sich vielfach besser mit Kitas als mit Tagespflege aus“, weiß Barbara Lieske. „In Aachen gibt es zum Glück den Verein für familiäre Tagespflege.“

Grundsätzliches Ergebnis der Studie: Fachberatungsqualität lässt in den meisten Fällen zu wünschen übrig, von einer leistungsgerechten Bezahlung kann nicht die Rede sein — ganz zu schweigen von der Anerkennung als Beruf.

Tatsache ist: Der Bedarf an Tagespflegeplätzen steigt, die Zahl derjenigen, die in der Tagespflege arbeiten wollen, geht zurück. Immerhin sagen 75 Prozent der Befragten noch, dass sie „aus Überzeugung eine Alternative zur Kita bieten“ und 47 Prozent sehen die Tätigkeit als eine Möglichkeit, Arbeit und Familie miteinander zu vereinbaren.

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