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Köln: Streit um ein Bett: Für Conterganopfer mehr als ein Möbel

Köln : Streit um ein Bett: Für Conterganopfer mehr als ein Möbel

Wenn Christiane Ortel abends ins Bett geht, kann sie sich mit ihren kurzen Armen nicht abstützen. Sie ist ein Conterganopfer. Früher hat das noch mit Muskelkraft geklappt. Da hatte sie auch noch nicht diese Schmerzen in Hüfte und Knien. Immer musste ihr Mann helfen.

Beim Hinlegen, Aufstehen - auch wenn sie aufgewacht war, weil sie sich wieder mal im Bett so verdreht hatte, wie es nur ein Mensch mit kurzen Armen fertigbringt, weil die nicht stützen können.

Mit dem sogenannten Boxspringbett, das ihr der Arzt verordnete, wurde durch die richtige Höhe und Ausstattung der Matratze vieles besser, wie sie vor dem Prozess am Dienstag gegen die Conterganstiftung am Verwaltungsgericht Köln erzählt: Weniger Schmerzen, mehr Selbstständigkeit, guter Schlaf und besseres Gemüt. Für Ortel ist das Bett ein Hilfsmittel, für die Conterganstiftung ein Möbel. Die 53-jährige Frau und Mutter von zwei Kindern verklagte die Stiftung auf Kostenübernahme von rund 5000 Euro.

Das Bett sei reines Wohnungsmobiliar, stellte die Stiftung fest, ein Gebrauchsgegenstand des täglichen Lebens: Wenn Lifestyle oder Wellness im Vordergrund stünden, könne sie auch nicht zahlen, schrieb sie sinngemäß der Klägerin. Man müsse sich an die Förderrichtlinien halten.

„Frau Ortel hat sich das Bett gekauft, weil sie es braucht und nicht, weil sie sich damit die Wohnung möblieren wollte, sagte der Vorsitzende Richter Andreas Fleischfresser gegen Ende der Verhandlung. Ein weitaus teureres Pflegebett hätte die Stiftungen übernommen. „Ich verstehe jeden, der nicht ein Pflegebett in der Wohnung haben will”, sagte der Richter. Das Urteil soll den Beteiligten in etwa zwei Wochen zugestellt werden.

Unter den Zuschauern saß eine Gerontologin der Universität Heidelberg. Die Uni Heidelberg hatte 2013 in einer stark beachteten Studie die Hilfsmittel genannt, die Conterganopfer für ein selbstständiges Leben mit möglichst wenig Schmerzen brauchten.

„Durch die Hilfsmittel soll der Alltag normalisiert werden”, sagte die Ärztin am Rande der Verhandlung. Es müsse nachdenklich machen, wenn von den jährlich 30 Millionen Euro, die der Bund dafür zur Verfügung stelle, im vergangenen Jahr nur 2,5 Millionen verbraucht wurden. Das, wo doch viele Betroffene Hilfen an allen Ecken bräuchten: „Wer sich früher mit den Füßen die Haare gewaschen hat, kann das jetzt nicht mehr. Der braucht ein neues Bad”, sagte die Expertin. Nicht verwendetes Geld fließt an den Bund zurück.

Es gebe ja auch nur wenige Anträge, konterte die Stiftung. „Ja weil Ihr nix bezahlt”, kam es wütend von den vielen Conterganopfern im Zuschauerraum. „Man könnte das so sehen, dass das ein Erfolg Ihrer Abschreckungspolitik ist”, sagte der Anwalt der Klägerin Oliver Tolmein. Die Betroffenen hätten schwerste Behinderungen und genug damit zu tun, im Alltag zurecht zu kommen.

„Die bewilligen ganz restriktiv”, sagte auch der Vorsitzende vom Bund Contergangeschädigter und Grünenthalopfer, Andreas Meyer, vor dem Prozess. Viele Betroffene hätten nicht mehr die Kraft, solche Anträge zu stellen. Der Mann ohne Arme und Beine weiß aus eigener Erfahrung wie zermürbend der Kampf um einen „Anziehstab” ist, mit dem er sich selbst einen Pullover anziehen kann.