Aachener Elektroautohersteller: Streetscooter will E-Laster in China und den USA bauen

Aachener Elektroautohersteller : Streetscooter will E-Laster in China und den USA bauen

Die Aachener Streetscooter GmbH wird in Kooperation mit dem Autohersteller Chery elektrisch betriebene Zustellfahrzeuge für den chinesischen Markt bauen.

Dies vereinbarte der neue Streetscooter-Chef Jörg Sommer mit dem Management des chinesischen Autobauers Chery am Rande des Staatsbesuches von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in Peking. Die Deutsche Post AG, die zwei Aachener RWTH-Professoren die Streetscooter GmbH 2014 abkaufte, erklärte am Freitag auf Anfrage unserer Zeitung, durch die Kooperation seien keine Arbeitsplätze an den Standorten Aachen und Düren gefährdet.

Nach Angaben der Deutschen Post will Chery 500 Millionen Euro investieren, um die Produktion eines neuen Streetscooter-Modells aufzubauen, das speziell für den chinesischen Markt entwickelt werden soll. Dabei komme die Finanzierung von der chinesischen Seite, hieß es seitens der Post. Streetscooter bringe sein Know-how, das geistige Eigentum und seine Produktionserfahrung bei leichten Nutzfahrzeugen ein.

Ab 2021 könnten der Vereinbarung zufolge jährlich bis zu 100.000 Stück dieses neuen Modells produziert werden. Wie hoch diese Zahl ist, verdeutlicht die Tatsache, dass Streetscooter seit seiner Gründung 2010 laut Kraftfahrt-Bundesamt bislang kaum 12.000 Fahrzeuge produziert hat, von denen allein die Deutsche Post AG 10.000 kaufte.

„Diese Kooperation hilft Streetscooter enorm“, sagte am Freitag der Duisburger Wirtschafsprofessor Ferdinand Dudenhöffer. „So hat Streetscooter mehr Mittel, um die Fahrzeuge weiterzuentwickeln, und deckt den wichtigsten Elektroauto-Markt der Welt ab.“

Die Post AG kündigte am Freitag weiter an, in einigen Jahren an der US-Westküste ein weiteres Streetscooter-Werk aufbauen zu wollen, um den US-Markt bedienen zu können.

Auf Dauer könnte das Werk in China die beiden Fertigungsstätten in Aachen und Düren überflüssig machen, sagte Dudenhöffer weiter. „Wenn Streetscooter in China riesige Stückzahlen zu einem niedrigen Preis baut, wäre schon denkbar, dass die den hiesigen Markt auch von Fernost aus bedienen.“

Die Deutsche Post hingegen erklärte, dass genau dies nicht passieren werde. „Streetscooter wird in Aachen und Düren weiter für den deutschen und europäischen Markt produzieren, unter anderem für die Deutsche Post“, erklärte ein Konzernsprecher gegenüber unserer Zeitung. Es werde „auch keine Produktion aus Aachen nach China verlagert“, sagte der Post-Sprecher weiter.

Streetscooter produziert bereits in Deutschland den gleichnamigen Elektro-Lieferwagen, mit dem Zusteller seit gut fünf Jahren im großen Stil Pakete in Städten und Dörfern ausliefern. Erst vor wenigen Tagen nahm die Deutsche Post den 10.000. Streetscooter in ihre eigene Flotte auf. Neben dem kleinen Streetscooter gibt es zwei größere Modelle, das größte entsteht in Zusammenarbeit mit dem Autobauer Ford.

Jetzt soll eine weitere Variante hinzukommen – und zwar auf Basis des mittelgroßen Modells Streetscooter Work L, wie ein Post-Sprecher mitteilte. Chery und die Post wollen den Wagen gemeinsam entwickeln.

Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen sprach von einer „großen Chance für Streetscooter“. Der Professor sieht die Autobauer-Aktivitäten der Deutschen Post generell eher kritisch - die Stückzahlen seien bisher zu niedrig und Produktionskosten zu hoch. „Durch Chery könnte man wegkommen von der teuren Manufakturarbeit und hin zu einer industriellen Serienproduktion“.

Dem Sprecher zufolge soll die Konzerntochter Streetscooter nicht nur als Fahrzeughersteller punkten, sondern auch beim Aufbau einer Lade-Infrastruktur und beim Organisieren einer Weiternutzung von gebrauchten Fahrzeug-Batterien mitmischen.

Für einen möglichen Verkauf oder Teilverkauf der Konzerntochter Streetscooter führt die Post dem Sprecher zufolge weiterhin „vielversprechende“ Gespräche mit Finanzinvestoren und strategischen Interessenten. Chery ist das nicht, wie der Post-Sprecher auf Nachfrage betonte: „Ob das chinesische Investorenkonsortium Teil der Option für die Suche nach Partnern für die eigentliche Umsetzung der Wachstumsstrategie von Streetscooter ist, wird sich zeigen.“

Wie die Post mit Aachener Hilfe zum Elektro-Pionier wurde

Mit der Entwicklung und dem Bau des Streetscooters hatte die Post binnen weniger Jahre eine Vorreiterrolle bei Elektro-Lieferwagen eingenommen. Weil die großen Autohersteller dem Logistikkonzern keine passenden Modelle für seine Flotte anboten, suchte die Post nach Alternativen und fand sie bei der Firma Streetscooter, die 2010 als Forschungsinitiative von Achim Kampker und Günter Schuh entstand.

Vier Jahre später begann die Produktion auf dem Gelände der Waggonfabrik Talbot an der Jülicher Straße in Aachen. Ende 2014 kaufte die Deutsche Post das Unternehmen, die ein leichtes Elektrofahrzeug für ihre Zusteller benötigte. 2017 wurde eine zweite Fabrik in Düren eingerichtet. Die Produktionskapazität von Streetscooter soll damit rund 20.000 Fahrzeuge im Jahr betragen.

Zwar gewährt die Post-Tochter keinen Einblick in seine betriebswirtschaftlichen Zahlen. Nach Schätzung von Experten schreibt die Firma aber seit langem tiefrote Zahlen, was bei Elektro-Start-ups allerdings nicht unüblich ist, siehe Tesla.

Es ist schon ein paar Jahre her, dass das Wort Streetscooter leuchtende Augen und große Begeisterung hervorrief beim Bonner Konzern. Damals wurde der Ex-Staatsmonopolist dafür gefeiert, mit dem Start-up den etablierten Autobauern ein Schnippchen geschlagen zu haben. Doch der Wind wurde rauer.

Vergangenes Jahr musste ein für Streetscooter zuständiges Bonner Vorstandsmitglied seinen Hut nehmen, in diesem Frühjahr wiederum kam es zum Chefwechsel bei Streetscooter selbst. Seit längerem erwägt die Konzernspitze einen Verkauf der Sparte oder eine Zusammenarbeit mit einer anderen Firma. Kurzum: Der Lack ist etwas ab von der glänzenden Erfolgsstory.

(red/dpa)
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