Düsseldorf: Straftaten arbeitsloser Schulabgänger steigen

Düsseldorf : Straftaten arbeitsloser Schulabgänger steigen

Macht Arbeitslosigkeit kriminell? Diese Frage beschäftigt seit Jahrzehnten die wissenschaftliche Kriminologie - bislang ohne schlüssiges Ergebnis.

Erhebungen des NRW-Landeskriminalamts kamen erst jetzt einer Entwicklung auf die Spur, die intern bereits das Etikett „sensationell” bekommen hat: Während sich die Zahl der Arbeitslosen in den letzten 25 Jahren fast verdreifachte, ging die Zahl der arbeitslosen Straftäter um 27 Prozent - von 39 526 auf 28 935 - zurück.

Das Düsseldorfer LKA ist bis heute das einzige in Deutschland, das regelmäßig eine Sonderauswertung zur Kriminalität von Arbeitslosen erstellt. Vor 25 Jahren - im Jahr 1977 - lag die erste Jahreserhebung vor. Damals war jeder siebte Straftäter ein Arbeitsloser. Seither ist die Zahl der arbeitslosen Täter von Jahr zu Jahr zurückgegangen. Heute ist nur noch jeder 14. ermittelte Täter arbeitslos. Im selben Zeitraum hat sich die Zahl der Täter, die einen Job haben, um 55 Prozent auf 375 000 erhöht.

Innerhalb der „Arbeitslosen-Kriminalität” hat es in den 25 Jahren erhebliche Verschiebungen gegeben, die zugleich auf besondere Problemgruppen hinweisen: Die Zahl der arbeitslosen Schulabgänger, die Straftaten begingen, hat sich auf 2369 mehr als verdoppelt - ein Ergebnis, das die derzeit wieder laufende Werbung für mehr Lehrstellen eindrucksvoll unterstreicht. Jugendliche, die nach der Schule keinen Start ins Berufsleben bekommen, sind offenbar besonders in Gefahr, ihren Frust in kriminelle Energie umzusetzen.

Vor 25 Jahren war jeder vierte arbeitslose Täter ein „Langzeitarbeitsloser” (ein Jahr und länger Arbeit suchend), heute ist es bereits jeder zweite. Dagegen ist die Zahl der Täter, die bis zu einem Jahr arbeitslos waren, deutlich gefallen.

Mit der Dauer der Arbeitslosigkeit scheint also auch die kriminelle Gefährdung zu wachsen. Bei Mord und Totschlag ist heute wie vor 25 Jahren jeder fünfte ermittelte Täter arbeitslos. Einen besonders hohen Anteil arbeitsloser Täter gibt es außerdem bei Raub (17,6 Prozent) und Drogendelikten (12,5 Prozent). Dagegen ist nur jeder zwölfte Dieb ein Arbeitsloser.

Die Zahl arbeitsloser Täter ging 23 Jahre lang kontinuierlich zurück und erreichte im Jahr 2000 mit 25 077 den Tiefpunkt. Seither steigen die NRW-Zahlen wieder an - um 15 Prozent auf 28 935 im vorigen Jahr. Die Experten fragen sich bereits, ob da eine negative Trendwende sichtbar wird.

„Arbeitslosigkeit und Armut machen nicht zwangsläufig kriminell”, sagt der Münsteraner Kriminologe Professor Hans Joachim Schneider. „Wer einen solchen Zusammenhang behauptet, diffamiert die ganz überwiegende Mehrheit der Arbeitslosen und Armen, die sich gesetzestreu verhalten.” Für Schneider ist klar: „Arbeitslosigkeit hat mitunter Kriminalität zur Folge. Aber vielfach ist es auch umgekehrt: Kriminalität hat oft Arbeitslosigkeit zur Folge.”

Die Frage nach Ursache und Wirkung kann unterdessen auch die LKA-Erhebung nicht beantworten. Ebenso bleibt die Erhebung die Antwort auf die jetzt zunehmend gestellte Frage schuldig, welche Auswirkungen auf die „Arbeitslosen-Kriminalität” sich aus der geplanten Absenkung von Arbeitslosenhilfen ergeben könnten.

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