Stolberger Unternehmer Michael Wirtz wird 80

Er prägte Grünenthal : Stolberger Unternehmer Michael Wirtz wird 80

Der 80. Geburtstag am Donnerstag ist für den Stolberger Unternehmer Michael Wirtz ein Anlass zum Rückblick – auf erfolgreiche Jahre mit dem Ausbau des Firmenimperiums, aber auch mit tiefen Einschnitten wie dem Contergan-Skandal. Als Präsident der IHK Aachen konnte er eine Menge bewegen, unter anderem die Festigung der Zusammenarbeit von RWTH und Industrie. Bis heute ist er zusammen mit Ehefrau Michaela einer der wichtigsten Förderer, wenn es um die Rettung des 1200-jährigen Doms geht.

Im Harz feiert Michael Wirtz am Donnerstag seinen 80. Geburtstag, gemeinsam mit Menschen, die ihm am Herzen liegen, unter ihnen die 17-jährige Enkelin Helena. „Mein einziger Geburtstagswunsch ist eine Spenderniere für sie“, sagt er. Für den bis 2004 geschäftsführenden Gesellschafter der Grünenthal GmbH war es nie leicht, die Sehnsucht nach Familienleben mit unternehmerischen Pflichten in Einklang zu bringen. Ein wechselvolles aufreibendes Leben, das es auszuhalten galt.

Der Zweite Weltkrieg brachte die erste Zäsur. „Ich hatte eine behütete Kindheit, dann hieß es, wir müssen flüchten“, erinnert Wirtz sich. „Mein Vater versuchte das Unternehmen mit der Waschmittelproduktion in Stolberg zu erhalten, wir Kinder reisten mit der Mutter nach Warnemünde. Meine Großmutter kam aus Rostock und fand es dort sicherer“, erinnert er sich. Auf abenteuerlichen Wegen gelang im Mai 1945 die Rückkehr in den Westen.

Für Michael Wirtz, der 1957 sein Abitur in München bestand, war die Wahl des Studiums keine Frage: Betriebswirtschaft. Firmenpraktika im Ausland prägten sein Bewusstsein von Internationalität. 1967 wurde er Prokurist von Grünenthal, das sich zum Pharmakonzern entwickelte, zwei Jahre später dann geschäftsführender Gesellschafter. „Das war in Ordnung. Schlimmer war für mich, dass ich in meiner Jugend so gut wie nichts von meinem Vater hatte.“

Vier Kinder mit Frau Michaela

Wirtz heiratet („Ein Highlight in meinem Leben!“), hat mit Ehefrau Michaela die vier Kinder Maximilian, Sebastian, Franziska und Christina, die früh erfahren müssen, was es bedeutet, wenn ein Unternehmen in den Grundfesten erschüttert wird. Ende der 50er Jahre hatte der Konzern das Schlafmittel Contergan entwickelt, das auch Schwangeren empfohlen wurde. Der Wirkstoff Thalidomid verursachte aber im Mutterleib bei rund 5000 Kindern allein in Deutschland schwere Fehlbildungen an den Gliedmaßen. 1970 wurde der Strafprozess eingestellt.

„Erst heute ist die Forschung so weit, dass man die Auswirkungen des Stoffes in Tests ermitteln kann“, sagt Wirtz. Ein Ergebnis der Gespräche vor der Prozesseinstellung war die Gründung der Conterganstiftung, die Betroffenen helfen sollte. Das Stiftungskapital von 200 Millionen D-Mark stammte je zur Hälfte aus Mitteln Grünenthals und der Bundesrepublik Deutschland. Es ist längst aufgebraucht. Erst 2008 gelang es Sohn Sebastian, Conterganopfer und Firmenleitung miteinander ins Gespräch zu bringen.

Wirtz denkt häufig an jene Zeit, in der die Staatsanwaltschaft ermittelte. „Als die Kinder älter wurden, kamen sie oft weinend aus der Schule, weil man sie dort beschimpfte.“ Wirtz nimmt die Verantwortung für das Geschehene an. Und er spürt die Last: „Es wuchs bei uns ein Bewusstsein von Sühne.“ Halt fand er im Kontakt mit den heimischen Geistlichen. „Es ist eine permanente Arbeit, sich seelisch einigermaßen wieder geradezubiegen“, betont er. Bis heute gehört das Ehepaar Wirtz zu den wichtigsten Aktiven, wenn es um die Rettung des Aachener Doms geht. „Der damalige Dompropst Hans Müllejans hat uns mit seiner Politik der kleinen Schritte überzeugt, er war großartig“, meint Wirtz.

Beruflich zog es Wirtz zu größeren „Formaten“. Die Position des Präsidenten der Industrie- und Handelskammer Aachen (1997-2008) hat er genossen. Kontakte wurden geknüpft – etwa zwischen RWTH und Industrie. „Es gab eine Bauchlandung“, gesteht er. „Wir wollten zwischen Aachen und Maastricht fusionieren.“ Alles platzte, als ein Staatssekretär aus dem Finanzministerium in Den Haag nach Maastricht reiste und einen bisher nicht beachteten Passus im Grundgesetz der Niederlande in Erinnerung rief, das so einen Zusammenschluss ohne Ausnahme verbietet.

Langeweile? Niemals! Die Liste seiner Ehrenämter ist lang – ob Karlsverein, Europäische Stiftung Aachener Dom oder Internationaler Karlspreis. Auslandsreisen sah er nie ausschließlich aus unternehmerischer Perspektive. Probleme lösen bei Wirtz zweierlei aus: Suche nach Ursachen und Hilfestellungen. Als Honorarkonsul von Ecuador setzt er sich für Hilfsprojekte ein, blickt dabei zudem nach Peru, Kolumbien und Mexiko.

 „Wenn mich etwas sprachlos macht, muss ich reagieren“, sagt er schlicht. Nach Uganda und Ruanda konnte er Vertreter des Malteserordens begleiten, der dort humanitäre Hilfe leistet. „Das Elend der Menschen war durch den Bürgerkrieg extrem“, erzählt Wirtz. Abends in internationaler Runde fragte ihn ein Gesprächspartner aus England: „Was macht ihr Deutschen eigentlich in der Palliativ-Hilfe?“ Die Ahnungslosigkeit von damals beschämt Wirtz noch heute. „Ich kannte den Begriff gar nicht!“ Die Folge: Intensive Aufarbeitung des Themas, schließlich 1983 Gründung der Grünenthal-Stiftung für Palliativmedizin, der die Einrichtung eines Lehrstuhls an der RWTH Aachen folgte.

Am Jahresende 2018 hat ihm NRW-Ministerpräsident Armin Laschet den Verdienstorden des Landes überreicht – für Michael Wirtz zum 80. Geburtstag ein Zeichen dafür, dass sein Einsatz Früchte trägt.

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