Stolberg: Stolberger Autor Dietmar Sous über Musik, Frauen und die 70er

Stolberg: Stolberger Autor Dietmar Sous über Musik, Frauen und die 70er

Literaturkritiker Denis Scheck nennt ihn einen der eigenwilligsten Autoren, der Rolling Stone schreibt „Sous ist großartig“, und der Stern spricht von einer literarischen Entdeckung: Entdeckt ist der bekennende Alemannia-Fan vom Breinigerberg in Stolberg längst.

Schon Dietmar Sous’ erster Roman „Glasdreck“ (erschienen 1981 im Rotbuch Verlag ) war ein gelungener Auftakt seiner Schriftsteller-Karriere. Danach erschienen unter anderem „Abschied vom Mittelstürmer“ (1997), „Weekend“ (2008) und „Sweet about me“ (2012). Protagonisten seiner Bücher sind meist schräge Vögel aus Arbeiterfamilien, die wenig zielgerichtet, aber mit klopfenden Herzen durchs Leben schlittern.

Auch in Sous’ jüngstem Buch „Roxy“ (2015) geht es um einen Loser im Liebestaumel. Paul ist 18 Jahre alt, wohnt in einer Kleinstadt bei Aachen, ist klug genug, um seinen Analphabetismus zu verbergen, und entbrennt in Liebe zu einem Töchterchen aus gutem Haus. Das Ganze spielt in den 70er Jahren, in einem Ambiente aus Zigarettenqualm, der Band Roxy Music, Schlaghosen, Willy Brandt und dem Kalten Krieg. Im A-Z befasst sich Sous mit Stichworten rund um „Roxy“ und die 70er. Eine Kostprobe des Sounds seiner Bücher und den Witz seiner Schreibe.

Arbeit

„Irgendwie anstrengend.“ (Roxy, Seite 64)

Bowie, David

Lieblingssongs: 1. Memory Of A Free Festival, 2. Aladdin Sane, 3. Sound & Vision

Cervantes

Der mit Don Quijote und den Windmühlen. Nie gelesen. Bildungslücke.

DDR-Spion

Ich? Erinnerungslücke.

Ehe

Paul Newman und Joanne Woodward, zum Beispiel, waren fünfzig Jahre lang, bis zu Newmans Tod, verheiratet. Die beiden werden sich wohl was dabei gedacht haben.

Frauen

Spielen in Roxys Welt die Hauptrolle, besonders eine Frau, Sonja. Für sie würde er alles tun. Und das tut er dann auch.

Güldenring

Meine rothaarige Tante Grete („et fussisch Jretche“) rauchte, nein: qualmte. Ein in den frühen 1960ern durchaus emanzipatorischer Akt in Breinigerberg. Grete tanzte bei Familienfesten zu vorgerückter Stunde auch schon mal auf dem Tisch. Sonst bewegte sie sich wenig. Ich kriegte zehn Pfennig Trinkgeld, wenn ich ihr eine Packung Güldenring aus dem nahen Emma-Laden holte, mitunter dreimal am Tag. Das Geld legte ich zinsgünstig an. Heute besitze ich (Nichtraucher) ein Haus mit zehn Schlaf- und sechs Badezimmern. Am See.

HNO

Das Schluss-Drittel des Romans spielt überwiegend auf der Hals-Nasen-Ohren-Station des Alten Aachener Klinikums.

Ich bin verliebt

...in die Liebe. Ein Hit aus den Siebzigern von Peter Orloff. Nein, Chris Roberts. Deutsche Schlager tun mir nicht gut (plötzlicher Stimmungsabfall und so weiter). Ausnahmen: „Er ist wieder da“ von Marion Maerz und „Siebenmeilenstiefel“ von Graham Bonney!

Junge

Heißt so nicht das Lied von den Ärzten, das neulich von einer schwarzbraunen, chronisch blonden Haselnuss mit rollendem R nachgesungen wurde?

Kaserne

Roxy ist eigentlich kerngesund. Nur seine Kasernenallergie macht ihm schwer zu schaffen.

Lautsprecherdurchsagen

Gab es während meiner Schulzeit nicht. Wenn der Direktor was zu melden hatte, musste Hausmeister Willi Latz (Name nicht erfunden) von Klasse zu Klasse rennen und beispielsweise „Hitzefrei!“ oder „Mal wieder alle Klos verstopft, wer war das?“ rufen. Ein wahrer Held der Arbeiterklasse.

Marokko

Die Musiker von Joujouka, präsentiert von Brian Jones.

Neunzehn-

hundertdreiundsiebzig

Roxy verliebt sich Ende Mai unsterblich in Sonja. Und ich muss leider sagen: meine Schuld.

Ölkrise

Autofreie Sonntage im Spätherbst 1973. Nur Busse, Taxis und Hilfsdienste durften auf die Piste. Spaziergänger und Radfahrer auf der Autobahn. Ganz großes Kino.Doch das Unhappy End kam schnell: immer mehr Ausnahmegenehmigungen, und Mitte Dezember war es vorbei mit dem Entzug von dicker Luft, Lärm und Verkehrstoten.

Porsche

Spielt eine wichtige Rolle im Roman. Ich persönlich interessiere mich nicht für Autos. Seit der (bestandenen) Fahrprüfung im Mai 1972 habe ich nie mehr hinter dem Steuer gesessen.

Qualmen

siehe „Güldenring“ !!!!!

Roxy

Paul Weber, Ich-Erzähler des Romans (eher ein Romänchen von gut 140 Seiten), wird Roxy genannt, weil er die Band Roxy Music gut findet. Ich habe Roxys turbulentes Leben zwischen Mai 1973 und Januar 1975 aufgeschrieben. Die Liebe zum Radio und vor allem zu der anscheinend unerreichbaren Sonja („Sie brachte mein Herz zum Tanzen, so sehr, dass es mir fast die Rippen brach.“) treibt die Geschichte an. Siehe auch „Neunzehnhundertdreiundsiebzig“!

Schulmädchenreport

Der 1. Teil eine Riesenenttäuschung, ab dem 2. geht’s aufwärts. Störend allerdings der heutzutage beliebte Schauspielerdarsteller Friedrich von Thun, der als Reporter verkleidet durch Fußgängerzonen streicht und Passanten mit Fragen zu Frühreife, Impotenz und Fremdgehen drangsaliert.

Tante Rita

Ihr Geschenk zu seinem 16. Geburtstag wird Roxy nie vergessen.

Unfug

Hauptbeschäftigung der Splitterparteien CSU und FDP. Dafür belohnt ein Aachener Karnevalsverein ihre Anführer gern mit einem Orden und einer Reklamesendung im Ersten.

Verweigerer

Keine zehn Pferde kriegen mich zum Aachener Reitturnier.

Willy Brandt

Widerstandskämpfer gegen die Faschisten. Der Lohn: wenig Respekt, viel Feindschaft. Brandt rauchte nach den mir vorliegenden Informationen aber nicht Güldenring. Friedenskanzler mit einigen innenpolitischen Schwächen („Radikalenerlass“). Popstar. Eigentlich zu sensibel für das Geschäft. Er hatte das, was in der aktuellen deutschen Politik außer Gregor Gysi niemand hat: Charme und Charisma.

x-ter Roman

Hab nicht nachgezählt. Stattdessen nutze ich den heiklen Buchstaben, um für eine tolle englische Band zu werben: XTC. Die Beatles der 1980er Jahre!

Yoko Ono

Begnadete Nervensäge. Anstrengender als Laubsauger, Zahnarztbohrer und Friedrich von Thun zusammen.

Ziel

Noch einmal mit meinen Freunden die Alemannia im Pokalendspiel in Berlin sehen.

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