Aachen: Stiftung Aachener Dom: Annette Schavan neue Kuratoriums-Vorsitzende

Aachen : Stiftung Aachener Dom: Annette Schavan neue Kuratoriums-Vorsitzende

Sie sei bis heute bewegt von der Aufbruchstimmung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962—1965). „Wie damals braucht die Kirche heute neue Leidenschaft“, sagt Annette Schavan. Sie fühlt sich stark geprägt vom Glaubensverständnis und der spirituellen Ausstrahlung des früheren Aachener Bischofs Klaus Hemmerle.

Die deutsche Botschafterin beim Vatikan ist eine glückliche und glaubensstarke Christin und Dienstag vom Domkapitel für vier Jahre zur Vorsitzenden des Kuratoriums der Stiftung Aachener Dom berufen worden.

„Bischof Hemmerle und Aachen haben mir am Anfang meines Berufslebens viel gegeben“, sagt Schavan im Gespräch mit unserer Zeitung; in den 80er Jahren arbeitete sie im Generalvikariat gegenüber dem Dom. Auch das sei ein Grund, sich für die Marienkirche zu engagieren. Ihr Leitspruch dabei laute „Erneuerung durch Erinnerung“; darin sieht sie auch das richtige Motto für das vereinte Europa. „Europa hadert mit sich selbst. Da muss man wieder an die Orte gehen, die von Europa sprechen und ahnen lassen, in welcher Geschichte wir stehen.“ Europa sei der Kontinent der Toleranz, der Wissenschaft und eines guten Menschenverständnisses. „In dieser Geschichte spielt das Christentum eine große Rolle.“

Annette Schavan hat als äußerst selbstbewusste Katholikin feste Überzeugungen: „In keiner Kultur wird der Mensch so aufmerksam wahrgenommen und in seiner Würde geachtet wie in der vom Christentum geprägten Kultur. Das wird aber nicht automatisch akzeptiert. Dafür muss man auch was tun.“ Der christliche Glaube zeichne sich aus durch Weite und den Willen, Kultur zu prägen. Schavan gilt als Reformkatholikin; sie fühlt sich Papst Franziskus eng verbunden und steht für ein Christentum, „das sich nicht verkriecht und nicht bombastisch sein will“. Sie ist sogar so zuversichtlich, junge Menschen für den Dom und die Idee, die er symbolisiert, ansprechen zu können. „Junge Menschen suchen nach spirituellen Impulsen. Es kommt darauf an, ihnen Europa schmackhaft zu machen.“

„Erneuerung durch Erinnerung“ — damit sieht sich Schavan nahe bei Franziskus. „Er erinnert immer wieder an die Ursprünge des Christentums und an das Zweite Vatikanische Konzil. Er sagt, das Konzil sei noch lange nicht verwirklicht. Was ich in Rom erlebe, sind Impulse für die Erneuerung von Kirche und Welt.“ Den Reformkurs des Papstes findet sie „gar nicht revolutionär“. Franziskus nehme die Tradition und die Öffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils ernst.

Schavan geht davon aus, dass der franziskanische Reformkurs Erfolg haben wird. „Schon jetzt ist eine andere Mentalität da. Was er bislang erreicht hat, kann niemand mehr rückgängig machen. Davon bin ich überzeugt.“ Widerstände hält sie für überbewertet. „Darüber wird mehr und lauter geredet als über Zustimmung. Die Einwände sind nicht größer als bei anderen Päpsten; sie kommen nur von anderen Seiten. Jeder Papst ist kritisiert worden. Die ihn kritisieren, sind die Kritiker des Konzils.“

Rom ist für sie das „spirituelle Zentrum Europas“. Sie liebt diese Stadt; das merkt man ihr an. „Hier spürt man Weltkirche in all ihren verschiedenen Facetten. Nirgendwo sonst erlebt man die katholische Kirche in ihrer ganzen Vielfalt so stark.“ Dass die Begegnung unterschiedlicher Kulturen und Religionen keine Gefahr ist, sondern bereichert, sei in Rom spürbar. „Als ältester Global Player weiß die katholische Kirche um die Chance der Vielfalt.“

Der Abschied von Rom wird ihr schwerfallen. Bis zum Sommer wird sie noch als Botschafterin dort sein. Danach will sie vor allem „das tun, was mir Spaß macht“. Sie wird wieder in Ulm leben, wo ihr Wahlkreis war. Sie war zehn Jahre Landesministerin in Baden-Württemberg und anschließend acht Jahre Bundesministerin. Parteipolitisch will sie nicht mehr aktiv werden. Das bedeutet dann auch mehr Zeit für den Dom in Aachen.