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Aachen: Stefanies Mörder will die gemeinsamen Kinder

Aachen : Stefanies Mörder will die gemeinsamen Kinder

Unter der dunkelroten Blutkruste lachen Kinder. Die Schwestern suhlen im warmen Sand, strahlen ihre Mutter an. Sonne, Strand und Meer - Familienidylle?

Drei Jahre ist das her. Das Blut auf dem Foto ist 13 Monate alt. Es stammt von der jungen Frau, die damals so unbeschwert in die Kameralinse lächelte.

Stefanie B. wurde am ersten Weihnachtstag 2002 gegen 22.30 Uhr von ihrem Ehemann Heinz-Erich zu Tode gequält. In einem schmucken Einfamilienhaus in Lennep bei Remscheid lagen die Fotografien damals im Wohnzimmer, als der 51-Jährige ausrastete. Er würgte seine Frau, zertrümmerte einen Stuhl auf ihrem Körper und metzelte sie mit 21 Messerstichen nieder.

Enkel im Kinderheim

Die besudelten Fotos hüten Stefanies Eltern, Ellen (65) und Franz B. (71), in einer kleinen bunten Schachtel - fröhliche Motive als entsetzliche Dokumente des Todeskampfes der eigenen Tochter.

Heute, im Januar 2004, breitet Ellen B. die Bilder vorsichtig auf dem Kaffeetisch im Aachener Süden aus. Das Blut ist getrocknet, die Tränen nicht. Stefanies Vater weint leise in sich hinein, minutenlang. Denn abgesehen von der maßlosen Trauer über den brutalen Tod der Tochter, gilt die Sorge den Enkelkindern: Iris (5) und Gloria (8).

Seit mehr als einem Jahr besitzen die Geschwister - die mitanhörten, wie ihr Vater ihre Mutter umbrachte - keine Eltern und kein Zuhause mehr. Am 14. Oktober vergangenen Jahres schickte das Wuppertaler Landgericht den Mann wegen verminderter Schuldfähigkeit nur für achteinhalb Jahre hinter Gitter und entzog das Sorgerecht.

An den vier Verhandlungstagen sei einiges schiefgelaufen, berichten Beobachter. Der geständige Totschläger, in dessen Computer die Polizei zudem kinderpornografisches Material fand, legte Revision ein.

Indes steckte das Remscheider Jugendamt die Kleinen in ein Aachener Kinderheim, nur wenige hundert Meter vom Haus der Großeltern entfernt. „Wir würden Iris und Gloria so gerne bei uns aufnehmen. Mein Sohn und seine Frau haben längst einen Antrag auf Adoption gestellt”, erzählt Ellen B.

Aber die Behörden spielen nicht mit. Die Rechtslage ist komplex, die Sachlage verfahren, das Thema sensibel. Nur einen Tag pro Monat dürfen die Kleinen trotz der räumlichen Nähe zu Oma und Opa - „dabei haben sogar Gutachter festgestellt, dass die beiden zu uns wollen”, verzweifelt die Großmutter.

Doch die Geschwister des Täters erheben ebenfalls Ansprüche auf Vormundschaft und Sorgerecht. Ein Ende der juristischen Auseinandersetzung ist nicht abzusehen. „Und mit jedem Tag werden uns die Kinder systematisch entfremdet”, empört sich die 65-Jährige. „So sehr sich die Menschen in dem Kinderheim bemühen: Meine Enkelinnen brauchen uns als ihre Familie, das kann man nicht so einfach ersetzenersetzen.”

Das Familiengericht in Remscheid entscheidet, bei wem die Kinder aufwachsen: bei den Geschwistern des Täters, bei den Großeltern oder etwa bei einer „Profi-Familie” mit pädagogischer und psychologischer Fachbetreuung.

Man wartet auf ein neues Gutachten. Ralf Stallbaum, gerichtlich bestellter Verfahrenspfleger, und Ralf Krüger aus der Abteilung Soziale Dienste der Stadt Remscheid bemühen sich seit mehr als einem Jahr um eine Lösung. „Für Kinder ist ein solcher Schwebezustand natürlich absolut katastrophal”, gibt Stallbaum zu.

Es gilt eine simple Regel: Je mehr Parteien in einem Verfahren eine Rolle spielen, desto schwieriger und langwieriger ist der Entscheidungsprozess. „In einigen Fällen dauert das mehrere Jahre.”

Dass Iris und Gloria in den Familienkreis um den Muttermörder kommen, ist die Horror-Vision für Ellen B. „Mein Schwiegersohn hat achteinhalb Jahre gekriegt - da kann man sich leicht ausrechnen, wann er wieder draußen ist und die Kinder trifft.” Die Staatsanwaltschaft Wuppertal bestätigt: Nach zwei Dritteln der Gefängnisstrafe folgt im Durchschnitt die Aussetzung zur Bewährung.

Krüger vom Remscheider Jugendamt weiß um die Gefährlichkeit des Täters. Die Kinder seien „nur Objekt der krankhaften Bemühungen des Kindesvaters, seine schizoaffektive und egozentrische Persönlichkeit auszuleben”, heißt es in einem Gutachten.

Trotz dieser Einschätzung, trotz der bestialischen Tötung der Mutter, trotz der pädophilen Neigungen des Täters befürworten Psychologen einen späteren Kontakt zwischen dem Vater Heinz-Erich und seinen minderjährigen Töchtern. Sonst drohe eine „Verherrlichung des Vaters” und eine „Persönlichkeitsstörung der Kinder”.

Natürlich muss das Gericht dem nicht folgen. Die Frage steht im Raum: Wie soll man Ellen und Franz B., den Eltern von Stefanie, eines Tages zumuten, Iris und Gloria auch nur für Stunden der Obhut des Mörders ihrer Tochter zu überlassen?

Hohe Summen gezahlt

Die Großeltern sind gut situiert. Erkleckliche Summen haben sie über Jahre für das luxuriöse Leben des Schwiegersohns bezahlt. „Wir wollten doch, dass es unserer Tochter und den Kindern gut geht.”

Jetzt konzentrieren sie sich ganz auf die Fünf- und die Achtjährige. Im Garten ihres Aachener Grundstücks ließen sie einen farbenfrohen Spiel-Pavillon bauen. Ein Kinderzimmer wurde im Haus eingerichtet, eigene Anwälte sind mit der Wahrnehmung ihrer Interessen beauftragt.

Überall im Wohnzimmer hängen gerahmte Fotografien von Iris, Gloria und Stefanie. „Zu wissen, dass die Kinder nur wenige hundert Meter von hier im Heim leiden, dass kein Ende abzusehen ist - das ist für uns unerträglich”, klagt Ellen B.

Krüger verspricht aufrichtig eine „schnellstmögliche Lösung”. Doch das Tempo des Gerichts kann er kaum beeinflussen. Der Vater bombardiert die Verfahrensbeteiligten aus dem Gefängnis mit Anträgen. Er hat Zeit, seine Töchter nicht. Und die Großeltern wollen sich nicht länger mit Fotos lächelnder Enkelinnen trösten, sie wollen ihr Lachen wieder hören - bald. „Sonst verstummt es.”

Die Namen der Großeltern und der Enkelkinder wurden zum Schutz der Betroffenen geändert.