Gastbeitrag zu Promotionen an der Fachhochschule: Stärkung des Innovationssystems

Gastbeitrag zu Promotionen an der Fachhochschule : Stärkung des Innovationssystems

Eins vorneweg: Niemand will etwas aufgeben, das erfolgreich läuft. Diese Sorge kann den Universitätsvertreter/innen genommen werden. Das Instrument der kooperativen Promotion, bei dem Promovierende von einem Duo aus Universitätsprofessor/in und Fachhochschulprofessor/in betreut werden, will niemand streichen.

Jedenfalls niemand von denen, für die ich hier sprechen kann, nämlich den Rektor/innen und Präsident/innen der 21 staatlichen und staatlich refinanzierten Fachhochschulen in NRW.

Wo es attraktive Kooperationen zwischen Universitäten und Fachhochschulen gibt, soll dieser Weg der Promotion auch künftig beschritten werden – auch dann, wenn das heutige Graduierteninstitut für angewandte Forschung der Fachhochschulen in ein Promotionskolleg überführt und diesem oder einzelnen seiner Fachbereiche nach entsprechend positiver Begutachtung durch den Wissenschaftsrat das Promotionsrecht verliehen wird.

Doch will ich noch viel grundsätzlicher auf die aktuelle Debatte reagieren, die ein entsprechender Antrag von CDU und FDP im Landtag ausgelöst hat, der das Promotionsgeschehen in NRW mit dem anvisierten Promotionskolleg verändern will. Die Aufgeregtheiten in der Debatte sind groß. Hier wird um althergebrachte Privilegien gebangt, dort vor allem aus einer Perspektive des Neids argumentiert.

Doch übersieht eine solche Debatten-Anordnung völlig, worum es in der Diskussion um das Promotionsrecht und die Ausweitung von Promotionsmöglichkeiten für Fachhochschulen im Kern geht. Ausgangspunkt und Kern der Debatte sind die Differenzierung unseres bewährten Hochschul- und Wissenschaftssystem auf der einen Seite und die Erfordernisse eines sich wandelnden und im internationalen Wettbewerb um die schlauesten Köpfe und besten Ideen stehenden Innovationssystems hierzulande auf der anderen Seite.

Was heißt das konkret? Und was hat das mit dem Promotionsrecht zu tun? Der Weg zu einem innovativen Produkt, einer innovativen Dienstleistung führt von der Idee und Erkenntnis, über die Anwendung hin zur eigentlichen Innovation. Oft steht am Anfang dieses Prozesses ein spezifisches Problem, eine spezielle Fragestellung. Oft geben neue Erkenntnisse aber auch den Anlass für neuartige Anwendungsideen und legen so den Grundstein für die Innovation. Fokussiert sich das Forschungsgeschehen an Universitäten in erster Linie auf die ersten Schritte dieses Innovationsprozesses, liegt die Stärke von Forschung an Fachhochschulen im hinteren Teil der Innovationskette. Kurz gesagt: Stärke und Auftrag der Universitäten ist die Grundlagenforschung, Stärke und Auftrag der Fachhochschulen die anwendungsorientierte Forschung.

Das Innovationssystem braucht am Anfang und am Ende der Innovationskette leistungsfähige Akteur/innen, wenn es dauerhaft konkurrenzfähig bleiben will. Die differenzierte Hochschullandschaft mit den verschiedenen Schwerpunkten der Forschung ist die Antwort auf die verschiedenen Anforderungen des Innovationsprozesses. Sie ist daher bewährt und erfreut sich wegen ihrer Leistungsfähigkeit im Übrigen eines regen internationalen Interesses und stetig wachsender Nachahmungen. Hohen wissenschaftlichen Qualitätsansprüchen müssen sich grundlagen- wie anwendungsorientierte Forschung gleichermaßen stellen, ist Wissenschaft doch der Prozess intersubjektiv nachvollziehbaren Forschens, also eine bestimmte regelgeleitete Vorgehensweise und somit nicht allein auf die Erforschung von Grundlagen beschränkt.

Kein Ruhigstellen

Bezogen auf das Promotionsgeschehen muss jedoch festgestellt werden, dass dieses im Rahmen seiner bestehenden Möglichkeiten keineswegs den gesamten Innovations- und Forschungsprozess abdeckt. Ursächlich hierfür ist gerade das Promotionsprivileg der Universitäten, das anwendungsorientierte Forschung an Fachhochschulen weitgehend ausklammert. Hierin wird deutlich: Was CDU und FDP mit ihrem Vorschlag für das Promotionskolleg in den Blick nehmen, ist nicht einfach ein Ruhigstellen vermeintlich unterprivilegierter Fachhochschulen. Nein, es ist ein Schritt zur Stärkung des Innovationssystems insgesamt. So haben wir als Fachhochschulen immer argumentiert.

Einiges andere lässt sich auf die Argumente der Universitäten entgegnen. Da wären unter anderem die fehlenden Ressourcen von FH-Professor/innen zur Betreuung von Forschungsprojekten im Zusammenhang mit Promotionen. Zwar könnten die kapazitativen, zeitlichen und personellen Unterschiede zwischen Universitäten und Fachhochschulen an dieser Stelle größer kaum sein, doch sind Fachhochschulen seit Langem darin geübt, ihren Forscher/innen trotz fehlender Grundausstattung für die Forschung notwendige Forschungsressourcen zu verschaffen. FH-Professor/innen bemühen sich erfolgreich um Drittmittel für die Forschung. In engen Grenzen gibt es Spielräume für Lehrermäßigungen für Forschung.

Die sachliche Ausstattung zum Beispiel in Laboren ist zweifelsfrei konkurrenzfähig. Kooperativ promovierende Doktorand/innen arbeiten heute schon häufig in den Laboren der beteiligten Fachhochschulen. Für die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses geht es darum, dass sie in ein wissenschaftliches Umfeld eingebettet sind, in dem ein kritischer Diskurs zu Inhalten und Methoden geführt wird, in dem sie mit verschiedenen wissenschaftlichen Denkansätzen in Berührung kommen und auch mit benachbarten Disziplinen konfrontiert werden. Genau dies leistet die Zusammenarbeit in den Forschungsgruppen der Fachhochschulen und besonders in den interdisziplinär aufgestellten Fachgruppen des heutigen Graduierteninstituts, das Nukleus des Promotionskollegs sein soll.

Vorgeschlagen wird als Alternative zum Promotionskolleg dezentrale Graduiertenkollegs von Universitäten und Fachhochschulen vor. Solche Konstrukte sind nicht grundsätzlich verkehrt. Sie füllen jedoch die bestehenden Defizite im Promotionsgeschehen nicht hinreichend aus. Sie manifestieren die Abhängigkeit eines Promotionsvorhabens von der Kooperation mit universitären Partner/innen. Denken wir an Fächer wie Soziale Arbeit, die Pflege- oder Gesundheitswissenschaften, so ist jedoch festzustellen, dass universitäre Partner oftmals fehlen, weil ein entsprechendes fachliches Angebot an den Universitäten überhaupt nicht besteht. Bleiben Promotionsvorhaben in diesen Fächern deshalb unrealisiert, bleibt Erkenntnisgewinn, Forschungsfortschritt, Innovationsentwicklung in diesen Disziplinen blockiert.

Der Landtag wird in Kürze über den Antrag von CDU und FDP entscheiden. Da diese Fraktionen die Regierungsmehrheit stellen, ist damit zu rechnen, dass das von ihnen vorgeschlagene Promotionskolleg kommt, sofern der Wissenschaftsrat hierfür nach einer wissenschafts- und qualitätsgeleiteten Begutachtung der Strukturen des bestehenden Graduierteninstituts grünes Licht gibt. Die Abgeordneten lösen mit diesem moderaten Weg ein seit Langem bestehendes grundsätzliches und drängendes Problem des Innovationssystems. Sie schlagen dabei einen wissenschafts- und innovationspolitisch zukunftsweisenden Weg ein, der über NRW hinaus Schule machen könnte. Die Beteiligung des Wissenschaftsrates gewährleistet die wissenschaftliche Qualität der künftigen Verfahren und damit auch Promotionen. Den Universitäten wird hierdurch nichts genommen. Der Wissenschafts- und Innovationsstandort NRW wird jedoch viel gewinnen.

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