Ermittlungen gegen Heilpraktiker: Staatsanwaltschaft tappt im Dunkeln

Ermittlungen gegen Heilpraktiker : Staatsanwaltschaft tappt im Dunkeln

Im Fall der drei Todesfälle von Menschen, die Ende Juli in einer alternativen Krebspraxis in Brüggen behandelt worden waren, hat sich die bislang letzte Spur der Ermittler in Luft aufgelöst. Zuletzt war die Staatsanwaltschaft Krefeld der Frage nachgegangen, ob die von dem Heilpraktiker eingesetzte Substanz 3-Bromopyruvat (3-BP) möglicherweise verunreinigt gewesen sei.

Doch die pharmakologische Untersuchung von in der Praxis sichergestellten Probenresten hätten keine Hinweise darauf ergeben, sagte Axel Stahl, Sprecher der Krefelder Staatsanwaltschaft, auf Anfrage unserer Zeitung.

Die Vermutung einer in irgendeiner Form verunglückten Therapie lag nahe, da der Heilpraktiker die experimentelle Behandlung mit 3-BP bereits seit fast zwei Jahren in Brüggen angewandt hatte. Zuvor waren aber nie Komplikationen bis hin zu Todesfällen bekannt geworden.

Ende Juli waren drei der dort gleichzeitig behandelten fünf Patienten wenige Tage später gestorben, zwei mussten in „ernstem Gesundheitszustand“ in Krankenhäusern behandelt werden. Der Zustand dieser beiden Niederländer hat sich nach Angaben Stahls inzwischen stabilisiert.

Die Ermittler stehen nun vor einem Rätsel. Denn auch nach der Obduktion der 43-jährigen Niederländerin, die am 30. Juli in Mönchengladbach gestorben war, ist noch völlig offen, was für ihren Tod ursächlich verantwortlich war. Ihr Krebs? Oder die Behandlung mit 3-BP? Ein solcher Zusammenhang mit der Behandlung muss aber bewiesen werden, um strafrechtlich gegen den Heilpraktiker vorgehen zu können.

Das Problem der Ermittler: Der Stoff wird im Körper nach Angaben Stahls schnell wieder abgebaut, ist dann also nicht mehr nachweisbar. „Es laufen aber noch Untersuchungen, ob eine Indizienkette nicht doch naturwissenschaftlich nachweisbar ist“, sagte Stahl. Da aber über den Stoff selbst und seine Wirkweise fast nichts bekannt sei, betreiben die zuständigen Experten nach Angaben Stahls deswegen gerade eine Art Grundlagenforschung. Mit schnellen Ergebnissen sei nicht zu rechnen.

Unterdessen verschärft sich die Diskussion um die Ausbildung und Zulassung von Heilpraktikern. Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann, forderte, die Ausbildung überprüfen zu lassen. Heilpraktiker benötigen hierzulande zwar eine Erlaubnis sowie eine Überprüfung, dass bei einer Ausübung der Heilkunde keine Gefahr für die Gesundheit der Patienten zu befürchten sei, erläuterte der CDU-Politiker.

„Gleichwohl sollten wir — auch angesichts des aktuellen Falles — prüfen, ob der Gesetzesrahmen noch den Anforderungen der Zeit entspricht“, sagte Laumann. Hierbei gelte der Grundsatz der Gründlichkeit vor Schnelligkeit: „Gegenseitige Schuldzuweisungen und Schnellschüsse helfen da niemandem.“

Laumann warnte aber davor, Heilpraktiker unter Generalverdacht zu stellen. „Ich höre immer wieder, dass Patienten sich bei einem Heilpraktiker gut aufgehoben fühlen, weil er sich Zeit nimmt. Vielleicht sollten Schulmediziner auch einen Blick darauf werfen.“ Ähnlich äußerte sich der Präsident der Ärztekammer Nordrhein und Aachener CDU-Bundestagsabgeordneter Rudolf Henke gegenüber unserer Zeitung.

Patienten suchten auch einen Gesprächspartner im mitmenschlichen Bereich. Den würden sie beim Heilpraktiker finden. „Wir brauchen nicht nur eine Diskussion über das Heilpraktikergesetz, wir müssen auch darüber diskutieren, wie Ärzte dieser Suche der Menschen nach Zuspruch und Gespräch besser gerecht werden können“, sagte er. Denn Defizite in diesem Bereich in der Ärzteschaft seien ein Teil des Problems. „Ärzte sollten und wollen sicher mehr zuhören. Aber dafür müssen sie auch fair vergütet werden.“

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz empfahl einen Blick auf das Vorgehen der Nachbarländer wie Österreich und die Niederlande, die laut Stiftungsvorstand Eugen Brysch einen anderen Weg gingen. Erforderlich seien eindeutige Vorgaben, was ein Heilpraktiker tun dürfe und was nicht. „Sowohl für Heilpraktiker als auch für ihre Heilmittel darf nicht länger gelten: Alles ist erlaubt, was nicht ausdrücklich verboten ist.“ Im Sinne des Patientenschutzes müsse die Regel umgekehrt werden: „Verboten ist, was nicht erlaubt ist.“

Heilpraktiker-Dachverbände sehen hingegen keinen Handlungsbedarf für Gesetzänderungen. Es sei klar geregelt, was Heilpraktiker tun dürften und was nicht, sagte der NRW-Landesvorsitzende des Fachverbandes Deutscher Heilpraktiker, Rainer Krumbiegel. Die Überprüfungen beim Gesundheitsamt seien so anspruchsvoll geworden, dass circa 60 Prozent der Teilnehmer diese nicht bestünden. Der Berufsverband Freie Heilpraktiker warnte davor, die Todesfälle in Brüggen als Vorwand für eine Beschränkung oder gar Abschaffung des Berufes zu nutzen.

Heilpraktiker bräuchten keine strengeren Gesetze für ihre Arbeit, sagte der Verbandsvorsitzende Dieter Siewertsen. Die geltenden Regeln müssten aber ausreichend angewandt werden. Er beklagte, dass die für Heilpraktiker zuständigen Gesundheitsministerien der Länder ihre Aufsichtspflicht nicht den geltenden Gesetzen entsprechend ausübten, sondern erst anlässlich eines Skandals tätig würden.