Monschau: St. Martin: Ein Lichtblick nach der Flucht

Monschau: St. Martin: Ein Lichtblick nach der Flucht

Mit großen Augen steht der fünfjährige Ali (Name geändert) im Dämmerlicht auf dem Marktplatz in Monschau und beobachtet staunend, wie ein bärtiger Mann mit einem roten Umhang auf einem großen weißen Pferd an ihm vorbeizieht.

In der Hand hält er eine selbst gebastelte Laterne. Die bunten Bänder aus Krepppapier flattern umher, als er sich aufgeregt zu seiner Mutter umdreht und schnell auf Arabisch auf sie einredet. Ali ist eins von 14 Kindern aus der Monschauer Flüchtlingsunterkunft. Der Martinsumzug durch die Altstadt dürfte eine Premiere für ihn und die anderen Familien gewesen sein.

Ali und die anderen Jungen und Mädchen, die meist aus Syrien und dem Irak kommen, wissen, warum sie mit bunten Laternen in der Hand hinter einem Mann auf einem Pferd herlaufen — Nagwan Al-Abdullah, die gut englisch spricht und selbst als Irak-Flüchtling in der Unterkunft untergebracht ist, hat die christliche Legende vom Teilen aus dem Englischen ins Arabische übersetzt und den Kindern vorgelesen. Auch die Jüngsten hätten die Botschaft der Nächstenliebe verstanden — gerade jetzt, da sie selbst so viel Hilfsbereitschaft erführen, sagt sie.

Eine Woche vor dem Umzug haben Ali und die anderen Flüchtlingskinder eifrig Kaninchendraht zu Zylindern geformt und mit roten, blauen, grünen und gelben Kreppbändern versehen. Das Material dafür kam aus einer benachbarten Grundschule, die Stöcke waren eine Spende. Wie außergewöhnlich die Bastelstunde, die die Sozialarbeiterin Sylvia Voß mit ihrem Team von Ehrenamtlern realisiert hatte, war, zeigen die bitteren Tränen einiger Kinder im Vorfeld des Martinszugs.

Die kleinen Flüchtlinge hatten ihre Laternen schon gebastelt, als sie erfuhren, dass sie in eine andere Unterkunft in Köln verlegt werden. Ein herber Schlag auch für die Ehrenamtler und ihr Engagement: „Die Kleinen hatten sich schon so darauf gefreut. Für sie war ihr erster Martinsumzug etwas ganz Besonderes“, sagt Hildegard Majewski.

Vereintes Lichtermeer

Inzwischen hat sich die Prozession mit den Fackelträgern an der Spitze in Bewegung gesetzt. Die Kleinen springen ausgelassen zwischen den Beinen der Erwachsenen umher, die sich fröhlich miteinander unterhalten. Ali hält sich an der Hand seiner Mutter fest, seine Laterne wippt im Takt seiner Schritte auf und ab. Die Krepp-Lampions der Flüchtlingskinder fügen sich nahtlos in das Lichtermeer ein. Die Gruppe aus dem Flüchtlingsheim ist sichtlich froh, eine Abwechslung von ihrem Alltag zu haben.

Eine Kapelle begleitet den Umzug auf seinem Weg zum Martinsfeuer — noch eine Premiere, denn diese Art von Musik dürfte für die Flüchtlinge ebenfalls neu sein. „Zum Glück hat sich niemand erschrocken, als es plötzlich so laut wurde“, ist Hildegard Majewski erleichtert. Ihr ist es auch zu verdanken, dass die Jüngsten aus der Erst­aufnahmeinrichtung sich über eigene Martinstüten freuen durften — gefüllt mit selbst gebackenen Plätzchen, Weckmännern und Süßigkeiten.

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