Razzien in Düren und Köln: Spuren führen ins Netzwerk des Terrors

Razzien in Düren und Köln : Spuren führen ins Netzwerk des Terrors

Wael C. wurde am Donnerstag von Spezialeinsatzkräften in einer Wohnung in Düren in Gewahrsam genommen. Das Bundeskriminalamt hat C. schon seit Jahren im Blick. Er hatte Kontakte zu führenden IS-Kämpfern.

Geboren wurde Wael C. am Heiligen Abend 1988 in Landshut. Doch Christen sind für den Mann mit deutschem und libanesischem Pass „Ungläubige“, die er im „Heiligen Krieg“ bekämpfen will. Schon vor Jahren führten seine Spuren ins Netzwerk des Terrors und bis in hohe Kreise der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS).

Jetzt sitzt Wael C. im Gewahrsam der Kölner Polizei, weil die Ermittler glauben, dass er in Kürze einen terroristischen Anschlag verüben wollte. Er wurde am Donnerstag früh von Spezialeinsatzkräften in einer kleinen Wohnung in Düren aufgestöbert, in der er erst wenige Tage zuvor mit einem 21-jährigen Dürener zusammengezogen war. Auch diesen hatte der Aachener Staatsschutz als islamistischen Gefährder auf dem Schirm. Im Zuge der Razzia, bei der Objekte in Düren und Köln durchsucht worden waren, wurden beide mit vier weiteren Verdächtigen in Gewahrsam genommen. Drei der Männer sind mittlerweise wieder auf freiem Fuß.

Suche nach Beweisen

Wael C. und sein Mitbewohner, den die Ermittler „Herr R.“ nennen, bleiben als Hauptverdächtige in Gewahrsam. Beweise für die Planung eines Anschlags haben die Ermittler nicht, diese werden fieberhaft gesucht. Wohl aber gibt es Indizien wie ein mitgehörtes Gespräch. Da bekundet Wael C., dass er bereit sei für das „höchste Paradies des Islam“. Islamwissenschaftler haben das als konkreten Hinweis auf einen Selbstmordanschlag gewertet.

Auf dem Radar der Sicherheitsbehörden ist Wael C. in den vergangenen Jahren wiederholt aufgetaucht. Allerdings zunächst eher als Randfigur in größeren Ermittlungszusammenhängen, die sich mit Führungsköpfen der Islamistenszene befassten. Setzt man in der Recherche Puzzlestücke zusammen, ergibt sich jedoch ein beunruhigendes Bild. Und man ahnt, warum die Behörden bei Wael C. große Besorgnis an den Tag legen und ihn für eine zentrale Führungsperson der Islamistenszene in Deutschland halten. Und warum man ihm als „Gefährder“ einen Terrorakt zutraut.

Dabei kannte die Polizei Wael C. zunächst als „normalen“ Kriminellen mit einer langen Liste von Taten. Darauf finden sich Delikte wie Bedrohung, Hehlerei, Körperverletzung, Diebstahl, Betrug, Raub und Drogenbesitz. Für den Staatsschutz wird er im Mai 2012 interessant. Da taucht C. bei schweren Ausschreitungen in Solingen auf, als rechte „Pro NRW“-Aktivisten von fundamentalistischen Muslimen wegen des Zeigens von Mohammed-Karikaturen angegriffen wurden. Gegen Wael C. wurde anschließend wegen besonders schwerem Landfriedensbruch ermittelt.

Codename „lacrima“

Da war C. offenbar bereits extrem radikalisiert. Die Sicherheitsbehörden schauten ihn sich nun genauer an und stellten fest: Wael C. war schon im Frühjahr 2012 mit einer Gruppe von Islamisten nach Ägypten und Libyen ausgereist, um sich dort für den Jihad terroristisch ausbilden zu lassen. Das geht aus einem Aktenvermerk des Bundeskriminalamts, verfasst im August 2015, hervor.

Dieser Vermerk ist Teil einer viel größeren BKA-Ermittlung mit dem Codenamen „lacrima“, was aus dem Lateinischen übersetzt „Träne“ heißt. Eine solche ließ sich einst Denis Mamadou Gerhard Cuspert unter ein Auge tätowieren. Bekannt geworden war dieser als Gangsta-Rapper „Deso Dogg“, wurde dann zum islamistischen Prediger und schließlich zum IS-Krieger mit Führungspositionen im Bereich der Propaganda. Ein Bild zeigt ihn mit dem abgeschlagenen Kopf eines „Feindes“.

Mit der Operation „lacrima“ wollte das BKA herausfinden, ob Cuspert in Anschlagspläne des IS verwickelt sein könnte. Jener Cuspert aus Berlin soll ebenso wie Mohamed Mahmoud aus Wien in der Gruppe von Wael C. in nordafrikanische Terrorcamps gereist sein. Mahmoud gilt ebenfalls als IS-Führungsfigur und ist auf Videos zu sehen, wie er vor laufender Kamera Männer erschießt. Cuspert wurde zwischenzeitlich mehrfach für tot erklärt, tauchte dann aber wieder auf. Nach Behördeneinschätzung starben er und Mahmoud im Jahr 2018 tatsächlich.

In Rumänien gestoppt

In dem BKA-Vermerk heißt es, zwischen Wael C. und Cuspert sowie Mahmoud sei es zu körperlichen Auseinandersetzungen gekommen, in deren Folge C. nach Deutschland zurückgekehrt sei. Weil die Behörden den Verdacht hegten, dass C. erneut zum IS nach Syrien ausreisen wollte, wurde im August 2012 ein Ausreiseverbot verhängt. Im Oktober 2014 versuchte es Wael C. mit gefälschtem rumänischen Pass trotzdem, wurde aber in Rumänien gestoppt.

2015 meldete sich C. wieder in Berlin. Im gleichen Jahr beobachtete ihn das BKA vor einer Berliner Moschee mit Sabou S., der bereits in Tunesien observiert worden war und zu dem C. Kontakt aufgenommen hatte. Sabou S. soll Reisen von Islamisten zum IS organisiert haben.

Doch nun kommt ein weiteres Puzzlestück dazu: Der Name Sabou S. taucht nicht nur bei der Operation „lacrima“ auf, sondern später auch in einem Ermittlungsverfahren mit dem Codenamen „Eisbär“ gegen Terrorverdächtige. In diesem Verfahren tauchte – ebenfalls als Nebenfigur – ein gewisser Anis Amri auf, der später den Terroranschlag am Berliner Breitscheidplatz verübte. Wael C. betätigte sich als „Vertretungs-Imam“ in einer Berliner Moschee – und zwar in jener, in der Anis Amri ein und aus ging. Alles zusammengenommen klingt das nach einem dicht gewobenen islamistischen Netzwerk. Ein Begriff, den man beim BKA aber nicht gerne hört. Das Bundeskriminalamt vetritt auch im Untersuchungsausschuss des Bundestags zum Fall Amri die Überzeugung, dass Amri ein Einzeltäter war. Und dass der Begriff Netzwerk nicht auf die Islamistenszene passe, sondern es ein Milieu wie bei Fußballfans sei mit vielen Gleichgesinnten, aber wenigen identifizierbaren Straftätern, wie es jüngst aus einer Sitzung berichtet wurde.

Wael C. predigte auch in der Moschee, in der der Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz, Anis Amri,  ein und aus ging. Foto: dpa

Polizei muss sich beeilen

Betrachtet man alle Fäden im aktuellen Fall um Wael C., könnte man zu einer anderen Meinung kommen. Und diese Fäden laufen nun in einer Wohnung an der Josef-Schlegel-Straße in Düren zusammen, wo C. jüngst zu eben jenem „Herrn R.“ zog, dem 21-jährigen deutschen Konvertiten, der dort selbst erst zwei Wochen vorher eingezogen war. R. ist nach Staatsschutzerkenntnissen in einer Dürener Moschee aktiv, unter seinem Einfluss sollen über 20 weitere Personen zum Islam konvertiert sein. Doch Beweise für einen geplanten Terroranschlag gibt es noch nicht, nur Indizien. Weswegen C. und R. lediglich zwecks „Gefahrenabwehr“ festgesetzt wurden. In solch einem Gewahrsam darf die Polizei jemanden nur 24 Stunden festhalten. Auf Antrag hat ein Dürener Amtsrichter jedoch beschlossen, dass Wael C. und R. 14 Tage festgehalten werden dürfen, ein dritter Mann (20 Jahre) zehn Tage. Diese Fristen können um 14 Tage verlängert werden.

Dann aber muss die Polizei genug für einen Haftbefehl in der Hand haben. Das wird mit Blick auf langwierige Ermittlungen in Terrorfällen ein ambitioniertes Unterfangen. Denn in der Wohnung wurden laut Polizei mehrere Terabyte – also mehrere Billionen Byte – an Daten sichergestellt, deren „kriminalpolizeiliche Sichtung eine erhebliche Ermittlungsarbeit“ bedeute. Sollte bis zum Ende der Fristen bei dieser Sichtung kein Beweis gefunden worden sein, müssten die Verdächtigen trotz des Terrorverdachts freigelassen werden. Was – nicht nur – die Sicherheitsbehörden angesichts der Erkenntnisse insbesondere über die radikalislamische Gegenwart und Vergangenheit von Wael C. beunruhigen dürfte.

Doch trotz all dieser Erkenntnisse und Zusammenhänge zu Salafismus, IS, Anis Amri, Denis Cuspert und vielem mehr gilt wie immer in Deutschland: die Unschuldsvermutung.

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