Aachen: Sportmoderatorin Thomas: „Mein Shitstorm verlief noch analog“

Aachen : Sportmoderatorin Thomas: „Mein Shitstorm verlief noch analog“

In diesem August feiert Carmen Thomas ihr 50-jähriges „Shitstorm-Jubiläum“, sagt sie augenzwinkernd. Bereits während ihres Studiums der Germanistik, Anglistik und Pädagogik an der Universität Köln arbeitete sie ab 1968 zunächst als Moderatorin und sammelte einschlägige Erfahrungen. Mit dem „aktuellen Sportstudio“ im ZDF wurde sie am 3. Februar 1973 erste Sport-Moderatorin im deutschen Fernsehen.

Es war ein Einbruch in eine Männerdomäne, entsprechend neurotisch fiel die mediale Kritik aus. Gerade wird ihre Kollegin Claudia Neumann mit kübelweise Häme überschüttet. Wer könnte also besser das Phänomen des Shitstorms beschreiben als Carmen Thomas? Unser Redakteur Christoph Pauli unterhielt sich mit der 72-Jährigen.

Frau Thomas, die Würzburger Medienpsychologin Astrid Carolus hat schon bei der letzten EM resigniert festgestellt: „Im Grunde hat sich seit Carmen Thomas nichts geändert.“ Ist das auch Ihre Wahrnehmung?

Carmen Thomas: Es hat sich einiges verändert, das Phänomen ist aber immer noch dramatisch. Es geht ums Demütigen. Frauen in solchen Positionen werden als Bedrohung empfunden. Mein Shitstorm verlief noch analog. Mir wurden körbeweise Postkarten zugeschickt und einmal ganz analog auch benutztes Klopapier. Damals waren sogar Frauenbewegungsfrauen gegen mich, weil ich mich als Frau als Feigenblatt für die Männer hergäbe. Die Solidarität ist inzwischen gewachsen, man kann das Thema ansprechen, und Frauen können sich wehren, müssen die Schmähungen nicht mehr tabuisieren.

Wieso gibt es immer noch diese Geschlechterstereotypen?

Thomas: Solche Nobodys sind neidisch, weil andere eine Aufmerksamkeit erhalten, die sie gerne selbst hätten. Sie reklamieren selbst Aufmerksamkeit. In Anlehnung an René Descartes gilt für sie nicht mehr: „Ich denke, also bin ich.“ Vielmehr: „Ich schreibe, wenn auch anonym, also bin ich.“

Wenn Claudia Neumann Tischtennis oder Volleyball kommentieren würde, wäre der digitale Hass auch so verbreitet?

Thomas: Sicher nicht. Fußball ist Kriegersatz für die Männer, da hört der Spaß auf. Frauen sind meistens unerwünscht. Wir reden über eine Welt, in der Frauen oder auch Homosexuelle immer noch nicht erwünscht sind.

Und deswegen ist ein Versprecher oder Fehler immer gleich ein Kompetenzdefizit einer Frau?

Thomas: Das Publikum erkennt nur, was es erkennen will. Eine Frauenstimme beim Sport ist immer noch exotisch. Claudia Neumann ist hochkompetent, aber darum geht es nicht. Entwicklungsprozesse laufen immer noch nach dem gleichen Schema ab. Es wird ignoriert, verlacht, dann bekämpft — bis es akzeptiert wird. Das war schon bei Kopernikus oder Galileo Galilei so.

Claudia Neumann selbst äußert sich aktuell nicht. Vor dem Turnier hat sie festgestellt, Frauen seien bei Teilen der Gesellschaft im Fußball „nur geduldet, am besten hübsch anzusehen, aber keinesfalls in der klassischen Männerrolle am Mikrofon“. Das klingt noch immer nach 1973.

Thomas: Ja, leider. Die WDR 2 Sportchefin Sabine Töpperwien berichtet von ähnlichen Erfahrungen.

ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann hat sich gegen den Hass und Sexismus mit den Worten gewehrt: „Manche drehen da im Netz völlig durch, das ist unterste Schublade.“ Was würden Sie von einem Arbeitgeber in solchen Stunden erwarten?

Thomas: Ich fände es wichtig und richtig, wenn der Arbeitgeber eine öffentliche Debatte über diese Umgangs- und Kritikkultur entfachen würde. Die permanenten Grenzüberschreitungen sind nicht länger hinnehmbar.

In den vergangenen zwei Jahren wurde der Hollywood-Produzent Harvey Weinstein gestürzt, Kevin Spacey aus einem Film getilgt, der Literaturnobelpreis erlebt einen Missbrauchs- und Korruptionsskandal, die Biografie des Filmemachers Dieter Wedel wird aufgerollt. Hatten Sie nicht die Hoffnung, dass die Debatte in die richtige Richtung läuft?

Thomas: Es gibt eine positive Entwicklung, die Dinge werden beim Namen genannt. Frauen wehren sich, aber es dauert, es geht nicht stetig voran, vielmehr nach dem Motto „zwei vor, eins zurück“.

Was nährt die Hoffnung, dass wir nicht über eine Gruppe reden, die gar nicht an Kommunikation, sondern nur an digitalem Vandalismus interessiert ist?

Thomas: Diese Menschen können wir kaum erreichen, aber eine Änderung ist immer möglich. Es gibt Menschen, die weit übers Ziel hinausschießen, aber auch Menschen, die das zulassen. Sie müssen aufstehen und sich wehren.

Sie haben vor Ihrer zweiten „Sportstudio“-Sendung die Kritik der „Bild am Sonntag“, die schon vor der Sendung geschrieben war, selbst vorgetragen. War der Umgang mit Kritik besser erträglich, weil sie nicht anonym vorgetragen war?

Thomas: Es sind unterschiedliche Phänomene. Ich wurde gehauen, aber getroffen werden sollte der damalige Sportchef Hans-Joachim Friedrich. Die Kampagne wurde aus der Redaktion heraus von einem enttäuschten Kollegen gesteuert. Der Bild-Redakteur Michael Bernhard hatte den Auftrag, mich „kaputt zu schreiben“. Die Kollegin heute wird feige von anonymen Wirrköpfen attackiert. Da ist es enorm kompliziert, sich zu wehren.

Sie haben vor 20 Jahren eine Moderationsakademie für Medien und Wirtschaft gegründet. Vermitteln Sie da Methoden, wie man schwierige Situationen meistern, eventuell sogar nutzen kann?

Thomas: Ich habe mehrere Strategien für den Umgang mit Shitstorm entwickelt. Man kann die Anfeindungen entweder ignorieren, weil man sich nicht in die Seele schießen lassen will. Man kann Opfergruppen zusammenbringen, die ihre Erfahrungen und ihre Erfolge im Kampf gegen diese Arschlöcher austauschen. Eine andere Strategie ist: Ich blockiere solche Trolle oder drohe ihnen, den Mist öffentlich zu machen, notfalls auch damit, sie zu verklagen.

Wenn wir dieses Gespräch in fünf Jahren wiederholen würden: Wäre die Bestandsaufnahme dann positiver?

Thomas: Ja, es geht nicht so weiter mit der Kannibalisierung. Wir müssen auch in Teilen der Medien damit aufhören, andere vorzuführen oder lächerlich zu machen. Auch da sind viele Grenzen gefallen. Es ist an der Zeit, die Umgangs- und Kritikkultur zu ändern. Deswegen schreibe ich gerade ein Buch über den Shit-storm mit dem Titel „Ändern geht — Verschiedenheit als Wert“. Es gab mal vor vielen Jahren eine „Hallo Ü-Wagen“-Sendung, in der gefordert wurde, dass Hundehalter entsprechende Tüten mitführen sollten. Damals haben alle gelacht, heute ist das Realität. Ändern ist möglich, auch im Internet. Wir brauchen eine Bewegung, um Hundekacke-Typen aufzuhalten, die ihren Menschen-Müll in die Gegend schleudern.

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