Missbrauchsskandal Lügde: SPD-Fraktion fordert Rücktritt von NRW-Innenminister

Missbrauchsskandal Lügde : SPD-Fraktion fordert Rücktritt von NRW-Innenminister

Der Fall des vielfachen Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde hat sich wegen Versäumnissen der Ermittler längst zu einem Polizeiskandal entwickelt. Die SPD hält den nordrhein-westfälischen Innenminister für gescheitert - und verlangt scharfe Konsequenzen.

Nach dem erneuten Fund von Datenträgern im Missbrauchsfall Lügde fordert die SPD-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag den Rücktritt von Landesinnenminister Herbert Reul (CDU). „Der Innenminister hat Aufklärung versprochen, er ist gescheitert“, sagte der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Hartmut Ganzke. Reul habe „die Lage nicht im Griff“. Er müsse jetzt Verantwortung übernehmen und zurücktreten. Reul äußerte sich am Wochenende nicht zu der Rücktrittsforderung.

Der Fund weiterer Beweismittel sei „einfach unfassbar und erschüttert die Glaubwürdigkeit des Ministers“, teilte die innenpolitische Sprecherin der Landtagsfraktion der Grünen, Verena Schäffer, mit. „Er hat die Aufklärung zu seinem Projekt gemacht - daran muss er sich messen lassen.“

Bei Abrissarbeiten am mutmaßlichen Tatort des vielfachen Kindesmissbrauchs - einem Campingplatz in Lügde im Kreis Lippe - waren am Donnerstag weitere Datenträger gefunden worden. Im doppelten, fest verbauten Holzboden des Wohnwagens des Hauptbeschuldigten hatten Arbeiter eine CD und zwei Disketten entdeckt. Das Abrissunternehmen übergab den Fund an die Polizei. Reul schloss am Freitag nicht aus, dass auch noch weitere Funde folgen könnten.

Auf dem Campingplatz soll ein 56-jähriger Dauercamper mit einem Komplizen (33) über Jahre hinweg Kinder missbraucht und dabei gefilmt haben. Die beiden Verdächtigen sowie ein 48-Jähriger aus dem niedersächsischen Stade sitzen in Untersuchungshaft.

Der Sonderermittler im Fall Lügde, Ingo Wünsch, glaubt, dass im Strafverfahren gegen die Verdächtigen genügend Beweise vorliegen - trotz der schweren Ermittlungsfehler der Polizei. „Ich bin aus kriminalfachlicher Sicht überzeugt, dass die vorliegenden Beweise erdrückend sind“, sagte Wünsch der „Neuen Westfälischen“ (Montag). Der Kriminaldirektor räumte laut der Zeitung ein, der Verbleib der bei der Polizei verschwundenen Beweismittel sei nach wie vor ungeklärt.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) verteidigte am Sonntag Reul gegen die SPD-Rücktrittsforderung. „Wir stehen hinter unserem Minister“, erklärte Landeschef Michael Mertens gegenüber „Neue Rhein/Neue Ruhr Zeitung“ (Montagsausgabe). Dass die Ermittler das Versteck nicht gefunden hatten, könne passieren: „Durchsuchungen haben ihre Grenzen.“ Der GdP-Chef warf die Frage auf, warum Polizei oder Staatsanwaltschaft den Abriss des Wohnwagens nicht unmittelbar begleitet hätten.

In dem Wohnwagen hatten die Ermittler bei wiederholten Durchsuchungen Festplatten und andere Datenträger mit rund 3,3 Millionen Bildern und fast 86 300 Videos sichergestellt. 155 CDs und DVDs waren dann aus der Obhut der Polizei verschwunden, woraufhin die Staatsanwaltschaft Detmold ein Strafverfahren gegen unbekannt einleitete.

Auch wegen weiterer Versäumnisse der Ermittler hat sich der Fall Lügde zu einem Polizeiskandal entwickelt. Zudem sollen Jugendämter frühe Hinweise auf den sexuellen Missbrauch falsch eingeschätzt haben.

(dpa)
Mehr von Aachener Zeitung