Aachen: Spannender Blick ins zweite Jahrhundert: Steine, die viel zu erzählen haben

Aachen: Spannender Blick ins zweite Jahrhundert: Steine, die viel zu erzählen haben

Ein Stein als „Dankeschön“ für Jupiter, der obersten Gottheit der Römer — aber erst, nachdem er den Staatsbeamten, der in Aachen eine anspruchsvolle Aufgabe erfüllen musste, wirklich unterstützt hatte. Das verrät die Inschrift eines Benefiziarierweihesteins aus Herzogenrather Sandstein, entdeckt in vier Meter Tiefe bei Kanalbauarbeiten in der Nähe der Körbergasse.

Es ist der aktuellste Fund der Stadtarchäologie in Aachen, die damit ein neues Kapitel zur Frühgeschichte aufschlagen kann, denn besagte Staatsbeamte wurden nicht an unbedeutenden Orten des Reiches stationiert. Im Rahmen der Tagung „10 Jahre neue Stadtarchäologie Aachen“ gibt es am 12. und 13. Mai die Möglichkeit einer Gesamtschau. Welche Rätsel der Geschichte konnten die Archäologen lösen? Wo wurde das Geschichtsbild korrigiert und erweitert?

archaeologie Hof

Der Inschriftenstein eines Benefiziariers (von lateinisch „beneficium“: Vorteil, Wohltat), eines hochgestellten römischen Soldaten in Aachen, ist nicht nur ein sensationeller Fund für den Stadtarchäologen Andreas Schaub (52). Der Stein ist ein Zeichen für die Bedeutung von Aquisgranum, wie das Aachen der Römerzeit hieß.

Sanierungsarbeiten an Altkanälen zwischen Dom und Büchel, die zum Teil noch aus der Zeit um 1890 stammen, haben dazu geführt, dass man im Untergrund greifbare Spuren entdeckte. Rund 200 Tunnel-Meter bieten den Archäologen Einblick ins Aachen der Römer. Die Objekte beweisen: Die Stadt war nicht nur Heilbad für Legionäre, sie war ein „urbanes Mittelzentrum“, wie Schaub es umschreibt.

„Man kann von Thermen auf 11 000 Quadratmetern ausgehen, nimmt man das heutige Burtscheid dazu, sind es sogar 13 000 Quadratmeter”, betont der Stadtarchäologe. „Heute würde man von einem Spaßbad als Hauptarbeitgeber dieser Stadt sprechen, das auch von internationalen Gästen besucht wurde. Es gab eine Menge Personal, Herbergen, Wirtshäuser und viele Händler.“

Der Kaiser persönlich

Fundorte im Bereich Büchel/Hof/Körbergasse/Dom sind offensichtlich kein Zufall. „Eine prominente Lage. Hier sind Thermen nachgewiesen, am Hof gab es offensichtlich ein Forum“, erzählt Schaub. Erste steinerne Dokumente waren Weiheinschriften — etwa für die prominenten Götter Isis und Kybele.

Mit dem Trajan-Stein (98—102 nach Christus), 2014 gefunden und 2016 von Schaub und seinem Team entschlüsselt, wurde klar, dass der römische Kaiser höchstpersönlich als Bauherr benannt werden wollte — keine Selbstverständlichkeit. Reste von marmornen Hausmauern und Fußböden zeigen, in diesem Teil der Stadt wurde mit großer Pracht für die High Society der Römerzeit gebaut.

Was war da los in den Jahren 142—151 nach Christus, aus denen der jetzt aufgefundene Benefizienarierstein stammt? „Der damalige Statthalter Julius Severus, der in Köln residierte, ist erwähnt, deshalb kann man die Zeit bestimmen“, erklärt Schaub. Und was hatte der „beneficiarius consularis“ für Aufgaben? Bereits aus dem Jahr 1896 weiß man von ersten Funden dieser Art an der Ecke Körber-gasse/Büchel.

„Ein Zeitungsartikel von 1897 berichtet von einem Weihestein, der sogar zeichnerisch dargestellt ist. Man hat dem aber nicht so große Bedeutung gegeben“, erzählt Schaub. Der Stein ist verschollen. Von einer „Station“, einer durch den Statthalter eingerichteten „Landesbehörde“, zu der ein Weihebezirk gehörte, war damals noch nicht die Rede.

Heute weiß man, dass diese kaiserlichen Bediensteten mit besonderen Befugnissen bei ihrer Ankunft ein Gelübde ablegten: Falls ihre Zeit auf diesem Posten gut ablaufen sollte, würden sie einen Weihestein für die Götter errichten. Das „Formular“ der Inschrift belegt das: „votum solvit libens merito“ („Das Gelübde wurde freudig nach Gebühr eingelöst“) — so steht es auf dem Stein.

Benefiziare hielten sich sechs Monate bis maximal vier Jahre in einer Station auf und wurden gut bezahlt, vermutlich, um ihre Unabhängigkeit zu erhalten, Korruption zu vermeiden. Sie waren Kommunikationshelfer des Statthalters, Ansprechpartner in wirtschaftlichen und religiösen Dingen, zuständig für die innere Sicherheit. Sie leisteten Amtshilfe bei rechtlichen Konflikten.

Sie durften sogar Bürger für kleinere Vergehen bestrafen. „Früher dachte man, Benefiziarier wären Straßen- oder Grenzpolizisten“, sagt Schaub. „Aber das ist nicht nachvollziehbar, hier in Aachen gab es weder Schlagbaum noch Zollgrenze, dafür wichtige Besucher.“

Um die Mitte des zweiten Jahrhunderts entwickelte sich bei diesen Beamten die Sitte, einen etwa 60 Zentimeter hohen Stein mit Inschrift zu stiften. „Der jeweilige Benefiziar sah den Stein nur einmal, denn nach der Weihezeremonie reiste er ja schon ab“, weiß der Archäologe. Der Nachfolge-Beamte in Haus und Amt handelte wie sein Vorgänger. So entwickelten sich Steinreihen, die im Hinterhof des Wohn- und Amtsgebäudes angelegt waren.

Am Aachener Fundort sprechen zahlreiche Sockel dafür, dass die für einen Weihebezirk üblichen Steinreihen existierten. Zwölf Sockel wurden nachgewiesen, es gibt Steinbrocken mit Inschriftenfragmenten und Verzierungen — einem Bäumchen etwa oder einer kleinen Figur mit Flügeln. „Die Sockelfragmente beweisen, dass genau an dieser Stelle die Station des Benefiziariers lag“, meint Schaub. Die Tatsache, dass die Inschrift des kürzlich entdeckten Weihesteins den amtierenden Statthalter Julius Severus nennt, der historisch nachweisbar ist, bedeutet für die Archäologen ein Glück: Sie können den Stein zeitlich sicher datieren.

Die Sitte der Weihebezirke kam erst in der Mitte des zweiten Jahrhunderts auf — damit handelt es sich bei dem Aachener Fund um einen der ersten Benefiziariersteine. „Ein Trendsetter!“, sagt Schaub. „Die Formulierungen waren ja ein bisschen holprig.“

Noch in der Antike fand der Weihebezirk, den im vierten Jahrhundert ein spätrömisches Gebäude überlagerte, sein Ende. Die Steine ruhten gut verborgen im Boden. Das römische Aachen ist nach Obernburg am Main und Osterburken im Odenwald erst die dritte römische Siedlung in Deutschland, in der ein Benefiziarierweihebezirk ermittelt werden konnten. Im heutigen Serbien (Sirmium) wurde ein weiterer Stein ausgegraben.

„Als Archäologe braucht man Visionen“, sagt Schaub. „Der Weihebezirk verstärkt den Gedanken, dass Aachen auch ein römisches Theater hatte. Wir haben es nur noch nicht ausgegraben.“

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