Sophia-Jacoba: Detlef Stab hält die Erinnerung an Bergbaugeschichte wach

Zeche Sophia-Jacoba : Detlef Stab hält die Erinnerung an Bergbaugeschichte wach

Detlef Stab hat 42 Jahre unter Tage gearbeitet. Als 1997 die Zeche Sophia-Jacoba geschlossen wurde, war das die härteste Zeit seines Lebens. Heute hält er die Erinnerung an die Bergbaugeschichte wach.

Es ist nämlich so, dass sich an jedem Donnerstag die ehemaligen Mitarbeiter der Zeche Sophia-Jacoba im sehr liebevoll restaurierten Maschinenraum von „Schacht 3“ treffen. Sie haben sich zu einem Förderverein zusammengeschlossen, weil sie finden, dass die Erinnerungen an die Bergbaugeschichte lebendig bleiben muss. Deswegen werkeln sie jeden Donnerstag auf dem Gelände der ehemaligen Zeche in Hückelhoven, die natürlich an der Sophiastraße liegt.

Über Tage tauchen sie in die Geschichten ab, die unter Tage spielen. Sie haben ein kleines Bergbaumuseum unter dem Förderturm aufgebaut, in Eigenregie und ohne Förderkohle das Besucherbergwerk „Barbarastollen“ hergerichtet. Und nun bieten sie Führungen an, Führungen in die Geschichte. Wenn man an einem beliebigen Donnerstag die Männer fragen würde, ob sie wieder dabei wären, wenn die Zeche noch einmal aufgemacht würde, würden sie alle sehr entschlossen zusagen.

Eingeschworener Haufen

„Ich würde diesen Beruf auch heute noch ergreifen“, sagt Detlef Stab, der den Förderverein „Schacht 3“ leitet. „Wir sind immer noch ein eingeschworener Haufen, wie das unter Kumpels so ist.“ Wenn man so will, pflegt der Verein mit seinen inzwischen 1000 Mitgliedern das Erbe des Steinkohlebergbaus. „Man muss seine Wurzeln kennen“, sagt Stab immer. „Ohne die Steinkohle und die Montanunion wäre Deutschland nicht zu so einer Industrienation geworden.“

Detlef Stab im Jahr 1991, als der damalige Aachener Bischof Klaus Hemmerle (im Anzug, links daneben Detlef Stab), den Streikenden Unterstützung versprach. Foto: archiv

Man kann die Bedeutung des Kohleabbaus auch im Kleinen sehen. Als der Dürener Bergwerks­unternehmer Friedrich Honigmann 1885 mit den Probebohrungen begann, war Hückelhoven ein kleiner Ort mit 700 Einwohnern. Die Zeche wurde ein großer Menschenmagnet. Auch Menschen ohne Schulabschluss fanden Arbeit, Schwerbehinderte kamen in der eigenen Werkstatt unter, wie selbstverständlich wurden Italiener, Spanier oder Türken angeworben. Damals.

Stab ist nun 77 Jahre alt, 42 Jahre hat der Ingenieur unter Tage gearbeitet, zuletzt als Maschinenfahrsteiger. Der inzwischen verstorbene Betriebsratsvorsitzende Franz-Josef Sonnen war das Gesicht des Protestes, als die Schließung sich abzeichnete. Stab war zehn Jahre lang bis 1998 sein Vertreter. „Es war die härteste Zeit meines Lebens“, sagt er heute.

Die zwei Freunde führten nahezu rund um die Uhr einen Kampf, den sie nicht gewinnen konnten, vor allem Wirtschaftsminister Jürgen W. Möllemann (FDP) wollte die Kohlesubventionen endlich streichen. „Wir haben zwar nicht den Kampf, aber Zeit gewonnen“, sagt Stab beim Blick in den Rückspiegel. Im November 1991 wurde das Todesurteil für Sophia-Jacoba gesprochen, aber erst am 27. März 1997 wurde die damals modernste Steinkohlenzeche Europas stillgelegt.

An diesem Tag war Detlef Stab zum letzten Mal unter Tage. Die Kumpel brachten die alte Grubenuhr mit nach oben, die 5 nach 12 anzeigte.

Detlef Stab werkelt jeden Donnerstag mit anderen ehemaligen Kumpels in „Schacht 3“. Foto: Pauli

Wütender Protest

Der letzte Förderwagen mit Kohle steht noch heute in der Halle.

Dort erinnern noch große Bilder an den wütenden Protest von Menschen, die um ihre Existenz bangten. Die Kumpel gingen auf die Straße oder übten zehn Tage am Stück unter Tage den Sitzstreik. Der damalige Aachener Bischof Klaus Hemmerle, „der uns sehr nahestand“, erlaubte es den protestierenden Arbeitern, im Dom zu übernachten. Die Mütter und Frauen der Betroffenen machten mobil. Am Ende eines Vier-Tages-Marsches in die damalige Bundeshauptstadt Bonn, war Kanzler Helmut Kohl nicht vor Ort, um 120 000 Unterschriften zum Erhalt entgegenzunehmen. Für ihn sprang Wolfgang Schäuble ein.

Die Erinnerungen von damals sind bei Detlef Stab nie verblasst. Wenn die Betriebs- und Aufsichtsräte von ihren Besprechungen zurückkamen, füllte sich die alte Waschkaue in Schacht 4, die Kumpel hingen an ihren Lippen. Sie wollten Nachrichten, gute Nachrichten. Und Sonnen und Stab waren zwangsläufig fast immer die Überbringer schlechter Nachrichten. 

Zu den besten Zeiten, die schon lange vorbei sind, waren über 5700 Kumpel und 500 Auszubildende auf Sophia-Jacoba beschäftigt, bei der Schließung „waren es noch 3842 Schicksale“, sagt Stab. Ein paar Hundert wechselten in die benachbarten Tagebaue, einige Kumpel zogen zur Ruhrkohle. In der Region gab es im Verbund mit IHK und Arbeitsamt das Programm „Schnupperphase“: Es sah vor, dass sich Unternehmen und Ex-Kumpel monatelang erst einmal kennenlernen, bevor über eine Anstellung entschieden wurde.

Als Sophia-Jacoba Sonnen und Stab vor vielen Jahren in der alten Waschkaue am Schacht 4 verabschiedete, baten die Gewerkschafter zum Abschied um Geld. Damit wurde eine hölzerne Barbara-Statue gekauft. Sonnen und Stab fanden, dass die Schutzpatronin der Bergleute zünftig begrüßt werden sollte. Die alte Bergkapelle „Sophia-Jacoba“ war 1997 am Ende der Zechenzeit auseinandergebrochen, weil die Musiker ihre beruflichen Pläne ändern mussten.

Stab überzeugte schließlich den ehemaligen stellvertretenden Dirigenten Rolf Decker, Männer und jetzt auch Frauen gingen wieder an die Instrumente. So tritt die Bergkapelle, deren Ehrenvorsitzender Stab ist, inzwischen wieder regelmäßig im Revier auf.

Im Kampfmodus

Wenn Stab in diesen Tagen, in denen das letzte Steinkohlenbergwerk Deutschland geschlossen wird, über die Energiepolitik spricht, ist er schnell wieder im Kampfmodus. „Ich habe die Entscheidungen damals nicht verstanden, heute auch nicht“, sagt er. Eine schnelle Schließung der Braunkohlentagebaue will er nicht hinnehmen.

Er fordert Energiesicherheit, eine bessere Speicherqualität von regenerativer Energie. Stab hat ein paar Einladungen erhalten, wenn bei einigen Feiern der Steinkohle gedacht wird. Die meisten Termine ignoriert er, sagt er. „Ich will nicht die Lobeshymnen von Leuten hören, die den Bergbau plattgemacht haben. Das ist schon eine gewisse Bitterkeit zurückgeblieben.“

Auf Sophia-Jacoba wurde keine subventionierte Kraftwerkskohle, sondern vielmehr hochwertige Anthrazitkohle als Hausbrand geschürft. Hunderte Mitarbeiter bekamen auch nach ihrem erzwungenen Abschied noch sogenannte Deputat-Kohle, sofern sie sich die Leistung nicht als „Energiebeihilfe“ auszahlen ließen. Ende des Jahres wird nun die Lieferung eingestellt. Es gibt keine keine hiesige Steinkohle mehr in Deutschland.

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