So sieht die Arbeit eines Privatdetektivs wirklich aus

Beruf Privatdetektiv : Ganz anders als im Fernsehen

Dem Beruf des Privatdetektiv haftet etwas Verruchtes an. Ist das tatsächlich so? Ein Insider berichtet. Doch mit Männern in Trenchcoats und spektakulären Zugriffen, wie in alten Filmen, hat das nichts mehr zu tun.

Seine Profession ist ihm nicht anzusehen. Er raucht nicht Pfeife wie Sherlock Holmes, hat keinen stolzen Schnurrbart wie Hercules Poirot und trägt weder Trenchcoat noch Hut wie Sam Spade oder Philip Marlowe. Der Mann ist unauffällig mit seiner Jeans, seiner mattblauen Jacke und dem blassrosa Poloshirt. Unauffälligkeit ist auch sehr wichtig in seinem Job: Martin Müller arbeitet als Privatdetektiv. Martin Müller ist nicht sein richtiger Name. Es ist eine sensible Branche, in der er arbeitet, darum möchte er seinen echten Namen lieber nicht gedruckt in der Zeitung sehen.

Der 66-Jährige weiß, was der Beruf des Privatdetektivs bedeutet. Seit 1996 ist er bereits in der Branche als Mitarbeiter der Aachener „Detektei AC“ tätig. Und eins stellt er gleich klar: „Was man über Detektive aus dem Fernsehen kennt, hat nichts mit der Realität zu tun.“ In Wirklichkeit sitze man auch schon mal zehn Stunden am Stück im Wagen und es passiert gar nichts.

Aufträge vor allem von Firmen

Bei Privatdetektiven denkt man oft an die Verfolgung von potentiellen Ehebrechern. Zwar erledigt Müllers Detektei auch solche Fälle. Doch die überwiegenden Aufträge kommen von Firmen. Da sollen mögliche Wettbewerbsverstöße untersucht oder Lagerdiebstählen nachgegangen werden. Meistens aber wollen die Unternehmen Mitarbeiter überprüfen – etwa auf Schwarzarbeit oder, ob sie wirklich krank sind. In so einem Fall heftet sich der Detektiv an die Fersen der Zielperson, wie die zu observierende Person genannt wird.

Müller hat schon unzählige Mitarbeiter beim Blaumachen erwischt. Einer hatte sich krank gemeldet und ist zum Köln/Bonner Flughafen gefahren, um in den Urlaub zu fliegen. Ein anderer feierte mehrere Wochen krank und verlegte in der Zeit bei seinem Neubau in Polen die Dachpfannen. In einem weiteren Fall blieb ein Automechaniker wegen Rückenschmerzen zuhause, wechselte dort aber die Reifen von einem Bekannten. Ein Privatdetektiv macht in solchen Fällen Fotos und verfasst schriftliche Berichte, in denen minütlich festgehalten wird, was die Zielperson gemacht hat. Nicht selten muss der Detektiv später als Zeuge vor Gericht aussagen.

Auch Testkäufe im Auftrag der Firmenchefs macht Müller. Er kauft dann beispielsweise gefälschte Rolex-Uhren bei Ebay und nimmt Kontakt zu den Verkäufern auf. Oder er überprüft im Auftrag von Unternehmen einzelne Filialen: „Bei einer großen Baukette haben wir die Geschäfte getestet: Zehn Säcke Zement packten wir auf einen schweren Wagen und darunter lauter kleine teure Gegenstände, Laser und so weiter. Meinen Sie, da hebt einer die zehn Säcke Zement hoch und schaut da drunter?“, erzählt Müller. Auch Testbesuche in der Gastronomie gehören zum Alltag. Die Unternehmen wollen so untersuchen, wie sie ihren Service verbessern können.

Privatermittlungen machen nur etwa 20 Prozent des Geschäfts aus, erzählt Müller. Da geht es vor allem um Ehebruch. Dann kontrolliert er beispielsweise, ob eine Person in einem Restaurant in Begleitung ist. „Wir hatten jetzt einen konkreten Fall in Südfrankreich. Da sind wir von der Auftraggeberin aus der Schweiz angerufen worden, und sollten überprüfen, ob ihr Mann alleine im Haus ist oder nicht. Wir waren drei, vier Tage vor Ort. Er war alleine im Haus. Außer einer Flasche Rotwein war da nichts.“ Das könne nämlich sehr wohl passieren, dass auch einfach mal gar nichts passiert. Bezahlen muss der Auftraggeber die Rechnung natürlich trotzdem.

Das verstehen nicht alle Klienten. In einem aktuellen Fall weigert sich der Kunde, die Rechnung über 30.000 Euro zu begleichen, wie Müller erzählt. Er und seine Kollegen hatten sechs Tage und Nächte lang durchgehend eine Pferdekoppel beobachtet, weil der Besitzer glaubte, seine Tiere würden vergiftet. Doch es ist nichts passiert. Ein Grund für den Kunden, nicht zu zahlen. „Und das geht dann vor Gericht, weil er einen Dienstleistungsvertrag unterschrieben hat“, erzählt Müller, „In einem Dienstleistungsvertrag steht nie drin, dass man zum Erfolg verpflichtet ist.“ Das sei der Unterschied zu einem Werkvertrag, in dem man ein klares Ergebnis schuldig ist. „Wir erzählen nur, was gewesen ist. Nur Fakten, keine Märchen, keine Vermutungen!“

Um als Detektiv Erfolg zu haben, braucht man vor allem eins: Kontakte. „Wenn heute jemand anfängt in der Branche und hat kein Vitamin B zu gewissen Leuten, wird er in der Branche verhungern“, sagt Müller. „Von Vorteil ist immer, wenn die Leute vorher bei der Polizei waren oder beim BND, weil die gewisse Kontakte haben. Davon leben wir ja. Wenn man keine Kontakte hat, sollte man sich einen anderen Job nehmen“, sagt Müller.

Die andere wichtige Eigenschaft, die ein Privatdetektiv haben sollte: Sitzfleisch. „Wenn man morgens um sechs schon vor Ort ist, vielleicht schon mit einer Stunde Anfahrt, und die Observierung dauert zehn Stunden, braucht man Sitzfleisch. Man darf absolut kein Nickerchen machen. Wenn die Zielperson aus dem Haus kommt und der Detektiv schläft gerade, kann man den Auftrag vergessen.“ Das sei die gängige Praxis. Es sei nicht wie im Fernsehen, wo ständig etwas passiert. Manchmal kommt die Zielperson schon nach fünf Minuten, manchmal aber auch gar nicht.

Und manchmal hilft auch der Zufall, sagt Müller. In einem Fall hatte er die Observierung schon ohne Ergebnis abgeschlossen und ist zum Tivoli gefahren: „Ich setz mich da hin und wer kommt in der Halbzeit die Treppe runter? Die Zielperson!“ Müller holte sofort sein Handy aus der Tasche und machte ein paar Bilder. Denn: „Der war auch noch in Begleitung. Mit der Person, auf die es ankam.“

Wie aber läuft eine erfolgreiche Observierung ab? „Man arbeitet immer im Team. Wenn man nicht im Team arbeiten würde, ist das auftragsgefährdend.“ Nicht nur, dass einer alleine durch Unaufmerksamkeit etwas verpassen könnte. Es ist auch zu auffällig, wenn immer dieselbe Person jemandem folgt. Oft arbeiten fünf Personen zusammen, damit die Zielperson nichts merkt. „Wenn ich dauernd von einem Pkw verfolgt werde, merke ich das. Aber wenn die Fahrzeuge dauernd wechseln, dann geht’s“, erklärt Müller. Genauso verhalte es sich auch bei der Observierung im Restaurant. Dort sitzt nicht die ganze Zeit ein Detektiv und beobachtet durch ein Loch in der Zeitung die Zielperson. Mehrere Mitarbeiter wechseln sich ab. Und mit dem Handy kann heutzutage jeder unauffällig Fotos machen.

Ein Job ohne Moral?

Etwas Verruchtes, das dem Detektiv­beruf früher anhing, sieht Müller nicht mehr. „Die Firmen wollen einfach nur Klarheit darüber haben, ob die Mitarbeiter die Firma schädigen oder nicht. Da ist meiner Meinung nach überhaupt nichts Verruchtes bei“, sagt er. Dennoch sieht er auch ein moralisches Dilemma. Wenn er jemanden beim Blaumachen erwischt, könne dies auch jemand sein, mit dem man Mitleid haben müsste, ein „armer Schlucker, der von seinem Chef ausgenutzt wird“. Doch das muss Müller ausblenden: „Die Fakten sind da, da kann man nichts machen.“ Und er setzt hinterher: „Wenn ich aus dem Büro rausgehe, häng’ ich die Moral an den Haken. Sonst kann man den Job nicht machen.“

Das Geschäft läuft derzeit gut für Müllers Detektei. An Aufträgen mangelt es nicht. Während er von seinem Beruf berichtet, klingelt sein Telefon immer wieder mit neuen Anfragen. Bis zu vier Aufträge aus der Region Aachen bekommt Müllers Firma monatlich. Der Rest kommt aus anderen Teilen Deutschlands und aus dem Ausland. Dort hat Müller Kontakte zu Kollegen, die diese Aufträge dann übernehmen.

Doch die Detektei lehnt auch viele Aufträge ab. „Es muss grundsätzlich ein berechtigtes Interesse vorliegen“, erklärt Müller. Es könne nicht jeder jeden beobachten lassen. Bei Firmen liege das berechtigte Interesse immer vor. Bei Privatermittlungen sei es nur da, wenn es sich um eine Ehe oder eine eheähnliche Beziehung handelt, erklärt Müller. Besondere Rechte, wie die Polizei, hat ein Privatdetektiv in Deutschland nicht. „Wir haben hier in Deutschland die sogenannten Jedermannsrechte. Ein Privatdetektiv hat nicht mehr Rechte, als eine andere Person auch. Aber die anderen Personen haben eben nicht die Beziehungen. Ohne Vitamin B läuft hier nichts“, sagt Müller.

Auch wenn Müller über die falsche Darstellung der Privatdetektive im Fernsehen schimpft, hat er dennoch einen Lieblingsfernsehdetektiv: „ ‚Der Kriminalist’ und ‚Der Fahnder’ find’ ich ganz gut“, sagt er. „Die sind so ein bisschen an der Wirklichkeit dran.“

Mehr von Aachener Zeitung