Aachen/Düsseldorf: So kann „Reli“-Unterricht sein: sexy, cool und bunt

Aachen/Düsseldorf : So kann „Reli“-Unterricht sein: sexy, cool und bunt

Vier Füße eines offensichtlich eng ineinander verschlungenen Paares ragen unter der Bettdecke hervor. „Den Dingen auf den Grund gehen“, steht darunter. Als Plakat oder Postkarte ist dieses Motiv Teil einer Werbe- und Imagekampagne — weder für Matratzen noch für Unterwäsche, sondern für Religionsunterricht.

„daRUm“ lautet der Titel der bundesweiten Kampagne; sie startet im Bistum Aachen am kommenden Freitag, 8. Juni, um 18.30 Uhr in der Aachener Citykirche St. Nikolaus (Großkölnstraße) mit einem bunten und musikalischen Programm. Veranstalter ist der Deutsche Katecheten-Verein (DKV). „Religionsunterricht ist anders, als klischeehafte Vorstellungen behaupten“, sagt der Aachener Theologe Guido Meyer, Diözesanvorsitzender des DKV im Bistum Aachen, unserer Zeitung.

Es kommt dem DKV mit seiner Kampagne nicht darauf an, Schüler für das Fach Religion zu gewinnen; er will zur Diskussion anregen. Selbstbewusst stellt der DKV fest, der Religionsunterricht helfe gegen totalitäre Gesinnung, gegen Feinseligkeit und Hass, „gegen die Suggestivkraft der Medien“, gegen schrankenlosen Konsum und einseitige Leistungsorientierung.

Das Ende der alten Volkskirche macht sich auch im Religionsunterricht bemerkbar. Rund 3,5 Millionen Schülerinnen und Schüler und damit etwa 30 Prozent besuchen bundesweit den Religionsunterricht. Meyer nennt das „sehr viel“, ist sich aber bewusst, dass die Quote weiter sinken werde. Trotzdem sieht er Zukunftspotenzial. Der Religionsunterricht sei heute wichtiger denn je, weil die alte Trias für religiöse Sozialisation Elternhaus-Kirche-Schule zerbrochen sei, sagt Meyer. Für die allermeisten Schüler sei nur noch der Religionsunterricht übrig geblieben.

Das Fach Religion werde im Kanon aller Schulfächer zwar für wenig relevant gehalten, sei aber dennoch sehr beliebt. Der Religionsunterricht habe „hohes Ansehen“ bei Schülerinnen und Schülern, sagt Meyer und beruft sich dabei auf mehrere empirische Untersuchungen. Aachens Bischof Helmut Dieser hat eine ganz andere Sicht; er war im Herbst vorigen Jahres mit seiner Aussage über „langweiligen Religionsunterricht“, mit der er nach seinen eigenen Worten eine „kritische Schülerperspektive“ beschreiben wollte, auf Kritik und Unverständnis unter Religionspädagogen gestoßen. „Bischof Dieser liegt mit dieser Aussage quer zu den empirischen Erkenntnissen, die wir gesammelt haben“, sagt Meyer.

In Nordrhein-Westfalen wird ab kommendem Schuljahr an allgemein-bildenden Schulen der sogenannte konfessionell-kooperative Religionsunterricht (Koko) möglich sein. Landesweit haben nach einer Rundfrage unserer Zeitung knapp 250 Schulen einen entsprechenden Antrag bei den zuständigen Bezirksregierungen gestellt. Weil das Kölner Erzbistum sich nicht beteiligt, sind es im Regierungsbezirk Köln nur sechs aus dem Bistum Aachen: die Anne-Frank-Gesamtschule in Düren und die Gesamtschule Stolberg sowie die Grundschulen in Stolberg-Gressenich und im Wurmtal in Heinsberg-Randerath und die beiden Aachener Grundschulen Brander Feld und Schönforst. Im gesamten hiesigen Bistum wollen zwölf Grundschulen und drei weiterführende Schulen am Koko teilnehmen.

Lea Hütten, Leiterin der Gemeinschaftsgrundschule Schönforst in Aachen, spricht gegenüber unserer Zeitung von einer Win-Win-Situation. Außerhalb des Religionsunterrichts werde hier Ökumene längst praktiziert. Durch Koko, in dem eine katholische und eine evangelische Lehrerin jeweils zur Hälfte unterrichten, sei es zudem möglich, für alle Schüler altersgerechten Religionsunterricht anzubieten. Man achte darauf, wann die konfessionelle und wann eine ökumenische Perspektive möglich, sinnvoll oder auch notwendig sei. „Die Eltern und Lehrerinnen haben das Konzept sehr stark begrüßt.“

Andere Bundesländer sind laut Meyer mit Konzepten wie Koko wesentlich weiter als NRW. Er sieht das eigentliche Motiv theologisch: „Die großen Probleme der Menschheit spielen sich nicht auf einer konfessionellen Ebene ab, sondern liegen tiefer.“ Zwar sei der konfessionelle Unterricht im Grundgesetz festgelegt und das konfessionelle Profil dürfe nicht verloren gehen; trotzdem ist für Meyer klar: „Das Zeitalter der konfessionellen Angrenzung ist vorbei.“ Wenn sich der Religionsunterricht dem verschließe, „kommt irgendwann das Fallbeil“. Die Tendenz, ihn abzuschaffen, gebe es in vielen Staaten der Europäischen Union.

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