Kerkrade/Stuttgart: Skrupelloses Geschäft mit Katzenbabys in Kerkrade

Kerkrade/Stuttgart : Skrupelloses Geschäft mit Katzenbabys in Kerkrade

Zahlreiche kranke Katzen, die sich untereinander unkontrolliert vermehren, tote Tiere im Garten, ein vermülltes, stinkendes Haus — das ist die Bilanz von Tine Schütts Besuch bei einer Frau in Kerkrade, die in Zeitungsanzeigen „süße Babykatzen“ in die Städteregion vermittelt. Schütt ist die Tierschutzbeaufragte des Aachener Tierheims.

Über einen fingierten Scheinkauf mit einer Mittelsperson ist Schütt in das Haus an der deutsch-niederländischen Grenze hineingekommen. Vor den Augen der Scheinkäuferin zieht die Frau, die seit mehreren Jahren für illegalen Katzenhandel in der Region bekannt ist, ein Katzenbaby aus einem mit vielen anderen kleinen Katzen voll besetzten Kaninchenkäfig — und will 300 Euro kassieren. Für eine normale Mischlingskatze, deren Gesundheitszustand fragwürdig ist.

Eingepfercht in Lastwagen

Ortswechsel. Es ist zwei Uhr nachts mitten in der Woche, als die Polizei an Marion Wünns Tür klingelt. Die Leiterin des Stuttgarter Tierheims traut ihren Augen kaum, als sie sieht, was die Beamten ihr mitbringen: Es sind mehr als 100 Hunde und Katzen, die eingepfercht in einem aus der Slowakei kommenden Transporter entdeckt und befreit wurden. Eine Routinekontrolle der Autobahnpolizei hat die unfreiwillige Reise der Bulldoggen, Möpse, Labradore und britischen Kurzhaarkatzen nach Spanien abrupt beendet.

Die folgenden 24 Stunden hat Marion Wünn keine ruhige Minute. In größter Eile trommelt sie ihre Pfleger zusammen, holt ihren Sohn aus dem Schlaf, verlegt Tiere in ihre Ausläufe, reinigt Boxen und bereitet in Rekordzeit die größte Quarantäne-Station vor, die ihr Haus je gesehen hat.

Trotz ihres tagelangen Rund-um-die-Uhr-Einsatzes können die Pfleger jedoch nicht verhindern, dass mehrere Tiere an den Folgen der Torturen des Transportes sterben. Gut zwei Wochen nach dem Transport sind fünf Hunde und sieben Katzen tot, gestorben an einem stressbedingten Lebersyndrom sowie der Viruskrankheit Parvovirose.

Kerkrade und Stuttgart sind keine Einzelfälle. Immer wieder werden Großtransporte und illegale Züchter aus dem Verkehr gezogen. Während im Jahr 2016 laut Statistik des Deutschen Tierschutzbundes 495 Hunde bei Kontrollen beschlagnahmt wurden, waren es im vergangenen Jahr bereits 628. Zählt man die anderen bei diesen Transporten entdeckten Tiere hinzu, fällt der Anstieg noch drastischer aus: Ihre Zahl verzehnfachte sich im gleichen Zeitraum von gut 1100 auf fast 11.000.

„Man kann davon ausgehen, dass dies tatsächlich nur die Spitze des Eisbergs ist“, sagt die Sprecherin des Tierschutzbundes, Lea Schmitz. Gezielte Kontrollen der Polizei gibt es kaum, deshalb sind die entdeckten Fälle oft eher zufällige Treffer. „Wir stehen nicht an der Straße und fangen Transporter ab“, sagt Günter Weiß vom Polizeipräsidium Freiburg. Man sei bei der Verfolgung auf Hinweise der Veterinärämter oder von Privatleuten angewiesen.

Doch selbst wenn die illegalen Transporte auffliegen, sind die Händler oft schwer greifbar und die strafrechtliche Verfolgung begrenzt. Der Tierschutzbund spricht von einer „Welpenmafia“. Der Berliner Bundestagsabgeordnete Kai Wegner (CDU) hatte im März gefordert, einen eigenen Straftatbestand des illegalen Welpenhandels einzuführen, damit Händler härter bestraft würden.

Tine Schütt bleibt nach ihrer furchtbaren Entdeckung in Kerkrade aufgrund der Lage des Hauses nur eine Anzeige bei der niederländischen Polizei. Auf deutscher Seite wäre es deutlich leichter, der Frau wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz das Handwerk zu legen. „Dann hätte das Veterinäramt bereits in zweiter Reihe gestanden und die Herausgabe der Katzen durchsetzen können“, erklärt Schütt. „Die deutschen Behörden haben deutlich mehr Möglichkeiten einzugreifen.“ Der niederländischen Polizei steht es jetzt nur zu, eine Anzeige aufzunehmen.

Die gehandelten Tiere werden oft unter miserablen Bedingungen im Ausland gezüchtet und illegal verkauft. Spitzenreiter ist bei den vom Tierschutzbund erfassten Fällen Rumänien, gefolgt von Ungarn und Serbien. Eigentlich ist für Welpenhandel eine Erlaubnis der Behörden erforderlich — diese macht Vorgaben zu Haltung, Betreuung, Transport und zu Impfungen.

Furchtbare Lebensbedingungen

Auch die Lebensbedingungen der Katzen in Kerkrade sind katastrophal. „Alle drei bis vier Tage kommt die Frau und bringt Futter oder auch mal Katzenstreu. Ansonsten bleiben die Katzen sich selbst überlassen“, sagt Schütt. Entsprechend verwahrlost seien die Kätzchen, im Haus stinke es bestialisch. „Empathie empfindet sie für die Katzen nicht. An Vernachlässigung gestorbene Tiere wirft sie mit einer Schneeschaufel in den hinteren Teil des Gartens, wo sie dann verwesen.“ So haben es ihr die Nachbarn berichtet, die jetzt schon damit begonnen haben, potenzielle Käufer direkt vor der Haustür davor zu warnen, der Frau Katzen abzunehmen.

Für Schütt ist das genau der richtige Weg, solange die Behörden nicht oder noch nicht tätig werden. „Sieht man die Kätzchen, bekommt man unendlich viel Mitleid und möchte möglichst alle Tiere aus diesem Elend befreien, egal was es kostet. Aber so lässt sich der Handel nicht austrocknen.“

Absolut intolerant zeigt sich Schütt auch gegenüber radikalen Tierschützern, die bereits vor ein paar Tagen vier Tiere, zwei davon trächtig, gewaltsam aus dem Kerkrader Haus befreit haben. „Von solchen Aktionen distanzieren wir uns eindeutig. Die befreiten Katzen nehmen wir nicht auf. Man kann illegales Treiben nicht mit illegalen Aktionen beenden“, vertritt Schütt ebenso wie der Trägerverein des Tierheims, der Tierschutzverein für die Städteregion Aachen, einen unmissverständlich klaren Standpunkt.

Illegal gehandelte Tiere werden oft viel zu früh von ihren Eltern getrennt, haben dadurch ein schwaches Immunsystem und erkranken schnell. Agrarpolitiker und Tierschützer warnen deshalb ausdrücklich davor, auf dubiose Verkaufsangebote hereinzufallen — besonders bei sehr niedrigen Preisen oder fehlenden Papieren solle man stutzig werden, raten die Experten.

Vorsicht bei Online-Käufen

Viele kriminelle Züchter verramschen ihre tierische Ware im Internet. Besonders Plattformen wie Ebay Kleinanzeigen werden dafür genutzt. Die Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ fordert das Portal deshalb auf, in der Tier-Kategorie eine verpflichtende Identitätsprüfung der Verkäufer vorzunehmen. Die Anzeigen-Plattform lehnt das jedoch ab. „Damit ist das Problem nicht in den Griff zu bekommen“, sagte Pierre du Bois, ein Sprecher von Ebay Kleinanzeigen. Die illegalen Tierhändler seien hochkriminell und schreckten nicht davor zurück, falsche Identitäten zu verwenden.

Die vom Stuttgarter Tierheim gepflegten Hunde und Katzen dürfen im Südwesten bleiben, wie Stadt und Agrarministerium beschlossen. „Die Transportbedingungen, der schlechte Pflegezustand der Tiere und das verfrühte Trennen von den Muttertieren sind ein klarer Verstoß gegen das Tierschutzrecht“, heißt es zur Begründung.

Und auch Tine Schütt hofft, dass die niederländischen Behörden möglichst schnell reagieren und das Haus in Kerkrade räumen. Auch wenn das Aachener Tierheim normalerweise keine Tiere aus dem Ausland aufnimmt, stünde es dann bereit, bei der Unterbringung, medizinischen Versorgung und auch beim Futter zu unterstützen. Bis dahin sollte aber niemand der Frau noch eine Katze abnehmen, auch nicht aus Mitleid.